Mannheim
Compact Memory

Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-09-16 · 12 (16.9.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
12 (16.9.1927)
Date
1927-09-16
Page
[Seite] (sequence 9)
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4904101-5441811-5442978--1392-4905397
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

W WWWWWW dann nmßte ihre menschliche Böllwertigkeit dargetan werden, daß sie nicht mit dem Teufel im Bunde, daß sie nicht Christenkinder schlachten, daß sie auch im christlichen Menschen den Mitmenschen sehen und achten, kurz, sie mußten wohl oder übel den ganzen mittelalterlichen Wust von Anschuldigungen abweisen, die einst von den Erleuchteten als Wahrheit verbreitet worden und die von Millionen noch immer gläubig nachgebetet werden. Für uns ist die Frage, ob wir „zu ihnen" gehören, einwandfrei bejaht. Wir sind vielleicht nicht besser als die Anderen, sicher aber nicht schlechter als sie. „Christ und Jude, Deutscher oder „Nichtdeutscher": gleichviel — was sie eint, ist viel stärker und wichtiger, als was <ie trennt. Oder besser: es gibt nichts, was sie trennt. Der ' Strich zwischen ihnen ist nur künstlich gezogen" (Fritz Engel a. a. O. S. 437). Für unsere nichtjüdischen Mitmenschen ist aber die Frage noch nicht bejaht, und diese Tatsache ist die Rechtfertigung der beiden Sonderhefte. Wir Juden haben zumeist gar keine Vorstellung von der zähen Energie, mit der die Gespenstermärchen des Mittelalters in der christlichen Umwelt fortwirken. Wer sich einmal mit sonst gebildeten Nichtjuden in ein Gespräch über das Recht der Juden am deutschen Vaterland«, über die Mitarbeit der deutschen Juden an der vaterländischen Kulturleistung, über jüdische Sitte und Religion eingelassen, der wird zu seinem tiefen Entsetzen erfahren, wie hier sonst überall überwundener Hexenwahn und Teufelsglaube, Aberwitz und Gespensterfurcht lebendig fortwirken. Was die Bibel Israels — auch das Neue Testament ist eine jüdische Schöpfung — für die w^rnrnmmmmmm deutsche Sprache, Sitte und Kunst bedeutet, was das Christentum, das ja geschichtlich nichts anderes als eine Mische Sekte ist, für Deutschland geworden, bedarf keines Erweises für uns, wohl aber für die Anderen. Daß es trotz aller mittelalterlichen Gehässigkeit, trotz aller Abschrän-' kung und Abbindung des Juden vom deutschen Kulturleben, zu allen Zeiten Juden gegeben, die sich gegenüber allen diesen Widerständen sieghaft zur Ehre des deutschen Namens durchgesetzt haben, ist uns vertraut, den Anderen aber unbekannt. Wenn wir von alledem sprechen, geschieht eS wahrhaftig nicht aus Ruhmrckigkeit, nein, zur Abwehr des Gegners, der die angebliche Untcrwertigkeit der Juden zum Ausgang aller seiner Angriffe gemacht hat und noch heute macht!. Die Erkenntnis vom Werte der jüdischen Mitarbeit an deutschem Schaffen und Denken ist unentbehrlich zur Entwaffnung des Judenhasses, der mit mittelalterlichem Rüstzeug gegen das Anrecht der deutschen Juden an ihrem Baterlande kämpft. Sein Rüstzeug ist rostig und schartig, darum sind die Wunden, die es schlägt, besonders gefährlich. Wir müssen uns nachgerade gegen dieses Gift immunisieren. Das Mittel ist stolze Abwehr in der Erkenntnis des Eigenwertes und rastlose Arbeit im Geiste des Judentums im Dienste des Vaterlandes. Die Erkenntnis des Eigenwertes in uns zu festigen, sind die beiden Sonderhefte in bestem Sinne geeignet. Die Sondernummer der CB.-Zciitung mü ihrer Ueberfülle an überzeugendem Stoffe über die jüdische Mitarbeit an der deutschen Kultur sollte allen gebildeten deutschen Nichtjuden in die Hand gegeben werden. Sie ist imstande, jeden Gegner zu überzeugen — wenn er sich überzeugen lassen will! Beiträge zur Geschichte der Juden in Württemberg. Megillas Baifingen ». I). V. O. O. L. V. H. M. M. Im Jahre 5603 nach jüdischer, dieses ist im Jahre 1848 nach christlicher Zeitrechnung, empörte sich' Sizilien wider seinen König, den König von Neapel. > Am 24. Februar genannten Jahres brach auch in Frankreich e,ne Revolution aus, in deren Folge der König, seine Familie und Minister flüchtig iverden mußten und das Land sowohl als seine Kolonien zur Republik erklärt uwrde. Kaum war Kunde von der französischen Um* ivälzung nach Deutschland gekommen, so erhoben sich alsbald die deutschen Staaten, an ihrer Spitze die Bewohner der Residenz und Hauptstädte, und forderten von den Fürsten und Regierungen Erleichterung der Steuern und Abgaben und Einführung eines einheitlichen Regiments für das gesamte deutsche Land. Am 1. März wurde diese Forderung in Karlsruhe, Residenz des Großherzogs von. Baden, und tags darauf in Stuttgart, Residmz! des Königs von Württemberg, dem Gott alles Gute gebe, gestellt. So flog die Revolution nach Wien, Residenz des Kaisers von Oesterreich, und nach Berlin, Residenz des Königs von Preußen. Es war kaum ein größerer oder kleinerer Ort, da nicht die Bewohner sich erhoben gegen ihre obrigkeülichen Beamten und dieselben entsetztm oder zu entsetzen gedachten. In dieser Zeit war nicht bloß Revolution in oben genannten Ländern, sondern auch in Italien und Ungarn. Mächtige wurden gestürzt und das Gesindel erhÄb. sich^ und viele jüdisch« Gemeinden in diesen Ländern wurden vielfach mißhandelt. Auch wir, die jüdischen Einwohner des Dorfes Baisingen, kamen in große Rot. Tr war das Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.