Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 10 (16.8.1927)
- Date
- 1927-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 9)
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— 299 - Das Wiegenfest der 100jährigen Würtiembcigerin, Frau Sofie Stern in Schopfloch, geboren zu Pflaumloch Von Rabbiner Dr. Kroner-Oberndorf * Eine seltene Feier, rin Erlebnis besonderer Art, einen hundert Jahre alten Menschen zu sehen und zu beglückwünschen. Diese Feier wird aber zu einem Dank- und Jubelfest, wenn dieser so begnadete Mensch körperlich und geistig volle Kraft besitzt, nsie dieses Geburtstagskind, das ungemein lebendig und lebensfroh, für alles interessiert, sprudelnd von Scherz und Witz ist, das leicht und flüssig plaudert, eine ausgezeichnete scharse Erinnerung für die Vergangenheit und für alle Einzelheiten des Leöens besitzt. Gern hätte ich mir von dieser Frau, diesem lebendigen Aeschichtsbuche aus de: Zeit ih e; Jugend und de: Jugendge'chichte der Gemeind: Pflaumloch reit viel erzäh en lassen. Doch ihre Angehärigen hielien sie von all-' zu eifrigem Erzählen ab, da sie eine Ueberanstrengung für den Tag befürchteten. — Ihr Geburtstag mar ein Ehrentag für die Greisin, ihre Familie, die israelitische Gemeinde Schopfloch und die dortige Bürgerschaft. Die zahlreiche Familie war in dem Haufe ihrer Tochter versammelt, in dem als Erster der Bürgermeister des Ortes im Namen des Gemeinderats herzliche Glückwünsche in sinnigen und inhaltsreichen Worten, besonders der großen Beliebtheit der Jubilarin gedenkend, überbrachte und ein Ehrengeschenk in Form einer Kristallvase überreichte. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Schopfloch, Herr Herz, beglückwünschte die Jubilarin im Namen der Kultusgemeinde. Ich selbst sprach im Aufträge des Israelitischen Oberrates dessen herzlichste Glückwünsche aus, las die Glückwunschadresse vor, wie auch die ihrer Stuttgarter Verwandten, die von dem Präsidenten, H errn Regierungsrat Dr. Karl Nördlinger, der ebenfalls ein Verwandter der Jubilarin ist,- > unterzechnet war. Beiden Adressen waren wertvolle Ehrengeschenke beigefügt. Ich fügte dann meine persönlichen Glückwünsche hinzu, zeichnete, den Segen des Alters an Hand der biblischen Gedanken u. schloß mit dem Wunsche des PsalmesSl.: Ki malochow jezawe loch lischmorcho bechol drochecho. Die Jubilarin zeigte während der Ansprache volle innere Anteilnahme, streute hie und da eigene Bemerkungen ein und — rief mir zum Schlüsse bei An. führung jenes Psa'm.rorie') zu: „HerrRab- - biner, das sage ich je en Abend beim Krischmaleinen." Auch bei dem Festmahle im Hause zeigte das Geburtstagskind recht heitere und frohe Iestesstimmung. Das Mahl war gewürzt durch Reden, Gedichte und Taselliede:. Herr Rektor Strauß aus Dinslaken, ein Schwiegersohn der Jubilarin, sprach in ” schönen und bewegten Worten im Namen der . Familie. Ich selbst malte das Bild Pflaumlochs aus der Zeit der Jugend der Jubilarin ihr vor Augen, was sie alles teilnahmsvoll bestätigte. Sie selbst hielt eine kleine Dankrede in der Form bekannter Reime und sang aus dem Liede: Rosenstock, Holderblüt. Ein interessantes Erlebnis aus der Jugendzeit erzählte sie mir noch, als ihrem Tischnachbarn, aus der Zeit ihrer jungen Ehe (1857). Sie wohnte damals in Messelhausen bei Mergentheim. Dort galt sie nicht als religiös genug, weil sie keinen Scheitel trug! Ihre eigene Schwiegermutter hatte sie deshalb bei dem dortigen Rabbiner angeklagt. Der Rabbiner ließ sie rufen; sie weigerte sich aber energisch, zu kommen, bis der Parnas in selbsteigener Person sich anbot, sie zum Rabbiner zu geleiten. Der Rabbiner wies sie streng zurecht und sie antwortete ihm: Herr Rabbiner, ich kann Ihnen nichts versprechen, denn