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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-04-16 · 2 (16.4.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
2 (16.4.1926)
Date
1926-04-16
Page
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Geinemdesettuily für die Lsraelitiscüen Gemeinden Württembergs 8« jagsptcls: ctnföUtCUdi 8«p«Ug«lö lötjrl. 4 R«l<t)smark CtajelaumincE SO Reictiopfennlg Po|tfü|«k>Konto 1 SM S* Crftcmt monatlich rmrlmni am 1.0.11. Verlag: Jfraelttifdic Verlagsanstalt G. m. b. H. f«m|prcdxr ß.-fL iss» (nur |ftr ZXclagsabttg.) 0<t)tiftleitung; Stodtraddtner vr. titeger, Stuttgart LIn>rioI»»naro0» IS. Mc ctnlpattt famUlenao dt« Kl« Rek 8«i nx«t ln3«lg «»preis: Je nonpareUlc^eile oder deren kn 30 RetcQßpfenntg Mtgen and kleine flnjelgen metle ro Rctdiapfennlg »me 1.50 Rcttfiemark krtiütangen Vergünstigung III. Jahrgang Stuttgart, 16. flpril 1?26! . Nr.r i- Jesus war nach Shaws! Meinung „ein erstklassiger Nationalökonom", was er reichlich naiv aus Jesu Satz beweist (S. 8): „Darum sollt chr nicht sorgen und sagen: n as. werden wir essen, was werden wir trinken, n omit werden wir uns kleiden?" Jesus war ein ers Massiger Biologe, weil — er die Ueberzeugung gchi dt, daß wir und unser himmlischer Vater eins si id, und daß, da das Himmelreich in uns ist, n ir es nicht suchen zu gchen brauchen." Jesus var ein erstklassiger Kommunist, dem Shaw — rllerdings wieder'ohne den leisesten Versuch des Nachweises — die eigene Lösung der Gut rverteilung andichtet (S. 86), die gleiche Verteilung des Überschusses, der vom Nationaleinkomm:n nach Befriedigung der Ansprüche des elemer taren Komiyunismus verbleibt. Als erstklassiger j ommunist muß Jesus natürlich auch die bestcheuden Gesellschaftsein richtungen der Rechtssprechung, der Fomrilie und der Ehe geleugnet haben. So wird sein Satz: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet" drolligerweise als die Neuerung aller Rechtsprechung und Rechtsordnung ausgedyrtet (S. 89) und Jesus»zum Ehegegner und Verneiner der Fa milie gestempelt — weil er Menschen getadelt, die wegen der Beisetzung eines Toten ihm angeblich nicht folgen konnten, und veil er bei der Heimkchr nach Nazareth nicht di: Mutter sehen wollte. Shaw empfiehlt deshalb an Mich im Sinne Jesu „den Einzelnen von Ehe u ud Familie wirtschaftlich unabhängig und die Ehe so leicht lösbar zu machen wie jede andere Teilhaberschaft", denn die Ehe ist für gesunde Geister , .eine Form des Selbst mordes" (S. 97). Jesus ist also der Schöufer von Lehren, „die sich mit dem Besten im modernen Denken be rühren (S. 98)." Seine politischen, wirtschaftlichen und moralischen An ichten sind als Wegweiser der Lebensführung von bleibender Be deutung, „alles Uebrige in der Ueberlieferung von Jesus ist nur Psychoputhie und Aberglaube" (S. 116). „Er hat den dur hschlagendsten und gesunden Verstand bewiesen, c ls er den Kommunismus prckigte, als er erklirte, daß hinter dem landläufigen Glauben an 6 ott die Realität eines schöpferischen Geistes! in ins stcht, der von ihm Das Heilige. Randglossen eines jüdischen Lesers zu Bernhard Shaws „Aussichten des Christentumis." Seinem Märchenspiel „Androklus und der Löwe"', der dritten seiner Komödien des Glaubens, schickte Bernard Shaw 1915 einen umfangreichen Aussatz voraus, der im letzten Jahre unter dem Titel „Die Aussichten des Christentums" in Buchform erschienen ist. Der Meister der blendenden Antithese, der geistreich sein will auch um den bescheidenen Preis der Wahrhaftigkeit, hat sich in diesem Buche selbst übertroffen. Shaw ist der glänzendste Frager der Gegenwart; seine Fragen sind sogar wie manche Kinderfragen richtig — aber seine Antworten sind nach dem Muster mancher Eltern, die auf die Unbeantwortbarkeiten ihrer Kinder mit einer Ausflucht antworten, so leicht und seicht, daß der Sinn seiner Fragen wieder fraglich wird. Die Probleme werden wie Blitzraketen in die Abendluft geschleudert, aber sie verpuffen ganz ebenso wirkungslos. Ein wenig Rauch, ein brenzlicher Geruch in der Nase — die stärkste erzielte Wirkung ist, daß man das Taschentuch zicht — und damit ist die Wirkung erledigt. Die Fragen sind eben so übergescheit, daß die Antworten erheblich dümmer sein müssen. Und die Antworten in diesem Büchlein sind reichlich dumm! Es ist dabei nur betrübend, daß es sogar nicht dumme Menschen gibt, die sich durch das Raketenfeuer blenden lassen und hinter ihm eine Sonne vermuten. Die empfehlende Widmung eines mir als klug bekannten Mannes in dem von mir benutzten Exemplare des Buches hat 'mich recht nachdenklich gestimmt. Vielleicht muß das lateinische Sprichwort mundus vult decipi übersetzt werden: Die Welt will geblendet werden. Shaw will Kritik „eines konsolidierten Glaubenskörpers" im Kantschen -Sinne üben (S. 129). „Die Tatsache, daß ein gläubiger Mensch glücklicher als ein Skeptiker, kommt (für ihn deshalb) nicht mchr in Betracht als die Tatsache, daß ein Betrunkener glücklicher ist als ein Nüchterner (S. 123)." Er will „cklles Nötige kurz darlegen," was die Evangelien und das Verhalten Jesu verständlich und interessant" machen kann(S. 117).

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