Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 10 (1.6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Seite 7 Intensivierung unserer Arbeit durch Veranstaltung regelmäßiger Zusammenkünfte unserer Mitglieder und durch das Bemühen, das Interesse an der Förderung des .Palästina^Werkes innerhalb der Gemeinde zu beleben. Im Laufe des Juni findet auch eine Büchsen' leerung statt. ' Der Vorstand. Jtus Pirmasens. Demnächst werden die Brüder Fritz, Hans und Werner Ger« -son die Reise nach 'ihrer neuen Heimat (Argentinien) antreten. Der Verein erleidet durch das Scheiden dieser drei echten Sportka« meraden einen unersetzlichen Verlust. Besonders schwer trifft uns der Abgang unseres lieben Turn« und Sportlehrers Werner Gerson, der allen stets das Vorbild 'eines rechten Sportlers gewesen ist. Wir wünschen den beiden Familien Gerson von Herzen Glückauf in der neuen Heimat. Der Vorstand. Bücherspenden. Mit der Einrichtung einer Gemeindebibliothek beschäftigt, bittet der Unterzeichnete erneut alle Gemeindemitglieder, insbeson« dere diejenigen, welche in der Auswanderung begriffen sind, uns belehrende und unterhaltende Bücher jüdischen Inhalts zur Vertu. fung zu stellen. Dieselben werden auf Wunsch gern abgeholt oder önnen an Wochentagen nachmittags oder abends im Gemeinde« zimmer abgegeben werden. Den freundlichen Spendern sei im voraus bestens gedankt. Dr. Neilhaus. 50. Geburtstag. Unser bewährtes Gemeindemitglied, Herr Karl Kahn, feierte am 31. Mai seinen 50. Geburtstag. Der Synagogenrat, die Vorstand» schaft des Reichsbundes jüd. Frontsoldaten, Ortsverband Pirmasens und der Ausschuß des Jüd! Turn» und Sportvereins Pirmasens spre» •chen aus diesem Anlaß ihrem stets einsatzbereiten und verdienten Mitarbeiter, bzw. Vorsitzenden auch auf diesem Wege die herz» lichsten Glückwünsche aus. Steinbach ä. Glan. Am 26. April d. Js. verschied im gesegneten Alter von 88 Jahren der frühere langjährige Lehrer und Kantor unserer Gemeinde, Herr Aron Wolf, der nach seiner Versetzung in den Ruhestand seinen Lebensabend in Speyer verbrachte. Dreißig Jahre hat der Verstor» bene seines heiligen Amtes gewaltet und als Erzieher und Berater der Jugend, als Vorbeter und Seelsorger,'als Freund und Wohl» täter zum Segen aller seiner Gemeindegenossen gewirkt. Er selbst hat gern und mit innerer Befriedigung von seiner oeruflichen Tätig» keit und seinem Freundschaftsverhältnis mit den nichtjüdischen Be< rufskollegen erzählt. Ein treugläubiger, aufrechter Jude ist mit ihm dahingegangen. Alle, die dem Verewigten zu Lebzeiten Liebe und Verehrung entgegengebracht haben, werden ihm tauch über das Grab hinaus ein dankbares, ehrendes Andenken bewahren. N. Rodalben. 1 Am 1. Mai traten Herr Siegmund Neuberger und seine Frau die Ausreise nach USA an, um sich wieder mit ihren dort lebenden drei Kindern zu vereinigen. Unsere Gemeinde erleidet durch das Scheiden dieser beiden Mitglieder einen schweren Verlust. Herr Neuberger hat viele Jahre hindurch das Amt des Gemeinde vor» sitzenden bekleidet und sich stets voll Hingabe für die Interessen unserer Gemeinde eingesetzt. Seine Gattin hat ihn in der Erfüllung der Liebespflichten gegenüber allen Mitbrüdern und' Mitschwestern wacker unterstützt. Die ganze Gemeinde begleitet ihren bisherigen Vorsitzenden und seine Frau mit den herzlichsten Wünschen auf ihrem Wege in die neue Heimat. Aus Zweibrücken. Ein Seder in Zweibrücken. , Am zweiten Peßachabend vereinte sich fast unsere ganze Gc» meinde zur Sederfeier in unserem neuen, geräumigen Heim. Unser verehrter Herr Lehrer Bernstein hatte in bewundernswerter Weise alles dazu angeordnet, um diesen harmonischen Sedcr unter seiner Leitung so feierlich zu gestalten, daß ein jedes Gemeindemitglied, ob einst fern oder nah, sich immer in Dankbarkeit dieser erhebenden Feier erinnern wird. Das Motto des Abends: Wer hungrig ist, 'komme und esse mit uns, wer bedürftig ist, komme und feiere mit uns Peßach — dieses Jahr hier, künftiges Jahr in Erez Israel — (oder, wie viele wehmühtig dachten, in Amerika oder sonstwo in der Ferne) wird innigst empfunden. Auch besondere Dankbar» keit sei den Damen bezeugt, die sich in liebenswürdiger Weise zur Bereitung des vorzüglichen Essens zur Verfügung stellten, das allen in gastlicher Weise kostenlos geboten wurde. In tiefem Peßach« erleben verrannen die Stunden und dankerfüllten Herzens trennten wir uns als die letzten Melodien verklungen waren in mitternächt» lichcr Stunde. > B. E. Persönliche Nachricht. Eine Drei*Vierzimmerwohnung mit Küche sofort zu mieten ge* sucht. Angebote wollen an das Bezirksrabbinat gerichtet werden. Rabbinatsbezirk Ludwigshaffen Bewegung des Rabbinatsbezirks: Barmizwah. 28. Mai: Walter Loeb, Sohn des Herrn Albert Loeb, aus Fuß» gönheim. < Sterbefälle: 21. Mai: Herr Isaak Simon aus Bad Dürkheim, 79 Jahre. 23. Mai: Herr Max Cramer aus Speyer, 68 Jahre. 24. Mai: Frau Lina Scharff aus Speyer, 77 Jahre. Auswanderung. Nach USA: Frau Käthe Bohrmann aus Neustadt Weinstraße; Ernst Mühlhauscr, Sohn des Herrn Synagogenratsvorsitzenden AI» bert Mühlhauser, Speyer a. Rh. Herr und Frau Isaak Landmann aus Schifferstadt. Das Judentum - eine universalistische Religion. Bemerkungen zum Wochenfest. . Es bedarf keiner besonderen Begründung, warum wir am Wo» chenfeste die Megillat Ruth lesen, warum gerade diese biblische Schrift zur Festlektüre für diesen Feiertag bestimmt wurde. Wir : sehen die Heldin des Buches, die Moabiterin Ruth, auf den Feldern Palästinas zur Zeit der Gersten» und Weizenernte Aehren ein* sammeln (2,23). Da das Wochenfest in Palästina auch das Weizen» erntefest war, ist es daher naheliegend, daß jene Erzählung in unserem Festtagsgebetbuch sich noch heute findet. Auch die geschichtliche Bedeutung des Wochenfestes — wir begehen es auch als sman matan toratenu, als Tag der Gesetz» gebung — rechtfertigt, daß wir an diesem Feiertage das Buch Ruth lesen. Die geschichtliche Erinnerung, die mit dem Wochenfest ver» knüpft ist, ruft in uns den Gedanken der Auserwählung Is» racls wach,. W'ir vernehmen ja aus dem Festabschnitt, der um ersten Tage des Wochenfestes in unseren Synagogen verlesen wird, das unsere Väter, als sie am Sinai standen, auch die göttliche Zu» Sicherung erhielten: „Ihr sollt mir unter allen Völkern ein beson« deres Eigentum sein" (2. Buch Mose 4,5). Bereits der Prophet Arnos hatte in einer wahrhaft klassischen Formulierung dargelegt, was die Auserwählung Israels bedeutet, daß 'sie gleichbedeutend mit Verpflichtung und Berufung ist. „Von allen Völkern der Erde habe ich nur euch erwählt, ebe'n darum werde ich alle eure Verschuldungen an euch heimsuchen." (Arnos 3,2.) Damit 'aber ■ die jüdischen Menschen, so oft Sie am Wochenfeste das Gottes» wort vernehmen, das auf Israels Auserwählung hinweist, niemals über den Sinn dieser Verheißung im Unklaren wären und nicht etwa ermutigt würden, sich für einen engherzigen Partikularismus zu entscheiden, damit sie im Gegenteil den universalistischen Grund» zug des Judentums klar zu erkennen in der Lage wären, gelangte der Brauch zur Einführung, daß am Wochenfeste das Buch Ruth gelesen werden soll, das uns als Verkörperung der Menschlichkeit eine Moabiterin vor Augen führt. Deutlicher konnte den jüdi» sehen Menschen gar nicht klar gemacht werden, daß das Judentum :sich von partikularistischen Tendenzen abgrenzt und für das Menschheitliche, das Universale sich einsetzt. Denn — so lehrt ja die Megillat Ruth — auch außerhalb Israels gibt es Menschen, die ihre Gottesebenbildlichkeit durch Betätigung einer echten Lie» besgesinnung kundtun. Auch die biblische Ueberlieferung, welche die Moabiterin Ruth als die Ahnin des Königs David bezeichnet, stellt recht deutlich den universalistischen Grundzug des Judentums ins Licht. Man hat im Judentum im allgemeinen an dieser universa» listischcn Losung, der wir immer wieder in den Quellenschriften, sowohl in der biblischen wie auch in der nachbiblischen Literatur begegnen, stets festgehalten. Auch trübe Tage hatten die jüdischen Menschen zu allermeist wenigstens nicht etwa bestimmt den Glauben preiszugeben, daß das Gute überall auf der Erde beheimatet ist. Man vergegenwärtigte sich in schweren Tagen das Wort des R. Tanchuma: „Sage nicht, nachdem ich Schmähung und -Ernicdri' gung erfahren habe, soll auch mein Nächster sie erfahren, sondern wisse, wen du dann schmähen wirst: den in Gottes Bilde Erschaf* fene." (Gen. r. c. 24.) In diesem Zusammenhange sei erwähnt, daß Claude G. Montefiore, der verehrungswürdige Präsident der „World Union for Progressive Judaism", der am 6. Juni seinen achtzigsten Ge» burtstag begehen wird, in seinem Aufsatz, „Ein kurzes Wort über Judentum und Weltreligion" (ins Dciltschc übertragen von Mar» garete Goldstein in der Nr. 3 des „Morgen", Jahrgang 7) auf den Universalismus des Judentums aufmerksam gemacht und mit sehr eindringlichen und überzeugenden Worten die Bekenner des Israel» glaubens gemahnt, diesen Grundzug von Israels Religion immer deutlicher sichtbar werden zu lassen. „Das Judentum sollte meiner Meinung nach von Anfang bis Ende, in allen Teilen eine Universal» religion sein, in seiner Lehre sowohl als in seihen Formern, in seiner inneren Wahrheit wie in seiner äußeren Verkörperung." (S. 231.) {Derartige Aeußcrungcn, wie sie uns in dem Aufsatz des verehrten Jubilars begegnen, muten uns heute, da wir unter dem Eindruck all dessen stehen, was /wir erlebt haben und erleben, uni} uns von Ressentiments in unseren Beurteilungen beeinflussen lassen, etwas fremdartig an. Aber gerade darum sollten wir erst recht darauf achten, was die Festlcktürc des Wochenfestes, die Megillat Ruth, so überzeugend darlegt, daß das Universale, das Menschhcitlichc im Weltbild von Israels Religion nicht nur nicht fehlt, sondern einen ganz hervorragenden Platz einnimmt, wie wir immer wieder aus den Quellenschriften des Judentums icrschen können, z. B. aus der großartigen Konzeption jenes Exilspropheten, dessen Namen wir nicht kennen: „Denn mein llaus wird einmal ein Bethaus für alle Völker genannt werden." (Jes. 56,7.) I Dr. Ernst Steckelmach er, Ludwigshafen Rh. J