Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1911
- Issue
- 19 (12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 324 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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324 sie aber diese feste Grundlage hatte, zweifelte er niemals an Gott, zagte er und zitterte er nicht. Für ihn war Gott »an jedem Orte, auch wenn ers vorher nicht wußte", sowohl draußen auf der Heeresftraße, die er einsam und allein gehen mußte, umlauert von den Gefahren des Weges und der Wüste, als auch im stillen beschaulichen Dasein des Familienglückes, in der friedlichen Häuslichkeit Nicht war ihm Gott zu groß, als daß er sich nicht um ihn und seine Sorgen hätte kümmern können, nein. Gott war ihm so groß, daß er auch das kleinste Anliegen im Gebete ihm auSschütten durfte. Zu ihm betete überall 3pg: bip bipn, da er ihn überall und in allem erkannte. Das gab ihm Sicherheit und Kraft und Klarheit des Gemütes, das gab ihm einen innigen und festen Glauben. Aus der Stille und der Tiefe des Herzens fand er einen Weg zu Gott und dieser Weg war »die Himmelsleiter", die von seinem Kopfe reichte bis zum Lenker seiner Geschicke, und alle Ereigniffe seines irdischen Daseins — große oder geringe — waren die Sendboten, die für ihn sichtbaren, für die Umwelt vielleicht unsichtb aren Engel, die sein Leben mit der göttlichen Führung und Vorsehung verbanden. Wo — so fragen wir — findet der Mensch wie Jakob in der höchsten Not diesen Weg zu Gott, wo die Verbindung mit dem »Weltenführer"? ni:rp nnjq. Und wo finden unsere Reichen diese einfache Lösung des Welträtsels, dieses Suchen und Finden der Uedereinstimmung unseres Lebens und seiner Einzelheiten niit der Führung durch Gott? Und warum fehlt unserer Zeit diese Harmonie? Weil so viele unserer Glaubensgemeinschaft diese Begeisterung für Gott, wie sie Jakob zu eigen war, nicht besitzen oder — nicht mehr besitzen. Wohl lassen auch wir uns begeistern oder, wie der moderne Ausdruck lautet, »erbauen". Aber nicht wir sollen »erbaut" werden, sondern das Judentum soll erbaut werden, so verlangt es unsere Religion. Das Judentum soll erbaut werden auf jenen uralten und ewig festen Grundlagen, die da heißen: mium rrvin. Das Judentum will und verlangt daher Begeisterung. Ist aber die Begeisterung vorhanden, so erwächst von selber aus ihr die Tat, die leben - bejahende, uns Ewigkeitswerte schaffende Tat. Diese Begeisterung aber darf nicht gleichen der am dunklen Himmel plötzlich emporflammenden Rakete, die einen Moment nur alles in Glanz taucht und die Menschen zwingt zu ihr emporzuschauen, nein sie muß ähneln dem milden Lichte des Leuchtturms, das stets in gleicher