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Jüdisches Gemeindeblatt Dresden · 1938-10-09 · 18 (9.10.1938) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
Volume
XIV (1938)
Issue
18 (9.10.1938)
Date
1938-10-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT I >F U ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Nr. 18 / 9. 10. Zum Sukkotfest Von Famos Schach. Daß der Jude sich aucBK treuen kann. das klingt uns freute wie ein Märchen .ms der 1/aumwelt oder gar wie eine bittere Ironie. l ud doch ist d in Wort „Seelcnfreudc" keine leere Forme", auslwelchcr" der *iha!t entschwunden ist. wenn wir wie unsere Vater unsere Freudenfeste leiern. Unsere Väter in ihrer schlichten i'r<»iiiii::^kcit dr.ui^etftief in die jüdische Seele ein. Sic «übten, d.ii! d.i's Judentum etwas anderes unter Freude '.erstellt: ' keinen Rausch, kein Vustobcu der' Sinne, sondern ein 'S i c ij e i Ii e.b e n zu m 0 u el I inner e n Leben». Uiisiyc IveltgioMspliilOsophie hat das Wort ..Simcli.it -ifatiejescii '. FrcmJen der Seele, geprägt und damit den tieisteii 'Begriff der Freude verbunden: die Flucht aus dem Alltag in höhere Regionen, da» - Megrciicii. daß der'Mensch nicht von Mi"! allein feilt, dali auch seine Seele Nahrung haben will. aKo Stunden?der Weihe und des Nachdenkens. Der Mensch soll die Schönheiten der Natur genießen. sich aber nicht he rauschen., Bei aller Freude des (ieiuüts soll er das Religiöse, das Göttliche in skh mein vergessen.' bei allem Schauen des Zeitlichen soll er der F.wigkc't gedenken-. Und auch in schwerer Zeit s..|| er hi den* ge\< einten Feststunden die Sorgen bannen und sich. eint höhere Siiminung schaffen. Ft d.is möglich? Stellt das 'jjclit im Gegensatz zur Natur? So tragt unsfle Zeit. Und das Judentum antwortet: Möglich ist aftes.jYcas vm einem starken-Willen getragen ist. natürlich ist alles, v. o/u eitr t tlatibeii'geiiiüt sich emporringt. Unsere Ahnen haben nns diese Weltanschauung vorgelegt, haben uns gezeigt, dal! der -Mensch starker als sein Schicksal sein kann. Der sittliche Mensch soll nicht au der Stunde haften, er soll sich in die Vergangenheit ver'.ie'cn und seinen Itlick in die Zukunft erheben, dann erscheinen die Tragödien des Lebens weniger gefährlich, (las Tragische ruht doch schließlich' im Ausgang, nicht im Stadium der F.ntw icklung. Wer geschichtlich denkt und der Jude »oll geschichtlich denken —, verzweifelt auch in schwerer Stunde mein, ucii er \yciß. dal! ein höherer Sinn im W'eltgeseiiche« w.die;' und dal! trotz allem Schw eren der Weg K , der Menschheit aufwärts fuhrt, nicht immer'auf gerader Linie, aber doch /Hin göttlichen Ziel. Das ist der Trost der gtiiti.ilten Menschheit, die Zuflucht der bedrängten Seele. Das Schicksal hat uns Juden im Laufe der Geschichte nicht verwöhnt und in irgend einer Form haben wir immer gelitten, und doch gingen wir mutig den Weg des Lebens weiter, weil Wir-ein Zielfvor Augen hatten, weil w ir dem Leben einen höheren Sinn verliehen. Das Leben unserer Väter war in manchen I pochcu noch eingeengter als das unsrige. und docli leuchtete es aus ihnen heraus und au den Festen gab es Herzensfreude in der Familie und in der Gemeinde. Man muß es ergebt haben, wie die armen Juden alle Sorgen von sich abs wälzten und mit ganzem Herzen am Thora-Freudenfest jubelten. Strahlend-trugen sie die Thorarollen im Arm als ihr kostbarstes Gut, die Thora, für die sie so sehr litten. Ja, je mehr sie iür sie litten, desto inniger liebten'sie sie. Es war ein herzerfreuende* Bild, die ganze Gemeinde Israel vor Gott jubelnd zu sehen. Diese geplagten Menschen waren am Feste anders, verwandelt, verklärt. Sie verstanden es. sich vom Irdischen abzuwenden und mit ganzem Herzen dem Göttlichen zuzustreben. Ihr Glauben hat ihnen Lebenskrait, Lebensfreude gegeben. So haben sie sich erhalten. Die Geschichtekopiert nicht und gewill liegen die Verhältnisse heute anders. Und doch können und sollen wir aus der Geschichte lernen und die Vergangenheit muß uns ein Wegweiser in die Zukunft sein. Wir waren im Grunde immer unterwegs, — das ist unser Schicksal. „Den Wanderstab in der Hand, den Gürtel um die Lenden" — das ist Symbol des jüdischen Lebens seit dem Auszug aus Ägypten. Aber wer ein f 'Ideal hat. ist nie heimatlos. Unsere Väter trugen ihre innere Heimat immer mit sich, das schützte sie vor Verzweiflung und Stumpfsinn, den gefährlichsten Polen des Gemütslebens., Der —Weg der Geschichte geht trotz aller Hemmnisse weiter'und die Judenheit geht nicht unter. Der Jude, der an seinen Gott glaubt, muß auch an den iüdischen Beruf als Künder ewiger < Wahrheit, als Kämpfer für Gerechtigkeit, glauben. Das jüdische Leben ist wie eine Drehbühne: dunkelt es in einem Teile, dann leuchtet es im andern um so heller: Die Vorsehung hat uns in allen Drangsalen der Zeit erhalten, weil unser Leben einen Sinn hat. sie wird uns auch weiter schützen. Ein bekannter moderner Philosoph nennt die Juden „die unverbesserlichen . Optimisten in der Geschichte'.,Ja. wer ein Ideal zu verteidigen hat. ist Optimist, und w er kämpft., glaubt an den Sieg. Dieser (»ptimismiis war unsere Stärke, unsere Lebenssehnsucht wurde zur Lebenskraft Hat die GeschiChltTnicht unsere optimistische Vufi'assung sanktioniert? Viele große Völker .sind im Laufe der letzten zwei Jahrtausende untergegangen, das kleine Volk Israel ist geblichen, um. wie Goethe sagt, die Grolle Gottes zu verkünden. Und solange die Judenheit den Sinn ihres Lebens versteht, solange wird sie leben utul der Menschheit nützen. Das ist die ewige sehlichte Wahrheit, die uns die Geschichte lehrt, das indische Leben schreitet "vorwärts, auch wenn der Weg uns noch unsichtbar ist. Wir kennen die Formen unseres Zukunitsseins; nicht, aber die grolle l^inie ist uns vorgezeichnet,, sie iührt .iiiiw.ärts. Nur müssen wir die'Zeichen der Zeit vers,ehen. W ir müssen die < »pfcrfrcudfSfkeii. den Genieinsinn. die I ie''e in einer Zeit schwerer Krise.ijjesonders stark zeigen. In schwerer Zeit erwachsen schwere Pflichten für.'jeden und es •nur. sich /eigen, ob wir unserer grifllen Aufgabe gerecht werden. Unsere jNpt ist groß, w ir mijs&eji sie alle gleich tragen. /. Das ist die Lehre der Zeit. Ein schwerer W inter steht uns bevor. Zeigen wir. daß wir Bruder in der Not sind, daß wir in der Hilfe bis an die äullerste Grenze? des Möglichen gehen. Vusgleich aller Differenzen, aller {Unterschiede des Standes, der Bildung und des Besitzes, das j^t uhs not. Unsere Väkcr wohnten nach biblischer Vorschrift arm und reich die sieben l äge des Festes in der schlichten TJütte unter dem Schutze Gottes.' Das war ihnen ein Symbol'der Gleichheit, der Fälligkeit. Und sie nannten die Sukka ..Friedenjjjjiütte" Sukkat schaloin, weil der Friede im Mittelpunkt der jüdischen Weltanschauung steht. W ir bedürfen heute dieses inneren Friedens mehr als je, wir bedürfen der Bruderhilfe. Alle-Einseitigkeit, aller Parteigeist muH aus.unserer Mitte weichen, die gemeinsame Not soll uns als einheitliches Volk, als e t h i s c Ii - r e I i g i ö s.e Gemeinschaft finden. Nur m> können wir das Schicksal meistern, und vieles, vielleicht das Beste retten. Unsere Feste sind die Rast-Stationen, von denen man das Leben ruhiger und sicherer überschauen kann. Die Feste können auch Kraftspender sein, aus denen die Kraft iür den Alltag mit seiner Schwere fließen soll. ,.Du sollst dich an deinen Festen freuen!" ruft uns die Bibel zu. Freue dich im Frühjahr, wenn die Natur erwacht -- Pessach —, freue dich mit den Erstlingen der Naturerzeugnisse — Schabuot — und freue dich mit dem Ertrag des gesegneten Jahres — Sukkot. Aber es soll eine seelische Freude sein, der Mensch soll zur Besinnung, zur sittlichen Umkehr gelangen. In deiner Freude sollst du des Leidenden gedenken, der schönste Dank für das, was dir beschert wurde, soll sich in deinem Opfersinn zeigen. Der soziale Ausgleich ist ja das höchste Ideal des Judentums. Man kann nicht fromm sein, wenn man nicht gerecht ist, — das Göttliche führt über das Menschliche. Daher war auch an den Festtagen die Freude an der sozialen Hilfe besonders stark ausgeprägt. Geschichtliches Denken und soziales Empfinden, Versenkung in die Vergangenheit und Streben nach Fortschritt und Gerechtigkeit, — sie sind die Grundlagen der iüdischen Natur und der jüdischen Entwicklung. Und sie werden stets die charakteristischen ,Merkmale des wahren Juden bilden. Wir sind anders und im Anderssein ruht unsere Kraft. Aber anders sein heißt nicht niedriger sein. Das wird und muß die Menschheit begreifen. Wir sind, wie uns Gott geschaffen hat, w ir können und wollen unsere Natur nicht verleugnen. In aller Bescheidenheit sind wir stolz auf unsere Kultur, die der Menschheit viel gegeben hat. Frei von Uberhebung nehmen wir dankbaren Herzens das Gute und Schöne, wo wir es finden, aber wir machen es zu unserem Gute durch Verschmelzung mit

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