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Jüdisches Gemeindeblatt Dresden · 1938-07-01 · 13 (1.7.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
Volume
XIV (1938)
Issue
13 (1.7.1938)
Date
1938-07-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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SÜDISCHES GEMEINDEBLATT ORGAN DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN $ MITTEILUNGSBLATT DES „SACHS. ISRAEL. GEMEINDEVERBANDES" Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda betr Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiete XIV. Jahrgang Dresden, den 1. Juli 1938 Nr 13 Den Blick zum Fenster*. Dr. Martha W'ertheiiuer. Merlin Im den geistigen und seelischen Äußerungen der Juden in Deutschland ist seit Monaten eine Einheitlichkeit in Erscheinung getreten, wie sie leider bei uns.immer nur hu passiven Verhaltet! 'festzustellen ist.' während sie noch hiniier nicht zu einem einheitlichen Handeln geführt hat. Ks ist die t neienistumnung. die Iii allen Gesprächen zutage tritt, gleichviel, ob dies Gesprach von zweien oder in einem kleinen Bekanntenkreis oder in aller Öffentlichkeit von einem Rednerpult ahs oder in einem jüdischen Matt geführt wird. Die Notwendigkeit, jüdische Auswanderung ...vorzubereiten, möglichst vielen der Untern in einem Lande über See oder da und dort auch in Huropa neue Möglichkeiten des Broterwerbs für sich und die Ihren zu 'gehen, ist /war eine allgemeine Erkenntnis unter uns. aber w ir begegnen ihr, trotz der Bemühungen von Zweck Vereinigungen, jüdischen Gemeinden und der Reichsverfretung der Juden in Deutschland offenbar doen immer nur individuell, jeder für sich und die Seinen. Als Grund für diese Haltung mögen die erschwerten Finw auderuugsbcdingungen in allen Landern der Erde gelten, aber mit diesem Grund ist noch keine Berechtigung für diese Haltung aufgezeigt! Unsere Juden in Deutschland, soweit sie ihre Auswanderung schon eingeleitet haben oder noch in den Vorbereitungen und Plänen stehen, gleichen Menschen, die wartend in einem Zimmer sitzen. Sie haben den Blick auf die I ure geheftet, sie warten darauf, daß diese Türe aufgehen soll. Und während sie warten, leden sie miteinander: von dem. was mau durch diese I ure iiiu hinaustiehmen wird und darf, was man zurücklassen muH. rede i von Möbeln. Kleidern. Werkzeugen. Geld, von den Papieren, die für sie diese Türe allein öffnen können .von Xffiduvits. Cliani.:- den. Zertifikaten, von den Brieten, die sie an ihre Verwandten über See geschrieben haben, von den Hoffnungen, die sie daran knüpfen, von den Enttäuschungen, die sie fürchten, und da« sie dann nicht wissen, was sie tun sollen. Unsere Menschen, die mit dem Blick* zur Iure sitzen, sind wie Menschen, die nur noch zu reden und zu hören vermögen, wobei wir nicht verkennen wollen. daß die ineisten dieser Redenden bereits anfangen, auch .den Sinn des Hörens einzuhüllen. Ihre Gespräche sind Monologe geworden und gleichen dem lauten Reden eines Kindes, das sich die Angst vor dem Alleinsein vertreiben w ill. Keiner, der solche Gespräche im Wartezimmer führt, hört überhaupt noch hin. WttS der andere sagt. Mau hört nur für sich heraus, mau spricht nicht zueinander, sondern von sich selbst. Es ist offenbar, dali über der Sorge, die materielle Substanz in den neuen Lebenskampf hinüber zu retten, die seelisc Ii t Substanz zu schwinden an längt. Schwindet sie aber wirklich, so gehen unsere Menschen in das andere Land mit weniger Mitteln, als wenn sie nur den Stab in der Hand , hätten wie unser Vater Jaakob. als er das Zelt und die reichen Herden Jizchaks verließ. Sie zehren ihre seelische n Energien auf. während sie mit dem Blick zur Iure sitzen und Monologe halten, weil sie vergessen haben, da« hinter ihnen , in diesem Zimmer ein Fenster ist. weil ihnen der Blick durch dieses Fenster, der Blick ins Freie abhanden gekommen ist. Es tut not. dal! wir diejenigen, die wartend nur auf die Türe starren, an der Schulter fassen und sie umdrehen und sagen: ..Sieh hinaus! Hab endlich in diesen Tagen hier wieder einmal \ ugen; statt eine unaufhörlich redende Zunge und ein vom Hören übermüdetes Ohr!" Sehen' Können es die Unsern nicht mehr? Her Blick aus dem Fenster bedeutet die Begegnung mit-Gpttes weitem Himmel, dent- Wachstum auf der geschaffenen Erde, dem Leben und Tod ihrer Geschöpfe, die erschütternde Erkenntnis von den Gesetzen Ii lies Seins, vom Wechsel zwischen Blütezeit und Winierschkn. du- Hinwendung zu dem Licht der Mei ne, mit -deren \iitgan : und Niedergang Israels Leben von (iott selbst \erheihend verglichen wurde.. Wo sind die Menschen unter uns luden, die im vertrauten Kreis von solchem Blick aus dein Heilster sprechen, deren ■Gespräche sich dem Widerschein dieses Blicks in den Werken der Weisen und der Kunstler zuwendet) und die davon deu Schwung, die Zuversicht, die persönlichen Energien gewinnen, ohne die man keinen Lchcnkampi zu führen vermag? .Allenfalls, dafi wir einander an einige von jenen W erten erinnern, die wir gerade im Judentum durch alle Zeiten hindurch erhallen und zur l.Micllc unserer Kräfte gon.rcht haben: die Familie und die Verthehtuug auf die Hilfsbereitschaft eines Juden für den andern. Aber von den vielen übrigen Werten, die uns ireibcli im Ghetto des Mittelalters allmählich abhanden kamen, ist auf einmal karfm noch die Rede: von der Schönheit der geschaffenen Welt und der llerrhehkcit ihres Schöpfers und von der Ehrfurcht vor allem, was Menschenantlitz trägt. Wir sind in Gefahr, den Zusammenhang mit der weiten Welt einzuhüllen. Gerade, in der Zeit, in der wir uns vorbereiten, körperlich in diese W eite zu gehen, in der w ir in den Zusammenhängen mit den Reichen des Lrdhalls. Menscheniun und -lassen und dem. was bestimmt, denken mühten, begeben wir uns trage des seelischen Zusammenhangs mit den Kräiieiiuellen jedes einzelnen von uns und unseres Volks, Es bedari keiner Ausdeutung, was die Hinwendung zu Naturcrkeiintnis und Naturschoiilieit uns \ermittelt. Wir wissen auch alle, welch ein Rüstzeug wir der Wissenschaft Europas, seiner Bildung, seinem Kunstschaffen, im unsere seelische und geistige Widerstandskraft verdanken. Wir glauben fromm au die Verpflichtungen des Judentums auf Rechtssillil und Menschenliebe, dieses Judentums, das unserem Ich die Weite des Wir hinzugefügt hat und mit seinem ..Hu sollst" den engen Kreis des Egoismus iiir unsere Linzelgcgcnw art und unser Volksleben der Zukunft auirili. l».is alles umfallt ein einziger Blick aus dem Fenster! Aber wer tut ihn ohne Hille? Sic sitzen und starren auf die Türe. Und wenn sie durch sie hindurchgehen, gehen sie inUdie, jetzt schon verbraucht, blind für den Weg. den ihnen der Blick aus dem Fenster im voraus hätte zeigen können und müssen. Wir sind Juden. Das heiBl uns. den einzelnen sich llicllt selbst uberlassen, ihm von der Gemeinschaft' her Hille bringen, Diese Hille aber darf sich nicht im Materiellen erschöpfen auch Beratung ist in diesem weiter gespannten Sinn nur materiell sie muß von denen-her. die dazu berufen sind, auch d i e II i I f e bringen, d i e a u t E r h alt II K g der seelisc Ii e r Energien abzielt. Das aber geschieht durch die Herstellung eines lebendigen Zusammenhangs jedes einzelnen unter uns mit den unverlierbaren Gütern des Herzens und des Glaubens. Er geht uns verloren, wenn wir nicht aufhören zu reden, zu reden und immer nur in der ersten Person. n

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