Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt Dresden · 1938-05-01 · 9 (1.5.1938) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
Volume
XIV (1938)
Issue
9 (1.5.1938)
Date
1938-05-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/6492329-5739447-5770408--131-4895342
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 9 / I 5.38 GEMEINDF.BLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN '>eite 3 Englisch oder Spanisch? Daß die wichtigste Vorbereitung zur Auswanderung im Sprachstudium besteht, ist wahrhaftig keine Neuigkeit. Immer wieder ist gesagt worden, daß man mindestens ein halbes Jahr vor der Auswanderung mit der Erlernung der künftigen Umgangssprache beginnen soll, dali gründliche Spruchkenntuisse den einzigen ..hundertprozentigen Transfer^ darstellen, der uns Juden in Deutschland verbleibt: und nicht zuletzt', dali die Unterbringung von Kaufleuten und Akademikern ohne gute Kenntnisse der Landessprache iast unmöglich und den Hilfskomitees in Übersee auch gar nicht zuzumuten ist. Aber was hilft das alles? Noch immer wandern Monat für Monat viele Dutzende, wenn nicht Hunderte von Personen aus. die kaum ein paar Worte der künftigen Landessprache beherrschen: noch immer gibt es jene Schlauberger, die so phänomenal begabt zu sein vorgeben, dali sie die Sprachstudien erst ..auf dem Dampfer" zu beginnen brauchen, um bald perfekt ZU sein. Vor allem aber gibt es eine wunderbare Ausrede aller Kaulen, dali man ja nicht wisse, ob man schließlich in ein, englisch- oder m ein spanlachsprechendes Land käme und daß man . daher mit dem Sprachstudium ..leider" noch nicht beginnen könne. Deshalb ist es vielleicht an der Zeil, -einmal folgendes festzustellen. Mindestens zwei Drittel aller jüdischen Auswanderer aus Deutschland, die nicht nach Palästina gehen, kommen in angelsächsische Länder: stehen doch die Vereinigten Staaten z. Zt. bei weitem an erster Stelle als Zielland unserer Auswanderer: daneben spielt \ustr.ilieii eine sehr wichtige Rolle. Andere englischsprechetide Länder, wie vor allem England selbst nebst Irland, ferner auch Neu-Seclaud. .Ken;\ a. Indien''usw. kommen hinzu. Unter diesen Umständen ist die Erlernung der entl'isehen, Sprüche selbst für den. der sich auch nur mit entfernten. Auswanderungsabsichten trägt, eine absolut gebotene Vorsichtsmaßnahme: wer jedoch kurz vor der Auswanderung stellt, der muß mrt aller verfügbaren Krait sich um eine intensive Erlernung des Englischen bemühen. Demjenigen aber, der furchtet, nicht in eitlem angelsächsischen Land Einlaß zu finden, muß einmal folgendes gesagt werden. E n g - lisch ist die Welthandelsspraehe: es ist ferner auch in weiten Teilen der Welt, in denen andere Landessprachen herrschen, ein unentbehrliches Yerständiguugsmiltel in allen internationalen Kreisen. In ganz Ostasien, d. hv in China. Japan, in der Mandschurei, den Philippinen usw. wird außerordentlich viel englisch gesprochen und iii den meisten dieser Länder kommt der Fremde, wenn er nur cijglisch kann, auch häutig ohne Kenntnis der Landessprache ganZi gut durch. Vor allem aber'ist auch und gerade in den Gebieten' L a t e i n - A m.e r i k a s . in die jüdische Einwanderung aus Deutschland heute weitgehend richtet, d. h. iu Argentinien. Uruguay. Brasilien und Columbien, die Kenntnis des Englischen zum mindesten für alte •' Kaufleute von großer Bedeutung und verschafft deui Einwanderet einen großen Vorsprung vor all denen, die' nur die Landessprache, d. h. spanisch bzw. portugiesisch beherrschen. In diesen Ländern sind Milliarden \ o n Dollar und Pfund augelegt und große englische und hdrdamerikanisclie Konzerne beherrschen wichtige Teile des Wirtschaftslebens. Auch sind ihr ganz Südamerika die Vereinigten Staaten oder England die wichtigsten Außenhandelspartner, luden größten Städten Latein-Amerikas, wie Buenos Aires. Rio. Sao Paulo, befinden sich auch starke Kolonien von Engländern oder Yankees. Dies hat zur Folge, daß auch außerhalb der kaufmännischen Berufe die Kenntnis des Englischen für viele Kategorien von Einwanderern äußerst nützlich ist. Insbesondere gilt dies für weibliche Arbeitskräfte wie Stenotypistinnen, Hausangestellte. Gouvernanten, Lehrerinnen usw; Wer In' englischsprechenden Familien brauchbar ist. kann häufig sehr viel höhere Gehälter verlangen, als derienige. der nur in einheimischen Familien unterzubringen ist. Andererseits aber ist es ein großer Irrtum zu glauben, daß die Kenntnis des Spanischen mit dem Moment nutzlos ist, in dem man das Affidavit ihr die U.S.A. in der lasche hat. Nein, auch I und gerade iu den Vereinigten Staaten sind spanische Spruchi kenntnisse ein äußerst wertvoller liesitz. Man darf nicht vergessen, daß die Vereinigten Staaten in intensiven Handelsi beziehtingen zu den latcin-amcrikaiüschen Ländern stehen: deren Umgangssprache aber ist. von dem portugiesisch sprechenden Brasilien abgesehen, m dem ganzen gewaltigen Raum von der Nordgrenze Mewkos Ins zum FcnerlamJ nur s p a n i s c Ii. Deshalb wurde dies in den Vereinigten Staaten einwandfrei die w ichtigste Fremdsprache: ia es ist obligatorisches Lehrfach auf allen Secondarv Sehools! Eine Stenotypistin, die spanisch kann, findet viel leichter und besser Stellung als ihre Konkurrentinnen ohne diese Kenntnis: ja selbst wenn sie englisch nur einigermaßen beherrscht.^dafür aber gut spanisch kann, hat -sie noch einen erheblichen Yorspruug vor all denen, die perfekt englisch, aber kein spanisch können. Dali für den Kaufmann, der im Im- und Exportgeschäft tätig sein will, die Kenntnis des Spanischen eine unentbehrliche Voraussetzung bildet, liegt auf der Hand. Aber selbst hiervon abgesehen, gibt es TeiM* der Vereinigten Staaten, in denen noch heute viel spanisch gesprochen wird. Naturgemäß sind es die Gegenden m der Nähe der mexikanischen Grenze, Vor allem in den Staaten New Mexiko upd Arizona. Die Antwort auf die Frage ..Englisch oder Spanisch?*' ist also sehr einfach: nämlich Englisch zumindest < für Kaufleute aul alle Fä-tle und wenn irgend möglich, auch S p a n i s c h. Unter den'gegenwärtigen Bedingungen in den Eiuu andertiugs- I.indem ist nur ein Teil der iu Deutschland zur Auswanderung drängenden Kaufleute und Intellektuellen tatsächlich'in t .'bersee unterzubringen. Iu Erkenntnis dieser Sachlage wird der 11iIfsverem die Entscheidung, wer mit öffentlich jüdischen Mitteln /.tu Auswanderung gebracht werden soll, mit in erster Reihe davon abhängig machen. (>b der Betreffende tiber ausreichende Sprachkeuntnissc verfügender nicht. Dresdner Lehr haus-Vortrat». Herr Rabbiner Dr. <>chs (Leipzig) sprach im gui neMicMtCU Schie-Saal über ..Das religiöse I. e he ■ i in Erez Israel". Noch ganz erfüllt von den tiefen Eindrücket! seiner jungst stattgehabten Reise im Heiligen Lande', vermochte er es mit seinen lebensvollen begeisterten Schilderungen der vielseitigen religiösen Formen auch" seine Zuhörer sehr zu rvsscln. Uli wanderten mit dun durch die so verschieden gearteten Gottesdienste der {Mim aus Deutschland, aus Pole», denen der Alituagdiiu und der X'hassidiltÜ der Jemeniten Und derer aus ■Buchara, wie sie in dein indischen Stadtteil'Rcchaw iah iu '.lerns.ileui.sn nah beieinander shtt'tfiüAeft. Dr. 'Ichs ging dann auf Fragen der Jugenderziehung ein. auf •tlife Konfrontation der dortigen Pravis des Lebens mit den religiösen Geboten: wie dei Schahhath gehalten wird, und wie die ..Mizwoth haare/' sich durchsetzen. Auch das dortige werdende < Ictiidiidelcbcii lütt seinen rjibbiuischcii Spitzen und seinen ver.iulvv nrtungsieieheii \uigabeii fand anschauliche Schilderung, vvie auch das von der Initiative Einzelner und von Vereinen getragene Synagogen- und Schulwesen. Schließlich iiihrte uns der berufene Redher noch an die Heiligen Stätten des Landes lind zu einer ergreifenden (.ebetsstmide au die Kotel luuaraw i. E.H. Buchbesprechung. Birtlia Bööt-Strauli: ..Jüdinnen". Joachim MmM-uiii Verlag, l'crlin io.t;. Das Htmrictta Szold gewidmete Küchlein vermittelt in ergreifend geschilderten Schicksalen die Kennlni.-. von der Wandlung, die die jüdische. Krau im Laufe der Jahr tau-etide unserer Geschieht«; erfahren hat: Aus einer 'Fülle' liebevoll zusammengetragenen Materials zeichnet die Autorin ' mjt markanten Strichen die destall der jüdischen Fr»D, wie sie iniii in der kl.i-si-ch-jüdischcn Zeit, in den Ghettos und in den Salons der Aufklärung-Zeil entgegentritt. Packend darge-tellte Lebensbilder jüdischer Sozialarbeiterinnen unserer Zeit bilden ■lep Schluß des überaus lehrreichen Werkes, daim hohen < irade geeignet ist. der.i-Erjieuening echt jüdischen WcseHdie Wege zu ebnen. Die Lektüre defesselnden Huehes sei besonder- ' un-eren Mädchen uml Frauen w,ärm-tenempfohlen.; . '!' ■ Dr. }

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.