Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIII (1937)
- Issue
- 18 (14.9.1937)
- Date
- 1937-09-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT ORGAN DER ISRAELITISCHEN DRESDEN MITTEILUNGSBLATT DES „SACHS. RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN rArr ISRAEL, GEMEINDEVERBANDES" Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksoufklörung und Propaganda b e t r. 0 b e rwadiung der geistig und,kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebie t .= XIII. Jahrgang Dresden, den 1. Oktober 1937 Nr. 19 Jüdische Profile eines Jahrhunderts Von Mei'r Gerlner (Hamburg) IV. Rabbi Elijihu Qaon von Wilna (Fortsetzung aus Nr. 17) Talmud „Betrad-tel olfenen Auges all die kleii in, minutiösen Gestaltut gen (des Lebens), die dort (im Talmudgeselz) zu Tausenden zerstreu! sind und'sagt Seht Ihr Bichl vnr Euch eines gansen Volkes Lebensgesobehen. das wlhrend seines Ablaufs in allen seinen Verästelungen und Nuancen sieinfesie Forin angenommen hat? . . . Und siehe: luweilen loumi ein bedeutender Mann ein großer Künstler, kommt und i ührt dieses steingewordene Leben mit Arm Golttss'ab — — d-r Geniekraft — an. und es beginnt ein zweites Mal tu wunderbarster schöpferischster form zu leben." (Chajim Nadroin Hialik) Wie nennt man ihn, den Talmud, wie nennt er sich selbst? Man sagt: das Meer des Talmud. Er nennt sich: H.ilacha — Lebensweg. Er heißt auch: Gesetzeszaun, Wall und Mauer. Auch Mysterium wird er genannt. Was aber war er jahrtausendelang? Er war die Heimat eines heimatlosen Volkes. Das Nationalheim der staatenlos gewordenen Judenheit. Jahrhundertelang bauten die besten Baumeister an diesem Heim. Sie bauten es, indem sie die in der Bibel vorgezeichneten Grundformen ausgestalteten. In diesen Formen lebend, formten sie das Leben künftiger Geschlechter. Der Talmud ist die Welt des Ernstnehme ns. Alles, jede noch so gering scheinende Vorschrift oder Andeutung der Torah, wird ernst genommen und streng interpretiert. Hart und unerbittlich sind die Ergebnisse Denn: nimmt man es mit dem Bibelgesetz genau, geht man ihm folgerichtig und zielgerecht nach, so gelangt man zur talmudischen Auslegung. Voraussetzung: der Glaube an die Göttlichkeit der Bibelgesetze. Wenn Goit befahl, „das Zicklein nicht in seiner Muttermilch zu kochen", so ist es nötig — will man das Gotteswort ernst nehmen, und das muß man! — zu wissen, ob das Verbot nur das Zicklein oder auch anderes Fleisch meint; ob dies nur in der Muttermilch oder in jeglicher Milch, ob es nur gekocht oder auch nicht gekocht verboten ist; ob das Essen oder das Kochen oder b e i des verboten ist; ob nur Säugetierfleisch oder auch das von Geflügel oder sogar von Fischen mit Milch verboten ist. Wenn an Sabbaten und Feiertagen .keine Arbeit getan werden soll", ist es wichtig zu wissen, was Arbeit ist. Ist ein Taschentuch tragen eine Arbeit? Sollen Sabbat und Festtag ihre Sonderweihe haben, so ist dit» von Heine belächelte Frage vom „fatalen Ei" schon wichtig genug. So entstand ein strengernster Bau, in dem harte und unerbittliche Regeln herrschen. Lind das Leben war ja auch so hart. Die Heimatlosigkeit wirkte auflösend. Die Nation mußte mit einer festen Ringmauer umgeben werden. Ihr Fundament: Glaube; ihre Quadern: Gesetze. Aber: kann die Seele in Gesetzesmauern leben? Kann das Gemüt hinter eisernen Gittern Fröhlichkeit bewahren? Kann der Lebensstrom in steinernem Gefäß frei fließen? Gewiß nicht! Allein: der Talmud ist nicht nur eiserner Zaun und felsige Mauer, sondern auch tiefes Meer und beseligendes Mysterium. Denn nicht nur harte Halachagesetze versteht er zu schmieden, sondern auch poetische Agadageschichten weiß er zu erzählen. Der Sabbat ist nicht nur ein Tag, an dem man nichts tun darf, sondern er ist die Königstochter, die Prinzessinbraut, die sehnsüchtig Gott nach ihrem Partner fragt: denn der Sonntag habe ja den Montag, de Dienstag den Mittwoch und so fort, sie aber sei allein. Gott der Schöpfer tröstet sie: ihr sei Israel als Bräutigam ausersehen, der Himmel, werde die Chuppah, das Baldachin, und er, Gott, der Trauzeuge sein. So hat die dichterische Phantasie den Sabbat, einen Zeitabschnitt, mythisch-symbolisch personifiziert. Als Personifikation lebt er dann in der jüdischen Dichtung weiter. Der Talmud versteht es, nicht nur das Galuthleben des Juden in Gesetzesketten zu legen, er weiß auch von den Fesseln zu erzählen, in denen — unausspreohlicherweise — Gott sich befindet, seit Israel in der Verbannung ist. Er sieht die Tränen, die Gott jede Nacht vergießt, und hört die täglichen Klagetöne des „Vaters, der seine Kinder von seinem Tische verbannt hat". Die talmudischc Dichtung weiß ebenso die Stammväter- und Volksgeschichte mit schönen und liefsinnigen Erzählungen zu umrahmen, wie sie von den kommenden Messiastagen phantasiereiche und herzerquickende Bilder zu zeichnen versteht. Sie ist eine Quelle jüdischer ^Weisheit und moralischer Belehrung. Daher wurde der Talmud für die Juden die Heimat, „wie das Meer für den Fisch". Je tiefer du tauchst, desto größere Wunder. Jeruschalajim d'Lita Mit den Juden zog der Talmud. Überall hin nahmen sie ihn mit. In alle Galuthzentren: ins persische Babylon, ins'islamische Nordafrika und ins maurische Spanien; dann, im Mittelalter, ins französisch-deutsche Ghetto, von dort nach Polen-Rußland, bis "er zuletzt in Litauen seine Blütestätte fand. Die letzten anderthalb Jahrhunderte waren Nordpolen und Litauen die Heimat des Talmud. In Litauen waren all.* Juden, auch Handwerker und Arbeiter, talmudisch gebildet. Im Gegensatz zu den südpolnisch-ukrainischen Juden. Wilna, seit je eine judenreiche Stadt, wurde — angeblich von Napoleon — als Jerusalem Litauens bezeichnet. Es war in der Tat ein Zentrum jüdischen Geistes geworden. Talmudschulen, dannmoderne Seminare, weltliche Aufklärung, neuhebräische und jiddische Dichtnng, berühmte Rabbinen und bedeutende Schriftsteller hatten und haben dort eine hervorragende Heimstätte. Es war nicht immer so. Bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war Polen führend in der talmudischen Wissenschaft. Erst mit der Wirksamkeit des berühmtesten Wilnaer Gelehrten aller Zeiten, des Rabbi Elijahu Gaon, oder Rabbi Elijahu Wilnaer, gelangte Litauen mit Wilna an die Spitze. Pilpul Talmud heißt Studium. Denn nicht nur die Gesetze einzuhalten ist der Jude verpflichtet, sondern er soll auch das Studium um seiner selbst willen betreiben. „Lernen" ist ein Bildungsbegriff. Nicht nur wissenschaftlich gebildet wird man dadurch, sondern auch geistig-seelisch umgebildet. Seine, des „Lernens" geistig» Welt, seine Methode, seine typische Denkart prägen dem von ihm gebildeten und sich in ihm bildenden Geist einen eigenartigen Stempel auf. Wie der humanistisch Gebildete, so ist auch der