Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
- Volume
- XIII (1937)
- Issue
- 18 (14.9.1937)
- Date
- 1937-09-14
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT ORGAN DER ISRAELITISCHEN DRESDEN MITTEILUNGSBLATT DES „SACHS. RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN JL ISRAEL. GEMEINDEVERBANDES" Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen R e i ch s g e b i e t.= XIII. Jahrgang Dresden, den 14. September 1937 Nr. 18 Sukkaus in einem kleinen Städtchen des Ostens. Von Shmarya Levin Während der vier Tage zwischen Jörn Kippur und dem Ssukkotfest waren die Juden eifrig mit dem Bauen der Ssukkot beschäftigt. Es gab nur wenige Familien in Swislowitz, die mit dem Luxus einer ständigen Ssukka prahlen konnten. Alle anderen stellten ihre Hütten-Buden, die aus dünnen Brettern, alten Türen, alten Fenstern und ähnlichem zusammengeflickt wurden — nur für die Festtage auf. Es lohnte sich nicht, zu viel Mühe auf einen Bau zu verschwenden, der nur acht Tage zu stehen brauchte und dann wieder abgerissen wurde. Natürlich hatte eine ständige Ssukka eine Menge Vorzüge. Erstens war sie so fest gebaut, daß sie Sturm und Wind — um diese Jahreszeit häufige Gäste — nicht zu fürchten brauchte. Zweitens hatte sie ein Dach aus zwei Flügeln, die an einem Seil herauf- und heruntergelassen werden konnten, so daß sie keinen Regen zu fürchten hatte. Und drittens —ein nicht minder wichtiger Vorzug als die beiden ersten — hatte sie feste Türen, die, vor Dieben geschlossen werden konnten: und Swislowitz fehlte es auch an diesen nicht. Aber den Vorzügen der ständigen Hütte stand die offenbare geistige Überlegenheit des Menschen gegenüber, der seine Ssukka jedes Jahr frisch aufbaute und seine Freude an dem Werk hatte. Tatsächlich gab gerade ihre Unsicherheit, die Abhängigkeit von dem Willen Gottes, der provisorischen Hütte einen feineren, höheren Anstrich. Man mußte Zuversicht zu Gott an den Tag legen und zu glauben bereit sein, daß „Er seinen Kelch nicht in da; Antlitz seiner würdigen Gäste ausgießen werde*.* k In der Ssukka fühlte ich mich wundervoll. Das Licht der Feiertagskerze schwang sich zu dem Tannendach empor, das gar kein Dach, sondern ein Stück Himmel war, das sich über unsere Häupter senkte. Und durch die Tannenzweige blinkten die Sterne so kristallklar, als ob auch sie gereinigt und zum Fest gewaschen worden wären. So strömte das Kerzenlicht nach oben und das Sternenlicht flutete herunter, und wo sich beide begegneten, sproß'eine Wärme und Zärtlichkeit hervor, die nur der kennt, der die Abende in der Ssukka verträumt hat. Durch sein historisches Mißgeschick zu einem kümmerlichen, farblosen Dasein verdammt, empfand der Jude plötzlich den Reichtum des alten Lebens, das aus dem unerschöpflichen. Schoß der Erde quoll. Über ihm schwebte ein Dach aus frischen duftenden Tannenzweigen; in einem Tonkrug, in einer Ecke der Hütte, stand der durch Tausende von Meilen herbeigeschaffte schlanke Palmenzweig, umgeben von Weidenruten, die aus den umliegenden Wäldern stammten. Zu keiner anderen Zeit des Jahres konnte das unterdrückte Heimweh in diesen Abkömmlingen .von Hirten, Beduinen \ und Bauern heftiger erwachen oder einem Gefühl der Befriedigung näherkommen. Die fünf Öhol ha-moed-Tage des Ssukkotfestes waren für die Kinder nicht ohne Reiz. Die Synagoge war während dieser Woche so festlich beleuchtet wie nie während eines anderen Feiertags. Das Ssukkotfest ist ein fröhlicher Feiertag. Die Erwachsenen waren * Mit einem Unlieben Gleichnis wird in der Mischns Ssukka U 9 erörtert, wie der Regen den Autenthall in der Ssukka unmöglich macht: Ein Dianer will seinem Heim den Wein einschenken, und dieser gieüt ihm den Krug ins Oesicht. sorgloser, fröhlicher als sonst, und kein Abend verging, ohne daß nach dem Gottesdienst Zuckerwerk und Kuchen unter die Kinder verteilt wurden. Wir durften so lange aufbleiben wie die Großen, und am Tage war kein — oder sio gut wie kein — Cheder., Ihren Gipfel aber erreichte die Fröhlichkeit natürlich zu Ssimchat Tora. An diesem Tage ist der letzte Abschnitt der Tora zu Ende gelesen und der Beginn der neuen Runde für das Jahr gemacht worden Sollten wir uns da nicht freuen? An diesem Tage pflegte Juda, der Sohn des Predigers und Vorstehers der Synagoge, von einem Heer von Kindern begleitet, von Haus zu Haus zu laufen. Er trug einen init der Futterseite nach außen gekehrten Überrock und einen bis zur Unkenntlichkeit verbeulten und, zerknitterten Zylinderhut. Auf dem Rücken trug er einen Sack, und jede Hausfrau mußte ihr Scherflein — Kuchen, Äpfel, Birnen, Beeren — hineintun. Das war der Proviant für sein Heer. Alle fünf Minuten drehte er sich nach uns um und rief -heilige Herde von Jisrael", und wir antworteten im Chor „Bä — ä, bä — ä, bä — ä". In seiner Eigenschaft als Versorger des Swislowitzer Jungen mit Leckereien hatte Juda, der Sohn des Predigers, einen Nebenbuhler in dem Hausierer Eliakim Josches, einem auf tiefer sozialer Stufe stehenden Juden, der meistenteils außerhalb der Stadt in Döifern lebte. Einmal im Jahr, am Ssimchat Tora, genoß Eliakim Josches Ansehen — der einzige Moment persönlicher Genugtuung für ihn, wenn jeder einräumen mußte, daß auch er im Lauf .der Dinge eine Rolle spielte. Obgleich ausschließlich Juda — als Vorsteher und Hauptrezitator der Synagoge — dieses Recht zustand, gelang es Eliakim Josches, durch Versprechen einer reicheren Beute für seine Söldner ein eigenes Heer zu bilden. Er zog gleichfalls einen umgekehrten Überrock an, suchte einen verbeulten Zylinder auf und führte sc ne Truppen zum Ahgrifl auf die Speisekammern der Stadt. Zwischen den beiden Feldmarschällen bestand eine jahrelange Feindschaft. Trafen die beiden Horden im Verlauf ihrer Raubzüge auf der Straße zusammen, so flogen haßerfüllte Blicke von einem Lager zu andern, und oft brach die unverhohlene Wut der Truppen in offene Feindseligkeiten aus. Dann konnte man Gruppen von Jungen sehen, die sich tüchtig balgten, bis die Zuschauer dazwischen traten und wenigstens äußerlich den Frieden wiederherstellten. , Die Abende waren noch vergnügter. Bei dieser einen Gelegenheit durften die Frauen aus den Isolierten Galerien in die Männerabteilung heruntergehen, und das war für die Jungen das Signal, daß alle alltäglichen Gesetze aufgehoben waren. I Am Vorabend des Freudenfestes genießt jeder Bürge/«vom Raw angefangen bis herab zum niedrigen Wasserträger, ein besonderes Recht: er darf sich dem Umzug anschließen und — wenn die Reihe an ihn kommt — die großen Pergamentrollen in ihren mit Glöckchen und Granaten verzierten Samtmänteln tragen. Die Knaben folgen lärmend und schwingen ihre Fahnen, auf denen Löwen und Hasen Zum Umzugstermin 1. Oktober bitten wir unsere Gemeindemitglieder, Adressenänderungen dem Gemeindeblatt auf einer Postkarte anzuzeigen.