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Jüdisches Gemeindeblatt Dresden · 1937-09-01 · 17 (1.9.1937) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt Dresden
Volume
XIII (1937)
Issue
17 (1.9.1937)
Date
1937-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sefte 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE DRESDEN Nr. 17/ 1.9.37 Jüdische Profile eines Jahrhunderts Von MeTr.Gertner (Hamburg) III. Rabbi Israel Baal-Schem-tow. (Fortsetzung aus Nr. 16) Die Lehre. Er lehrte: Dienet Gott in Freude. ,Es ist-eine wichtige Regel im Dienste des Schöpfers, daß man sich vor dem Trübsinn hüten soll." Die Funken werden nicht erlöst dvrrch Abtötung der stofflichen Schale, sondern durch ihre Heiligung. Essen, Trinken Lebensgenuß, Arbeit, alles auf Gott ausgerichtet getan, ist Gottesdienst und trägt zur Erlösung der herligen Funken bei. Er lehrte: keine Zweiteilung des Lebens in religiöse und weltliche Sphären und Handlungen. Das ganze Leben, alle Handlungen-sind Gottesdienst, wenn man mit ihnen Gott dient. Er lehrte: weder ist Gott nur außerhalb der Welt,'noch ist er und die Welt eins; vielmehr ist er außer ihr und in ihr. Daher weder Ausschaltung des täglichen weltlichen Lebens zwecks mystischer Vereinigung mit Gott, noch Abschaffung des persönlichen Gottes zwecks Aufhebung einer vermeintlichen Zweiheit zwischen Gott und Welt. Er lehrte: das Lernen ist wichtig, aber das Beten ist wichtiger. Das Erleben ist ihm bedeutender als das Erkennen, das Tühlen mehr als das Denken.. Daher ist der ungelehrte Mann auch fähig,-.vom Feuer- Strom des Glaubens durchglüht zu werden. Sein gestammeltes, aber inbrünstiges Gebet kann wirkungsmächtiger sein als das gelehrte, aber kühle Studium eines Rabbiners, „da es ja häufig vorkommt, daß man sich beim .Lernen vom Heiligen, gelobt sei er, nur entfernt*. Aber: „Liest ein Mensch mit großer Liebe und Inbrunst in der Torah, so nimmt es der Heilige, gelobt sei er, nicht so genau, auch wenn der Lesende die Worte nicht richtig ausspricht". Diese Lehre zündete. Sie war in den Prinzipien , nicht neu, aber sie wurde neu gelebt und gelehrt. Sie schuf Gemeinschaft, wie sie noch nie vorhanden war. Sie brachte Gott dem Mann aus dem Volke näher. Sie vereinigte Gelehrte und Ungelehrte im gläubig gelebten Leben. Sie hob das Gesetz nicht auf. Sie schmolz es nur neu in die große Masse des täglichen menschlichen Wirkens ein. Das Gesetz war immer noch der Kern des Goitesdienstes, das ganze Tun seine Schale. Der Rabbi war die Mitte, seine gläubigen Anhänger der Kreis um ihn. Man war jetzt nicht mehr einsam, trostlos, trübsinnig und gottverlassen. Die Herzen wurden leichter, die Gemüter aufgerichtet. Dies ist das Geheimnis der Ausbreitung des Chassidismus. von überall her kamen Chassidim zum Rabbi gefahren, mit ihm zu beten, von ihm Rat und Trost zu holen, seinen Lehrsprüchen zu lauschen, mit ihm zu singen, zu tanzen und sich zu freuen und gliickerfüllt heimzukehren. Das ist Chassidismus als Bewegung. Die Gestalt. Die Legende hat sie mit einem Schleier von Wundengeschichten umwoben, aber durch die Märchenhülle schimmert die Gestalt scharf profiliert durch. Volksverbunden, Gefühlsmensch und visionärer Geist. ' Das „Chassidische Manifest" ist eine großartige Vision dieses phantasieweiten Mannes. Er ringt mit seinem Glauben, kennt aber nachher keinen inneren Zwiespalt. Er ist nicht innerlich zerrissen, er jst eine ganze Persönlichkeit. Er ist Optimist im Glauben und erfüllt von einer starken Liebe zu Natur, Kreatur und Mensch. Ein gesundes heiteres Gemüt, liebt er die Freude und die Fröhlichkeit. Er liebt sein Volk und das Volk liebt ihn. Ein magisch-anziehender Zauber geht von seiner Persönlichkeit aus. Auch scharfe Gegner, einmal in seinen Bann geraten, ändern ihren Sinn. Er besiegt sie durch sein selbstgewisses Dasein. Er kämpft nicht herausfordernd gegen andere, will nicht reformieren oder einreißen, sondern nur umformen und umschmelzen. Er ist unbeirrbar in seinem Willen. Kein großer Redner, kein Bücherschreiber und kein Systematiker. Er spricht in knapper, einprägsamer Sentenzform. Die Ausdrucksart ist bilderreich und plastisch. Erlösung. Entspannung trat'ein. Die aufgeregte jüdische Volksseele beruhigte sich durch diese neue gläubige Anregung. Die dunklen Schatten verschwanden. Die äußere Lage wurde nicht besser. Aber die innere Kraft wurde stärker. In einer Vision, erzählt der Rabbi selbst, rang er mit Sabbatai-Zwi, dem Verführer. Er bezwang ihn: keine gewaltsam erzwungene Erlösung. Diechassidische Erzählung läßt ihn jedoch die Reise nach Erez-Israel antreten; cknn in der chassidischen Lehre nimmt das heilige Land und seine ewige Verbundenheit mit dem jüdischen Volke einen zentralen Raum ein. In Stambul muß er umkehren. Das Geschlecht war noch nicht reif... Er hat die nationalpolitische Erlösung nicht gebracht. Er hat das Individuum erlöst, es in eine erneuerte Glaubensgemeinschaft eingefügt und somit die Gemeinschaft neugeschaffen und erlöst. Als die Seele des Rabbi Israel auf die Erde geschickt werden sollte, erschrak Satan, so erzählt eine tiefsinnig-tragische Chassidim- Geschichte. Er befürchtete, es könnte durch diese große Seele die Generation für die messianische Erlösung reif gemacht werden. Satan versuchte daher alles, um das Hernjedersteigen dieser Seele rückgängig zu machen. Dies gelang ihm nicht. Jedoch bekam er die Erlaubnis, Streit und Zwietracht in den Reihen Israels zu stiften. Damit gab er sich zufrieden. Er wußte: wo keine Eintracht, ist auch keine Erlösung . . . Mit der Ausbreitung des Chassidismus tritt der sich angegriffen und bedroht fühlende rabbinische Talmudismus zur Verteidigungsoffensive auf den Plan. Die rationalen Mächte lehnen sich gegen den Irrationalismus auf. Litauen, die Hochburg der talmudisch-.' rabbinischen Gelehrsamkeit, ist der Mittelpunkt. Elijahu Wilna, die hervorragendste talmudische Erscheinung der letzten Jahrhunderte, ist der Anführer. * Vergleiche auch Nr. 12, 13, 14, 15 u. 16. Forts, folgt.

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