Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 13 (1.7.1937)
- Date
- 1937-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4892693-6725280-5770349--2693-4895212- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
GEMEINDEBLOT DER ISRAELITISCHEN RELIGION SGEME IN DE DRESDEN AMTLICHES ORGAN DES GEMEINDEVORSTANDES MITTEILUNGSBLATT DES SÄCHSISCHEN ISRAELITISCHEN GEMEINPEVERBANPES XIII Jahrg. DRESDEN/1. JUL11017 Nr. 13 Jüdische Profile eines Jahrhunderts Von MeTr Gertner (Hamburg) Fortsetzung aus 13lt. 12 Oie unergründlichen Mächte des historischen Geschehens gestalten das Antlitz einer Zeit; sie verleihen ihr unvergängliche Form, und ihre Spuren sind überall sichtbar. Am sichtbarsten sind sie in den großen führenden Persönlichkeiten, die die Zeiten Hervorbringen. Machtvoll sprudeln ewig-alte und doch immer neue Geistesquellen aus dem historischen Gestein hervor und durchfluten Zeiten und Räume und Menschen. Es ist, als ob die gewaltigen Ströme durch Herz und Adern der Großen einer Zeit ihren Weg nehmen, um sich dann in den Tälern der Geschichte ihre Letten zu graben. Oer Mensch wiederum, zumal der große Mensch, ist selbst schöpferisch, der göttliche Hauch, der ihm Leben verleiht, weht über Zelt und Raum, in denen er lebt. Seine Hand, gottbegnadet prägt immer neue Formen, und sein Herz, geistersüllt, ztugs ewiggültigen Inhalt. Oie große Persönlichkeit drückt der Zeit ihren Stempel auf. Oas Schöpferische im Menschen und der Geist der Zeiten befruchten sich gegenseitig und erzeugen so den Zeitgeist. Eine Geschichtsepoche betrachten heißt demnach, den bunten Teppich historischen Geschehens ausbreiten, von dessen Hintergrund das Menschenbild sich abhebt. Erst so, Rahmen und Porträt harmonisch aufeinander abgestimmt, ist das Äild, das sich unseren Augen darbietet, klar und aufschlußreich. Daher soll dem Zeitgemälde, dessen Grundlinien wir in der vorigen Abhandlung') skizzierten und dessen historisch-bedeutsame Persönlichkeiten wir nannten, Farbe und Leben dadurch verliehen werden, daß einige Profile schärfer ins Licht gerückt werden und so ihre aktiv-zeitformende und passtv-geschichtsbedingte Position deutlicher gemacht wird. Oas geistige wie soziale Gesicht der ersten Hälfte des jüdischen -18. Jahrhundert spiegelt sich am klarsten wider in den schillernden, tiefbewegten und mächtig bewegenden Äildern des Joseph Süß Oppenheimer (Heidelberg 1698 - Stuttgart 1738) und des Rabbi Jonathan Eibenschütz (Krakau 1690 — Altona 1764). Oie Gestalt der zweiten Hälfte dieser hundert Zähre zeichnet sich strahlend ab im erleuchteten und leuchtenden Antlitz von Moses Mendelssohn (Dessau 1729 - Äerlin 1786) und Israel Äaalschem-tow (podolien 1700 - 1760). Oer Entwurf ihrer geistigen Gestalten im Rahmen der Zeit uud des jüdischen tbie nichtjüdischen Raumes soll nun versucht werden. l. Joseph Süß Oppenheimer (Iud Süß) Oer Rahmen: Europa um dieIahrhundertwenbe. In Europa wehte die Luft des Äarock. Überschwenglichkeit, Machtgier und Machtfülle, Äewegtheit, Sinnenfreude, große ungebändigt« Ausmaße, Angezügeltheit waren bas Lebensgefühl und die Lebenshaltung. Oer Mensch, vom Mittelalter sich frei machend, hatte noch kein Maß der Selbstbeschränkung gefunden und geriet ins Schrankenlose. Oie Fürsten waren oft Verkörperet dieses Lebensgefühls: Selbstherrschaft, Absoluttsmus, Vernichtung des Ständewesens, verbunden mit einer gründlichen Wandlung des ökonomischen Staatsgefüges, waren die Folgen. Auch war die Luft übermäßig von Geisiesströmungen erfüllt. Oie Ratio, die Vernunft, entfaltete überall ihre aushellenden, in Richtung auf die Aufklärung weisenden Kräfte und wies den bis jetzt von außen her gebundenen Menschen auf sein Ich zurück. Oie Irratio, die Gefühlsschwärmerei, schwängerte die Atmosphäre mit geheimnisvoller Phantastik bis zur unerträglichen Schwüle. Auch die Mystik machte den Menschen von Autzenfeffeln frei. In seinem Ich, seinem Innern, jo lehrte sie, ist Gott. Zugleich aber verbreitete sie Dunkelheit und Düsternis über die Gemüter: Trübsal, Askese und Aberglaube; denn Glaube und Aberglaube wohnen oft eng beisammen. So überdeckten sich zwei aus-derselben Quelle entspringende Ströme und prägten das geistige Gesicht Europas. Oas Ghetto. Es war eng und düster. Es hatte seine feste und sozialstaatliche und traditionell-religiöse Form. Da jene sehr hart und drückend war, entbehrte diese die nötige lebenspendende frische Luft und freie Sonne zur Entfaltung. Oas Ghetto bot ein unerfreuliches Äild, „weil es kaum aus etwas mehr als einer einzigen Straße bestand..., die Enge, der Schmutz, das Gewimmel machte den unangenehmsten Eindruck* (Goethe). Und auch die Vildung war in die Enge geraten. Oie Horizonte waren beschränk^ Europa mit seiner Wissenschaft, seiner Kunst, seiner Freude und seinem Leben war fern. Auch in den engen Gaffen des Ghettos überlagerten sich rationale und irrationale Geistesrichtungen: talmudische Oenksirenge und kabbalistische phantasieweite waren oft in einer un" derselben Persönlichkeit vereinigt, aber die Sicht nach außen war versperrt, die Mauern waren dick und ließen keine Außenluft hinein. Ausfall und Abfall. Gab eS in der zröeiten Hälfte des 18. Iahrhunderts bereits einen Aufbruch der Iuden Deutschlands nach Europa, so kannte die erste Hälfte nur vereinzelten Ausbruch. Meist waren es Männer des Handels und der Wirtschaft, die etwas von der Außenluft auffingen und aus der engen Festung ausbrachen. Oas Auskommen der modernen kapitalistischen Wirtschaftsform ebnete den goldenen Weg. An allen Fürsienhöfen sind Iuden als Finanzräte, Hoffaktoren, Hofjuden anzutreffen. Sie brachten es zu Ansehen und Reichtum. In vielen Fällen verließen diese vereinzelten Europawanderer iNit dem Ghetto auch die Ghettojuden, mit den Iuden auch den Iudengott; ihr Ausfall aus der Enge des jüdischen Lebens wurde zum Abfall von der Strenge der jüdischen Religion. Manche allerdings blieben ihrem Volke und seinem Gotte treu und halfen zuweilen der Rot der Iuden ab. Von beiden gab es in. der reichen Frankfurter Familie der Oppenheimer: getaufte Äarone und hochangesehene Landrabbiner, kaiserlich-wiener Hofjuden und reichgewordene Ghettojuden. Fortsetzung in nächster Nummer. Bitte beachten Sie die VorankOndigungen des Jüdischen Kulturbundes in der nächsten Ausgabe des Gemeindeblattes I *) Oas jaMftc 18. Zahchendert, 3fc. 12 M <9cmcinftt6lattt*