Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 9 (9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Gemeindevlatt der Israelitischen Neligiontgemeind« Dresden Seit» 5 Mitteilungen über Dresdner jüdische Kulturveranstaltungen Der Gemeindevorstand bittet, nachstehender Veröffentlichung recht starke Beachtung zuzowenden. Die im vorigen Jahre eingeführten Abende der Künstler- Hilfe find troh gewisser Mängel, die ihnen infolge äußerer Gegebenheiten (Baum- und Garderobenverhältniffe) noch anhasteten, zu einem wichttgen Faktor des kulturellen Lebens unserer Gemeinde geworden. Daß diese Einrichtung, deren Ertrag restlos Hilfszwecken zufließt, heuer zum Mittelpunkt des geistigen Lebens und vielleicht auch einer zeitgemäßen Art von Geselligkeit für alle Kreise unserer Gemeinde werde, ist der herzliche Wunsch des Gesamtvorstandes der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden. Max Leffer. Hermann Schocken. Jüdische Kulturveranstaltungen im Winterhalbjahr -1934/35 Dr. Manfred Saalheimer. / Auch im kommenden Winter 1934/35 wird die jüdische Künstlerhilfe Dresden ihre Kulturabenbe fortsehen. Und zwar sollen 40 Abonnementveranstaltungen stattfinden, fünf vor und fünf pach der Jahreswende. Geboten werden: Konzerte, Nezitations- und Vortragsabende sowie erstmalig auch szenische Aufführungen kleinerer Schauspiel- und Opernwerke. Ein kleiner Kunstbetrteb im jüdischen Kreise? Nein! Kunstbetn'eb schon um deswillen nicht, weil es sich ja nicht um Darbietungen handelt, welche einem geschäftlichen Interesse entspringen, vielmehr um Veranstaltungen, welche eine »Notwendigkeit* in des Wortes eigentlicher Bedeutung darstellen, Veranstaltungen, welche eine »Not wenden* sollen: die-Not des jüdischen Künstlers und die Not des jüdischen Publikums. Es gibt Menschen unter uns, und dies sind wahrlich nicht die oberflächlichsten, die allenfalls glauben anerkennen zu dürfen, daß es zeitgeboten ist, der Not des jüdischen Künstlers zu steuern als des Angehörigen jensr Berufsart, in der die Ausschaltung des Iuden aus dem öffentlichen Leben Deutschlands fast restlos durchgeführt ist. Von dieser Sekte betrachtet wollen sie allenfalls eine »Künstlerhilfe* anerkennen. Aber bas, was die jüdischen Künsilerhilfen Deusschlands oder Kulturbünde oder Kulturkreise oder wie immer sie sich nennen, sich als Ziel ihrer Arbeit gesteckt haben, ist ja ein Mehr, weit über die Betreuung der jüdische^ Künstler hinaus. Eine jüdische Künstlerhilfe ist auch zur jüdischen publtkumshilfe geworden. Und diese Aufgabe wird von jenen unter uns, von denen wir eben sagten, daß sie nicht die Oberflächlichsten find, geleugnet. Diese nämlich meinen: einem jüdischen »Publikum* braucht in dieser Zeit nicht geholfen zu werden; denn ein jüdisches »Publikum*, Leute also, welche sich vomehmen, im Laufe einer Wintersaison^ eine Reihe von Konzert-, Vortrags- und Theaterveranstaltungen - sei es auch im jüdischen Kreise - zu besuchen, braucht es nicht mehr zu geben, ihm zu helfen scheint uns keine Notwendigkeit. < Oie Menschen, die so sprechen, denken daran, daß in einer Zeit, in der der wirtschaftliche Bestand unserer Gemeinschaft auf das Schwerste erschüttert ist, die sozialpolitischen Probleme, die Fragen der Extstenzerhaltung, im Vordergrund aller Arbeit stehen müssen und daß daneben für geistige Betätigung lediglich der Raum vorhanden sein darf, auf dem sich die Eröterung der emstesten Fragen des Iudenproblems abspielen kann, Ernste, pflichtbewußte Menschen, die so sprechen, Menschen aber, deren pflichtbewußtsein vielleicht soweit geht, daß es alle schöngeistigen und künstlerischen Neigungen und Negungen in ihnen selbst beschattet und nicht zur Entfaltung kommen läßt, ja sie zwingt, die Befassung mit den schönen Dingen des Lebens in der heutigen Zeit als Luxus zu betrachten und dadurch dort zu verzichten, wo?in Verzicht nicht nur nicht »notwendig*, sondem wo gerade das Gegenteil, eine Not des Lebens zu wenden imstande wäre. Iene Menschen sagen: Wann und wo immer wir kn diesen Trauerjahren der deuschen Iudenheit im jüdischen Kreise Zusammenkommen, haben wir die Pflicht, Iüdisches in uns aufzunehmen. Set es, indem wir zu den großen Fragen Stellung nehmen, denen wir in unserer heutigen Situation als Juden gegenüber stehen, sei es dadurch, daß wir ausschließlich jüdisches Gedanken- und. Kulturgut in uns aufnehmen, um uns so;u"befähiget, als bewußte Juden stark und unbeirrbar den Lebenskampf zu bestehen. Dies die Menschen, welche die strengsten und höchsten Anforderungen an sich und ihre Lebensführung stellen. Sie verkennen das, was wir bereits oben angedeutet hatten, daß nämlich die Beschäftigung mit einer hohen zeitlosen Kunst, mit den vomehmsien Kulturgütem, die Menschengeist aller Zeiten skfiächt und geschaffen hat, imstande ist, geistige und seelische Not, wie sie heute in der deutschen Iudenheit vorhanden ist, wenn nicht zu wenden so doch zu lindern. Andere wieder erkennen die Wichtigkeit schöngeistiger Betätigung auch in unseren Tagen an, glauben aber, die Forderung stellen zu müssen, daß nicht nur die Gebenden, die Künstler und Nedner des Abends, Iuden sein müssen, sondem baß auch die Themen dem jüdischen Gedanken- und Geschehenskreis entnommen und die Autoren jüdischer Abkunft sein müßten. Dieser Gedankengang ist in den lebten Monaten in den jüdischen Zeisschristen außerordentlich stark erörtert worden. Da ist vor allen Dingen von der jüdischen Bühne die Auffühmng jüdischer Werke gefordert worden. Neben den ungeheueren äußeren Schwierigkeiten, von denen sich der Femcrstehende in der Regel nur schwer ein Bild machen kann, ist das Problem hier der Mangel einer geeigneten Literatur. Was die Aufführung jüdischer Kompositionen anlangt, so muß gesagt werden, daß wir abendländischen Iuder? noch keine eigene große jüdische Musik haben. -Vielversprechende Ansätze haben sich in letzter Zeit gezeigt, namentlich auf dem Gebiete der lithurgischen Musik oder wenigstens jener Musikgattung, welche als Aufführungsort die Synagoge haben soll. Gewiß muß das Ziel stets massgebend sein, die Programme jüdisch za gestalten, d. h. jüdische Themen und jüdische Autors zu Worte kommen zu lassen. Nich! möglich wird es sein, an jedezn der Abende Iüdisches zu bieten. Naturgemäß werden es in erster Linie die Vortrags- und Rezitationsabende sein, die jüdische Kulturwerte vermitteln können. Oie Stoff- und Autorenwahl auf das Iüdische zu beschränken, hieße in der Selbstbeschränkung auch entschieden zu weit gehen. Zunächst ist es eine Selbstverständlichkeit, daß wir den Zusammenhang mit dem deutschen Kulturkreis auch in einer Zeit nicht verlieren dürfenin der viele von uns den Besuch öffentlicher Kultuweranstalten vermeide») oder einschränken. Will man zudem rechtverstandene publikumshilfe leisten, soll es also Sinn und Zweck der Abende fein, zu erheben, zu belehren und zu entspannen,' so können diese Aiifgaben sicherlich nur erreicht werden unter Einbeziehung der großen Werke und Stoffe aller Länder und Zeiten. Vielfach, ja zumeist ist es das Zeitlose und nicht das Zeitgebundene, was imstande ist, Menschen zu erheben, zu. belehren und zu entspannen, ihnen jene Pause im Leben des Alltags zu vermitteln, die man die schöpferische genannt hat, und sie dadurch in den Stand zu sehen, den ihnen vorgezeichneten Arbeitsweg besser und leichter zu gehen.