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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg · 1938-03-11 · 3 (11.3.1938) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
Volume
14 (1938)
Issue
3 (11.3.1938)
Date
1938-03-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Gemeindeblatt Nummer 3 Zur Berufswahl unserer Schulentlassenen In dit-en Tagen stehei in Deutschland wieder Taüsende vor der, .-.':r er«h Frage der Berufsentscheidung für ihre Kinder. Ungefähr 4000 jüdische Kinder werden Ostern die Schule verlogen. Ein Teil von ihnen wird Aufnahme finden in den den Schuler angegliederten Auf°auklassen. Für die Volksschüler hat sich das 9. Schuljahr ausgezeichnet bewährt: gibt es doch den kaum Vierzehnjährigen noch ein Jahr lang die Möglichkeit einer rtihigen. zweckmäßigen Entwicklung. Verschiedene Geme:ndei> konnten ihren «höheren Schulen einen Oberbau anschließen, der die Jugendlichen zum Abitur führt. Hier sollten allerdings nur hervorragende Schuler Aufnahme finden", um einmal Lehrer oder- F&bbiaer. oder auch Chemiker. Ingenieure. Diplom andwirte oder ähnliches zu werden. Für die Mädchen begeht ab . Ostern in einigen Städten die Aussicht auf ein Flauen ichuljahr. das den Schülerinnen der Realschulen eine der weiblichen Mentalität entsprechende Abschlußbildung übermitteln wird. Viele Großgemeinden oder deren; Beratungssteller. haben Lehrwerkstätten geschaffen, die die fehlenden Lehrstellen er-? setzen sollen. Jungen werden Tischler. Schlosser, Klempner. Feinmechaniker. Gärtner usw.. und Madel erlernen Schneiderei, Freieren. Gärtnerei. Imkerei. Hauspflege usw. Dazu kommen noch die Haushaltungsschulen, die unseren Mädchen die hauswirtschaftliehe Grundlage für das Leben geben sollen und in einem! gewerblichen Zuge auch auf den spateren handwerklichen Beruf vorbereiten. Auch die Ausbildung zur Säuglingsschwester oder Kindergärtnerin wird von vielen angestrebt, die nicht alsbald als Hausangestellte ihre Kenntnisse verwerten. Die Ausbildung zur Kindergärtnerin wird besonders bevorzugt, weil sich dabei die angeborene Mütterlichkeit voll entfalten kann und weil man darin einen gehobenen Beruf erblickt. Man sollte aber bedenken, daß gerade in diesem Beruf die Aussichten recht gering sind und eine so kostspielige Ausbildung nur bei besonderer pädagogischer, geistiger und handwerklicher Begabung gerechtfertigt werden kann. Es ist natürlich nicht möglich, alle Berufe und deren Aussichten in einem kurzen Aufsatz zu bewerten, aber eines muß hier mit allem Nachdruck gesagt werden: wir alle müssen endlich einmal mit überlieferten und veralteten Ansichten über die Beirufsuvahl brechen! Der elterliche Egoismus, die Kinder •so lange als möglich bei sich zu behalten, die gesellschaftlichen Konveitionen oder die Familientradition treten heute ganz in den Hintergrund. Unser Fehler lag in einer ungesunden Berufsschichlung. das gilt nicht nur für die Juden in Deutschland, nicht nur für bedrängte Juden, sondern wir wünschen für alle Juden, in welchem Lande auch immer, eine völlige Berufsänderung lili eine jüdische Forderung schlechthin, nicht-allein als zionistische Forderung, wie man bisher glaubte. - Die drei Grundbedingungen bei jeder Berufswahl sind: unbedingte Eignung, praktische Zukunftsmöglichkeit und wirklich erstkUssige Ausbildung, damit der junge Mensch im Lebenskampf bestehen kann. Dazu kommt bei der religiösen Jugend die gute Grundlage in allen jüdischen Fächern, die allerdings auch lür die nichtreligiöse Jugend recht wünschenswert wäre, damit sie nicht nur als tüchtige Menschen, sondern auch als aufreente. wissende und bewußte Juden in die weite Welt BeSchi kt werden können. Und dieses In-die-weite-Weltschickpn macht die Berufswahl so schwer, da viele junge' Menschen im Zeitpunkt ihrer Berufswahl nicht wissen können, wo sie einmal ihr Leben aulbauen werden. Hier sind sie die Auswanderer, die irgendwo zu Einwanderern werden und _sich dort in das wirtschaftliche und kulturelle Leben eingliedern sollen Fast alle Länder sind mit jüdischen Kaufleuten und Akademikern übersättigt, dagegen haben fast überall Handwerker, Landarbeiter. Gärtner und ähnliche weibliche Berufsklassen neben! der Hauswirtschaft Aussichten auf Beschäftigung und Brot. I Augenblicklich hat es den Anschein, als ob eine Einwanderung nach Palästina ganz in den Hintergrund gedrängt sei. einmal wegen der fehlenden ( wirtschaftlichen und persönlichen Sicherheit, und dann wegen' einer vorübergehenden Zurückhaltung bei der Zertifikatserteilung. Die Geschichte des Palästina- Aufbaues hat aber gelehrt, daß ein solcher Zustand nicht länge anhält. Außerdem sei betont, daß bisher kein ausgebildeter Chaiujz wegen ZertifikatsmangeJ zurückbleiben mußte und daß •t* Jugendlichen I die bevorzugten Zertifikatsanwärter bleib«] werden. Heute mehr denn je ist es Pflicht, dafür zu gen, daß bei neuen Einwanderungsmöglichkeiten eine gut g< :-iete Jugend in Bereitschaft steht. Imj Laufe der Jahre haben die zionistischen chaluzischen Verbände (Hethaluz. Bnt Chaluzim datiim und Makkabi Hazair) e Erfahl ungen gesammelt. Als sie vor drei Jahren für die schulentlassene Jugend, irp Alter von 15—17 Jahren die Mitt- - ." ..hachschara einrichteten, wußte man bereits, daß ihre Aus- : iifg an der Seite der viel alteren Umscbichtler und Chaluzim. i ne Gefahr für ihre Gesundheit und ihre geistige Und seelische Entwicklung . bedeuten wurde. Vier Hauptforderungen werden an eine Mmlerenhachsehara geknüpft: die verkürzte Arbeitszeit, der Unterricht in fachwissenschaftlicheri, jüdischen und. allgemeinen Fächern, die körperliche und menschliche Betreuung und das Zusammenleben in einer gleichaltrigen Gemeinschaft. Nur so konnten die Bünde es verantworten, diese jungen Kinder in Obhut und Lehre zu nehmen. In diesen drei Jahren hat die Mittlerenhachschara eine außerordentliche Entwicklung durchgemacht. Sie ist zu einer der besten Erziehungsinstitutionen iür unsere schulentlassene Jugend geworden. Die Reichsvertretung hat ihr weitestgehende Förderung angedeihen lassen, Lehrgüter gepachtet und eingerichtet, die Lehrwerkstätten aufgebaut, Beihilfen zu städtischem Gemeinschaftswohrrungen — Bäte Chaluz —• gegeben und Fachlehrkurse eingerichtet. Ein Stab von gut geschulten Pädagogen und älteren erfahrenen Leitern und Leiterinnen wacht über die ihnen anvertraute Jugend. Und nicht nur für Palästina soll diese Ausbildung sein, ein Lehrgut in Großbreesen bildet vorzüglich für andere Einwanderungslünder aus. auch sind die Lehrwerkstätten eine Vorbereitung für alle Länder. In den meisten Fällen konnte man beobachten, daß neben der fachlichen Ausbildung und der körperlichen Ertüchtigung d'e geistige Entwicklung unerwartete Fortschritte machte, zumal bei ' vielen Kindern dieses Alters die Schulmüdigkeit einer freien geistigen Entfaltung entgegenstand. Der religiöse Brit Chaluzim datiim ermöglicht den meisten Jungen noch den längeren Besuch einer Jeschiwa, um sie auch in religiöser Hinsicht wohlgerüstet in die neue Heimat entlassen zu können. Sie alle werden in Palästina und auch in jedem anderen Lande, ihren- Mann stehen, viele werden ihren Eltern bei ihrem schweren Beginn eine große Stütze sein. Von jeher galt es im jüdischen Volk als eine hohe. Pflicht, die Kinder zu lehren. Zeigen wir ihnen heute den Weg. das jüdische Volk wiederaufzurichten und jüdische Zukunft, sei es im Lande der Väter, sei es anderwärts, neu aufzubauen. T. Z. Die Bibliothek und Lesehalle des Jüdischen Religionsverbandes im Jahre 1937 Vor Jahresfrist wurde in einem Aufsatz im Gemeindeblatt gesagt, wie lang der Weg des Buches vom Buchhändler bis zum Ausleihetisch der Bücherei sei, wieviel wichtiger aber der Wegdes Lesers von der Eingangstür der Bücherei bis zum Buche sei. Es sei festgestellt, daß viele jüdische Menschen im vergangenen Jahre den Weg gegangen sind, daß die meisten von ihnen das gefunden haben, was sie suchten: Entspannung, Belehrung, Erhebung. T5ies darf als Erfolg für die Bibliothek, als Freude für den Bibliothekar gebucht werden. Unsere Gemeindebibliothek bringt vieles, so bringt sie manchem etwas. Unsere älteren Leser leben gern den Erinnerungen ihrer Jugend und finden bei uns diejenigen Schriftsteller, die ihnen damals.. Freude gemacht haben: Bernstein, Franzos, Kompert. Auerbach. Alle diejenigen, die im Leben stehen, suchen und finden Loslösung vom Alltag in den köstlichen Novellenbänden ostjüdischer Literatur, die in guten Uebersetzungen vorhanden sind. Sie können sich in modernen belletristischen Werken mit den Problemen der Gegenwart auseinandersetzen. Die Zahl der guten Romane jüdischen Inhalts, die zur Zeit in Deutschland erscheinen, ist verhältnismäßig gering. Mit besonderer Freude ist zu begrüßen, daß die Schüler und Schulerinnen unserer jüdischen Schulen, daß die jungen Menschen der Mittleren-Hachschara, der verschiedenen Arbeitsgemeinschaften zu uns kommen, um mit dem jüdischen Schrifttum vertraut zu werden. Es ist — und das ist das Befriedigende — kein Ausleihebetrieb, sondern in den meisten Fällen Unterhaltung über das. was die jungen Menschen zu lesen wünschen. Last not least kommen auch die Kleinen zu ihrem Rechte, da , unsere Bibliothek durch Spenden über gute Jugendschriften allgemeinen und jüdischen Inhalts verfügt. Die Katalogisierung der wertvollen Bestände aus allen Gebieten jüdischer Geisteswissenschaft geht tüchtig vorwärts, so daß unsere Bibliothek kein Büchermagazin, sondern, wie seinerzeit gesagt wurde, ein lebendiges geistiges Zentrum des Hamburger Religionsverbandes ist. Wenn der Leiter der Bibliothek, Herr Prof. Dr. Markon, in jahrelanger Arbeit wertvolle Erwerbungen für die Bibliothek getätigt hat, welche sie durch ihren wissenschaftlichen Gehalt den großen jüdischen Bibliotheken in Deutschland ebenbürtig an die Seite stellt, so sei unser Dank für ihn die Auswertung der Bücherschätze für die jüdische Gemeinschaft Hamburgs. "Wir hoffen, daß immer weitere Kreise den Weg zu uns finden werden, daß insbesondere die Jugendlichen gern und oft zu uns kommen, um bei uns geistige und, wenn es Not tut, seelische Hilfe zu finden. ..Wondrous indeed is the virtue of a good book.-' _ ' Ein Bericht ohne Zahlen wird von vielen mit Skepsis -gelesen, daher seien zum Schluß einige Zahlen aus dem Jahre 1937 genannt: im Lesesaale schrieben sich an 321 Tagen 18 375 Leser ein. das ist ein Tagesdurchschnitt von 57 Lesern. Die Bücherausleihe belief sich auf 9996 Bunde an 276 Ausleihetagen, das ist ein Tagesdurchschnitt von. 36 Banden. i

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