Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Journal
- Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 5 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Leit: 8 Gcmeindeblatt der Deutsch - Israelitischen Gemeinde. . Nummer 5 Fasttage kalten ihre geheimen Freuden, am schönsten 'ror allem war das Pehach — das Osterfest, lis war F c st unter den F e st e n. Was den anderen den mnisvollen, lockenden Rei^ verlieh,, dah sie anders i ii als die Werl- und ^abbathtage. dah sie Petzach und der Sederabend. Von Jakob Loewenberg. Aus seinem im Deutschen-iVerlage, Stuttgart. erschienenen Ikebensroman „<jwei Quel- I e n". auf den. wir bei dieser Gelegenheit erneu: empfehlend Hinweisen. Sie waren alle schön, die Festtage und die Halbfesttage, laut, r Familienfeste,, dem Kinde die leuchtenden Meilenweiser des laugen wahres, mit heitzer Sehnsucht erwartet, mit bancier Wehmut verabschiedet: sie waren alle schön, sogar aber das liehe .waren als die Werk- und ^abbakhtage. dah sie etwas Blechs brachten, das besah dieses Fest in zwiefachem Mage: es i mettchicd ijä, nicht nur fcha« von den Wochentagen, iondirii auch von allen übrigen Festtagen. "Andere Sitten und Gebräuche brachte cs mit. andere ^pe sen und sogar anderes Geschirr. Wochenlanges Vordere len und Rüsten ging ihm voraus. Ach, das war ein Jub 1. wenn alle Ecken und Winkel durchsucht und -ge- .reinizt, alle Taschen und Sckncbladen uni- und ausgekehlt wuri en. ob »ich nirgends ein lzinterlistiges Krümchen gesäue tcs Brot vrrborgen hatte, das mitten in der Fcstesfreut e hervorlugen, wollte: „Seht hier bin ich: etsch, etsch, nun in alles verdorben!" Tenn was sonst das ganze Jahr bind irch das liebe Brot, die Eottesgabe hieh, das war nun das Ebomcz, das Gesäuerte, das Verpönte. Verfehmte, etwas Entsetzliches, vor dem der fromme Blick zurup'chauerte. So kann auch das Beste, wenn es nichts zur rechten Stunde kommt, ein Unheil bedeuten.! Wir Kinder waren mit dieser Achterklärung des Brotes mitlndlos. ja trendig einverstanden. Uns mundete das ichal t Gebäck aus Mehl und Wasser, der dünne, trockene Sstccsladen, besser als der feinile Kuchen, .und wenn ich an cigem reckt gröhen Stück knuppernd vor der Türe »tan >, dann blickte ich hochmütig stolz auf die Nachbarsi:nd!r I'^rab. die nichrs Beiieres als ihr Butterbrot zu eifert lwi;:n und neidvch auf mich hiniahen. zEin Kind ist schon gluc lieh, wenn cs nur etwas anderes hat. und ich bin iibeizcugl, im Mittelaller.waren die jüdischen Kinder stolz au: den gelben vappen, den sie an ihrer Kleidung ttagen mufften. Worauf wir unsaber vor allem freuten, das wart der Vorabend des iMteä, der Sederabend. Ta sahen wir alle um den seitlich gedeckten Tisch, auf dessen weihen Linien die Sederichünel mit ihren seltsamen Gaben prangte:! mit Knochen und Ei. mit Petersilie und Meerrettich und Salz-! was er und mit deii geheimnisvoll versteckten Mazzoth.l Jedes Ding hatte seine Bedeutung und stand in' Beziehung! zu hem Auszug aus Aegypten: aber daneben führte 'es noch für mich ein ganz eigenes Leben, wovon nichts in den' alter Schrif.tcn stand. Wühle ich doch,' wie das Huhm aus ah. das uns das Ei gelegt hatte, wo Petersilie und Meerrettich'' gewachsen waren, und . hatte ich doch mit deiru Lämmchen gespielt, dessen Knochen dort auf der Schüssel! lagen. Ich durfte nicht lange träumen: schon hob der Vater die Schüssel hoch und begann in singender Weise aus der Hacada, dem Festbuch dieses Abends, vorzulesen: „Seht dllss armselige Brot, das unsere Väter iin Lande Aegypten gegessen haben. Wen es hungert, der komm', und esse j mit, wer bedürftig in. der komm' uird feiere mit: dieses Jahr hier, künftiges Jahr im Lande Israel, dieses' Jahr Knechte, künftiges Jahr Kinder der Freiheit!" Kinder der Freiheit! Ach, wie oft waren Wahn und Hah in solch ei»er Nacht in das stille Haus gebrochen, hatten die frommen Beter überfallen und gemordet, und der Tod bald auf die Schlächter, bald auf ihre Opfer blickend, hatte grinsend gehöhnt: „Kinder der Freiheit!" Mir^ war dieser Ruf nur das Stichwort, dah ich als Jüngster aufstehen und lesend und übersehend fragen muhte: „Was zeichnet diese Nacht aus vor allen anderen Nächten?" Was die Hagada darauf antwortet, find nur unbedeutende äußerliche Dinge, und schon als Kind hatte ich das lebhafte Gefühl, da fehlt noch etwas. Von dem. was viefe Nacht wirklich auszeichnet: von dem heiligen Schauer der Geschichte, der sie durchweht, von der Macht der Poesie, die Vergangenes vergegenwärtigt, sagt die Antwort nichts. Tann folgen in kunstloser Aneinanderreihung Stellen aus der Bibel, die sich auf den Auszug beziehen, spitzfindige Teutungen dieser Stellen aus dem Talmud, ergreifende Psalmen, trockene Erzählungen von Wundertaten, bis ganz zum Schluh, nachdem das Festmahl in gar anmutender Weise die Vorlesung unterbrochen, die wunderbare Erzählung von dem Lämmchen kommt. Wie manchesmal habe ich mit zitternder Hand des Vaters alte-Hagada durchblättert, .habe mich an den schlechten Reimen ergötzt und die noch schlechteren Holzschnitte mit seligen Augen betrachtet. Noch sehe ich sie vor mir: Wie Moses aus dem Wasser gezogen wird, ein ganz, ganz kleines Kindchen, wie er todesmutig vor Pharao steht, indes die Schlangen vergnügt am Boden umhertanzen, und wie die Aegypter samt und sonders in dem tiefen Wasser ertrunken sind: es muh sehr tief gewesen sein, denn nur ein Pferdekopf guckte daraus hervor. Auch den Terypel mit den vielen Mauern, aus denen ich nie klug werden konnte, sehe ich noch, und die vier Charakterküpfe: den Weisen, den Bösewicht, den Einfältigen und das unschuldige Kind. Vor allem iinponierte mir der Bösewicht. ‘ der Heuchler, der zwar ein ganz engelfrommes Gesicht hatte, aber mit verruchter Hinterlist das linke Bein gegen den Weisen hob. Doch mehr noch als die Bilder fesselte mich 'stets die Schluhg Schichte von dem „Lämmlein, das sich . einst kaufte der Vater mein, um zwei Suse, ein Lämmlein, ein Lämmlein." Und dann kam die Katze und frah bas Lämmlein, und da kam der Hund und zerrih die Katze, und da kam der Stock und erschlug den Hund, und da kam das Feuer und verbrannte den Stock, und da kam das Wasser und verlöschte das Feuer, und da kam der Ochse und trank das Wässer aus, und da kam der Schlächter und schlachtete den Ochsen, und da kam der Todesengel und tütete den Schlächter. und dann kam der Heilige, gelobt sei er, und tötete den Todesengel, „der getötet den Schlächter, der geschlachtet den Ochsen, der getrunken das Wasser, das gelöscht das Feuer, das verbrannt den Stock, der erschlagen den Hund, der zerrissen die Katze, die gefressen das Lämmlein, das sich kaufte der Vater mein, um zwei Suse, das Läminlein, ein Lämmlein." Das arme Lämmchen — ich sah es immer deutlich vor mir, es sah gerade so aus, wie das Lämmchen, das ich im vorigen Jahre grohgezogen hatte, weih mit einem schwarzen Fleck auf der Stirn, und da lag es blutend, zerrissen am Boden. Nur die beiden dauerten mich, in der ganzen tieftragischen .Geschichte, das Lämmchen und der Todesengel. Dah auch ein Engel etwas Unrechtes tun könnte und sterben müsse, das wollte mir nicht in den Sinn. Tie Geschichte machte mir viel Beschwerden und Unruhe. Es hieh zwar in der Erklärung^ kurz und bündig, in dieser Geschichte offenbare sich Gottes Gerechtigkeit, die nichts unbestraft lasse: ich glaubte das auch, aber ich fragte doch immer wieder: Und warum muh ein Engel Herben,; warum das arme Lämmchen, das sich kaufte der Vater mein, um zwei Suse, ein Lämmlein. ein Lämmlein? Heimarbeit vergibt P. H o 111 e r, Breslau Hb. 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