Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 26 (24.6.1870)
- Date
- 1870-06-24
- Page
- Seite 246 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434046--736-4891038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
246 i genug beachtete Erklärungen kn den Midraschim auf. Allein alle diese Versuche können die Autorität der von der Synagoge angenommenen Tradition nicht im mindesten schwächen und beeinträchtigen. Ta enun einleuchtet, wie notwendig in öffentlicher religiöser Hinsicht eine Autorität ist, wie nur hierdurch dir Religion erhalten und verhütet werden kann, daß sie sich nicht in Sekten auslöse, so sehen wir nicht ein, we-halb wir ans einen kostbaren Schatz verzichten sollen, welcher schon so viel Gutes gestiftet hat und noch stiften wird. Die Beschränkungen, welche zur Motivirung eines solchen Vorhabendie Veranlasiung geben sollen, entspringen ja aus den Vorschriften der h. S. selbst und lasten sich trotz aller subtilen Erklärungen nicht aus dem Wege räumen. Möge es daher im Privatleben immerhin dem Gewissen einejeden Einzelnen überlasten bleiben, mehr oder minder an die Vorschriften der Religion zu halten; mögen wir aber in öffentlicher religiöser Hinsicht, zumal schon längst eine mildere Praxis ins Leben getreten, alle mögliche Erleichterung ringeführt ist, und jede Verbesserung des Kultus von Allen begünstigt wird — jenes Band festhalten, welches beinahe bis zur Gründung der Religion selbst hinaufreicht, und alle Gemeinden Israels so lange umschlungen und verbunden hat. A. S. T. Wochenchronik. *** Astke Jehuda. Dieser Verein zur Verbreitung der Wissenschaft des Iudenthums veranlaßte Sonntag für die reifere israelitische Jugend einen zweiten Vortrag. Herr Leopold Wolf, der mit demselben beehrt wurde, wählte zum Thema „Moses Mendelssohn und seine Bedeutung für die israelitische Jugend." In einer kurzen aber dem ganzen Vorträge angcpaßten Einleitung legte er besonders darauf Gewicht, daß man der israel. Jugend gegenüber, Männern aus dem Volke, die gewirkt und geleistet haben, die vollste Aufmerksamkeit schenken müsse, um gewissermaaßen auch die Jugend enzuspornen, diesen herrlichen Bildern mit der ganzen Kraft der Seele uachzueifern. Er griff nicht sehr weit in die Geschichte de- Iudenthums zurück, holte aus der Schatzkammer jüdischer Größen, den um die jüdische Literatur, jüdische Philosophie viel verdienten MoscS Mendelssohn hervor, der sich wie Redner betonte, über den Kreis seiner jüdischen Zeitgenossen so erhob, daß sein Name einer der ruhmwürdigsten geworden ist, nicht nur unter denen, welche die Geschichte des israelitischen Volkes seit seiner Zerstreuung nennt, sondern auch unter allen Völkern, welche auf Bildung Anspruch' machen. Redner stellte der israelitischen Jugend Mendelssohn als ein Muster der zähesten Ausdauer gegenüber unüberwindlichen Hindernissen, der Tapferkeit im Kampfe gegen die eigenen Leidenschaften, im Kampfe dcS Lichtes gegen die Finsterniß. Recht lebendig schilderte er den edlen Kämpen für Aufklärung und Eiüilisation, in dessen Verhältnisse zu seinen damaligen Glaubensgenossen, dessen Kindheit und Jugeudjahre und ließ er dieser Eharaktcrschildcrung eine Biographie Mendelssohn folgen, die recht ausführlich gehalten war. WeiterS cntwickeUe er die literarische Thätigkeit deS großen Philosophen uud dessen Verhältnisse zu den Juden. DaS Judenthum wurzelte, wie sich Redner auSdrückte, in allen Fasern des Herzens Mendelssohn, er lebte fromm in seinem Glauben und streng nach den talmudischen Satzungen; Finsterlinge erschienen ihm als irreligiös. Im I. 1777 schrieb Mendelssohn die Ritualgesetze der Juden, um der Regierung AnhaltSpuukte betreff der Gesetzgebung für die Juden über Erbschaften, Testamente, Vormundschaften, Ehesachen, über den Judeueid, zu geben. Redner kam sodann auf Mendelssohn'- Bibelübersetzung zu spreche«, durch die der ganze Unterricht der jüdischen Jugend eine neue Wendung erhielt. Mendelssohn öffnete neue Bahnen für die GeisteSllärung und leitete zuerst aus grammatische und exegetische Studien. Redner führte den dem Bortrage mit Aufmerksamkeit kanschendm jungen Zuhörern, in Mendelssohn ein glänzende« und erhabene« Bild vor und entledigte .sich seiner Aufgabe durch Klarheit, Präcision und einen sehr verständlichen von aller Affektation freien Borkrag, der auch bei der anwesenden Jugend feinen Eindruck nicht verfehlte. Inland. (Zweite katholische Wählerversammlung.) Die katholischen Wähler der Bezirke Mariahils unh Nmbau hielten am 14. d. M. Abends um 8 Uhr beim /großen Zeisig" eine zweite Wahlbesprechung ab. In der Versammlung sprach unter Anderen auch Pater Dietrich: In konfessioneller Beziehung solle die Religion die Grundlage bleiben. (Beifall). Redner will neue Männer mit neuen Tendenzen. Sie sollen nicht viel reden, aber mehr handeln. Bor einiger Zeit sei ein Mann zu dem Bürgermeister gekommen, der sich mit den Worten als Kandidat vorstellte, er sei der beste Redner in Wien. Ja, wenn wir nur Redner brauchen, wählen wir gleich Hofschauspieler, die sprechen doch nur Klassisches. Weiters stellt der Redner ein kleines Programm auf, das an jeder Straße angeschlagen stehe: „Links auSweichcn, recht« Vorfahren." Link« sei alles Schlechte, rechts alles Gute. Wählen wir also Männer mit jenem Programm, ob sie Katholiken oder Israeliten sind. (Bravo.) Nur klug sein, wie jener erfroree Mann, der, um einmal ein Plätzchen am warmen Ofen zu finden, die Leute, die den Platz inne hatten, auf sein Pferd, das Austern fresse, neugierig machte) und sie in den Stall lockte. Wenn wir klug sind, finden wir vielleicht auch so ein Plätzchen. (Bravo.) Schließlich ergreift Pater Dietrich noch einmal zu einer Berichtigung das Wort, in der er auöspricht, daß ihm ein ehrlicher Israelit lieber sei, als ein schlechter Katholik. (Lebhafter Beifall.) Dr. Gruber gibt auch hier seine Anschauungen zum Besten, er schimpft gegen die Taufscheinkatholiken und spricht es ebenfalls aus, daß ihm ein unverdorbener Israelit lieber sei, als ein Dutzend von Scheinkatholiken. Wie wir der . Brest. Wochenschrift" entnehmen, ist Dr. Kayserling zum Prediger in Pest erwählt worden, doch bedarf die Wahl noch der Bestätigung durch ein „PlebiScit". Auch das Rabbinat zu Neu Ofen ist jetzt besetzt, und zwar mit Dr. Raph. Goldberg aus Papa. Man schreibt aus Fünfkircheu, 11. Juni waS wir zur Ergänzung der in letzter Nummer dieses Blattes gebrachte Notiz bringen: Im hiesigen öffentlichen allgemeinen Krankenhause, auch Bürgerspital genannt, lag seit zwei Monate» ein armcS Mädchen, israelitischer Konfession, krank. Als die Patientin ihre letzte Stunde kommen sah, gab sie durch Zeichen uud unartikulirte Laute zu verstehen, man möge um einige ihrer Glaubensgenossen schicken. Der Spitalsdiener machte sich sofort auf den Weg. und eS gelang ihm, vier jüdische Frauen aufzutreiben, die sich augenblicklich in'S Spital begaben. Dort angekommen, wollten sie sich den Sterbenden nähern, wurden aber von einer „Grauen Schwester", deren Orden die Krankenpflege anverlrant ist, mit dm Worten zurückgehalten: „ES ist zu spät, die Kranke ist bereits getauft!" Bald verbreitete sich diese Nachricht in der ganzen Stadt, und gelangte auch zur Kenntniß der Jsracliten-Gemcindc. welche unverzüglich alle Hebel in Bewegung setzte, um die Leiche aus dem Spital zu requiriren. Der Bürgermeister ordnete eine strenge Untersuchung an und ließ die Repräsentanten der Stadt zu einer Berathung zusammenrufen: doch eS war umsonst! Die einmal vollzogene Taufe ist nicht mehr ungeschehen zu machen. Die Getaufte wurde bereitiin katholischen Friedhof beerdigt. Croßwardein. Ein Gegenstück zur Mortara- Geschichte. In einem im Biharer Komitate gelegenen Dorfe Keveke so wird der „Berl. Zeitung" vom 10. Jaul mttgrthrilt, brachte vor einiger Zeit eine Bäuerin ihr neu-