Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 14 (1.4.1870)
- Date
- 1870-04-01
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- 134 denstrn Ortschaften, welche als Theile eine- Ganzen nicht aufhören, dem Asiekuranznesen, dem Fabriksunternehmen u. f. w. anzugehören. So hörten wir von Wien immer, daß es eine Jsraelitengemeinde anfweist, hörten aber auch von einer Leopoldstädter Tempelgemeinde und einer solchen in der in« nern Stadt sprechen, wir wissen, daß die Berliner Gemeinde kleinere Gemeinden in sich schließt, und daß diese daran gehen, sich von der Hauptgemeinde loßzurelßen. Dasselbe gilt von der Londoner Gemeinde, die in eine englische und eine deutsche Gemeinde zerfällt, also in eine, welche eS laut ihres Idioms für nothwcndig fand, eine eigene Synagoge zu erbauen und alle Kosten die dieselbe und ihre Gemeindefunktionäre erheischen, au- Eigenem zu bestreiten, und in eine solche, welche nach ihrer Auffassung dasselbe nur in veränderter Form that. So ist es auch in Prag der Fall, nur mit dem Unterschiede, daß die Synagogen als Gebäude Gut der Gemeinden sind, nichts desto weniger bilden die Mitglieder einer Synagoge eine Gemeinde und zwar eine Synagog'engemeinde. So lasen, wir und lesen noch heute in den Gebetbüchern: „Der Borbeter spricht und die Gemeinde antwortet darauf." Wenn nun der Advokat Dr. Wiener die Synagoge für eine Anstalt erklärt, welche religiöse Tendenzen verfolgt, und als Anstalt der Gemeinde auch der Gemeinde gehört, so scheint diese Erklärung sehr irriger Natur zu sei». Die Synagoge als Gebäude ist wohl eine Anstalt, die in Prag der ganzen Gemeinde ergo auch jedem Theile derstlben gehört, weil sie entweder von ihm erbaut oder ihr von einem Wohlthäter geschenkt wurde. Die Besucher der Synagoge jedoch, welche für Erhaltung dieses Gebäudes und seiner Funktionäre sorgen, bilden eine Gesellschaft, deren Mitglieder wohl nicht als permanent aber immerhin als momentan gesellschaftlich angesehen werden können, wie dieß bei Ge« schäften stattfindet, die immer dieselben bleiben, wenn auch ihre Inhaber wechseln. Als Beweis der Selbständigkeit der Synagogcngemeinde gilt der Umban der Meiselsynagoge. Wenn die EultuS-Neprüscntanz die Gemeinde, oder nenne man sie Gesellschaft, jener Synagoge nicht anerkannt hätte, Halle sie den llmbau nicht gestatten, oder aber auf Kosten der ganzen Gemeinde ausführcn sollen. DaS hat sie nicht gethan und sie bewies damit, daß sich die Hauptgemeinde schief und nach einer Seite geneigt, aber auf diesem Halse ruht rill Kopf der bet genauerem Anschaucn durch feinen geistigen AuSdruck univillkürlich Achtung und IiNerclsc cinfiößen mußte. Die hohe Stirn mit bräunlich krausem Haar b.wachsen, trug den Stein, pel, welchen die großen und tiefen Ideen wie einen Abglanz des ileberirdifchen um da- Haupt des Denkerzurücklassen; um die fei. tun Lippen schwebte ein cigenthiimiicheS Lächeln, daS man versucht war, für ironisch zu halten, wenn nicht die Milde und Freundlich, keil des ganzen ManncS dieser Annahme wicdcrsprochcn hätte. War r» Ironie so schien r» die göttliche Ironie cineS SokcateS zu sein. — Zuweilen aber nahm diese- Lächeln einen wahrhaft schmerz, tichcn Ausdruck an und man bcnlcrkte dann wohl um den Mund jenen traurigen Zug, welchen Jahrhunderte voll Leid und Schmach dem Volke der Juden aufgrdrückt. — Lin unaussprechlicher Zauber aber lag in den dunklen Augen dieses Mannes, welche trotz ihres Glanzeso sanft und freundlich dreiuschanten, daß man über ihre friedliche Klarheit seine Mißgestalt vollkommen vergessen mußte. C# war die liefe de- Philosophen, die Milde dcS Menschcnfrcun. des mit der unschuldigen Schalkhaftigkeit eine- Kindegepaart, die so wunderbar audiesen Blicken lemb'etc». Seine etwableichen und kränklich au-sehenden Wangen wnr. den von einem schmalen BartÜrcifen wie von einem Rahmen ein* gefaßt. Cr war einfach, aber reinlich und sorgfältig gekleidet mit einem zimmetbraunrm strack ohne-- jede Stickerei, die damals von den belferen Ständen mit Vorliebe getragen wurde. Kurze Hofen von geschorenem Sammet, seidene Strumpfe und Schuhe mit fil> bernen Schnallen vollendeten seinen Anzuge, in dreieckiger Hut mit Band eingesatzt, bedeckte seinen Kopf; in der Hand trug er damit Messing befchtagene Gebetbuch und einen kleinen grünen Beu« fei, der den Gedrtmantel enthielt. Freundlich dankend ging er an den Glanbm-genoffen vorgewissermaßen der Synagogengemeilide unterordnete. Letztere mnßtze somit eine Gemeinde, aber keine Anstatt gewesen sein, ähnlich dem Abgeordüetenhause, daein Gebäude, eine An« statt ist, in der Gesetze gegeben werden, aber immerhin die Abgeordneten keine Anstalt, kein Haus, sondern einen Körper, einen gesetzgebenden Körper bilden. Unter Gemeinde versteht man eine Bereinigung im Staate zur Erreichung mehrerer allgemeiner Zwecke, somit dient der Synagogenge« meinde, der Gottesdienst zum Zwecke. Synagoge, etymologisch aus dem Griechischen avv und ftyo) „zusainiiienführen," „sammeln", ist der Ort, wo die Juden sich versammeln, ihre Gebete zu verrichten, die so Bersainmelten, jedoch nur jene, welche das BethauS erhalten, bilden die Gemeinde und keine Anstalt. ES wäre mit dieser EigenthnmSrcchtS-Anmaßung der Repräsentanz eine sklavische Logik verbunden, welche nicht anders hieße als: die vier Mauern sammt dem Dachstuhl gehören der Gemeinde, cü gehören ihr konsequenter Weise auch die ersparten Gelder, die Geschenke, trotzdem die Gemeinde zu Renovationen oder sonstigen Anschaffungen nie einen Groschen Geld gegeben und die Synagogcngemeinde die Kosten ans ihrem eigenen Säckel bestritten hat. Herr Dr. Wiener hält die Synagoge insolange für keine juristische Person als sie nicht ihr behördlich genehnngtcs Statut hat und solange dieses nicht vorliegt, solange könne der Vorstand ohne Einberufung einer statutenmäßige» Generalversammlung und ohne Hinzuziehung der Repräsentanz über die Synagoge respektive deren Staminvermögen nicht verfügen." Mit dieser Erklärung hätte Herr Wiener so ziemlich seinen Widerspruch ausgesprochen und sich dem Punkte näher gerückt, daß die Synagoge einen Verein bilden könne, welcher wie jeder andere der Eontrolle der Behörde unterliegt. Eö handelt sich also um nichts mehr und nichts weniger als um ein behördlich genchiniglcs Statut, welche« die Kraft besitzt, die Synagoge zu einem Vereine zu machen. ES kann demnach die Synagoge nach Ansicht des Hrn. Dr. Wiener ein Synagogenver ein sein und es muß nur befremden, wie die Repräsentanz in den 4. von der Commission vorgelegten Punkt, daß der prager israel. Eultusgemeinderepräsentanz die Eontrolle über die Bermögenögebahrung zn übertragen sei und den Vorständen der neun Hauptsynagogen über, die sich meist durch seinen Gruß geehrt fühlten; mir einige finstere Zeloten, denen seine tolerante Gesinnung ein Acrgcrniß war, wandten ihr Gesicht ab und murmelten eine Verwünschung in dm Bart, den Abirünnigen stuchend für den sie ihn hielte». Dieser Mann war der schon damals bekannte und berühmte jüdische Philosoph Moses Mendelssohn. An seiner Seite ging ein polnischer Jude, der erst seit Kurzrin nach Berlin gekommen war, hauptsächlich um MoseS kennen zu lernen. Rabbi Isak Satanof konnte seine orientalische Abkunft noch weniger wie Mendelssohn verleugne». Dafür sprachen die langen, wie Pfropfcnziehcr gedrehten, schivarzen Locken, welche unter der hohen Pelzmütze hervorquöllen, die gebogene Nase, die dunklen unstäten Augen und die echt jüdischen Gesten der Hände und deS ganzen Körpers, womit er seine Rede zu begleiten psiegtc. Trotz seiner schlechten und gebückten Haltung schien er fast »och einmock so groß, wie sein philosophischer Freund zu sein, neben dem er wie ein Riese neben einem Kinde dahinschritt. Das seltsame Paar mochte die Aufmerksamkeit dcS vor der Wache stehenden Offizierauf sich gezogen habe», der sich nicht daS Vergnügen versagen konnte, sein Müthchrn an den Juden zu kühlen, die zu jener Zeit ein Gegenstand dcS Spotte- und der Verachtung sclbü für die bessern Stände waren. Jude! Rischt zu handcin? fragte der Lieutenant, den buckligen Mendcl-sohn anstoßend. O ja! antwortete" dieser schnell und gefaßt und mit seinem feinen Lächeln. Rur fürchte ich, daß der Herr Offizier von unserer Waare keinen Gebrauch machen kann. Ra, womit handelt denn der Mäuschel 7 Mit Witz und Brrstand I rntgegncte Mosei und ließ den verblüfften Offizier stehen, der sich so abgrsührt mit einem lauten Much rntfrmte.