Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- III (1870)
- Issue
- 4 (21.1.1870)
- Date
- 1870-01-21
- Page
- Seite 35 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4890378-5433916-5434003--507-4890831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
S*«m «fonnirifu« Prag t Gulzjiihrig st. 5 — Hiritjähri, „ 2.5» vierteljährig,, 1.8» Mit Postzuseud»»,: Ganzjährig fl. 5.5» Halbjährig „ 2.75 vierteljährig „ 1.5» Für- Ausland: vaazjährig 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Iajeratr werde» billigst berechnet. Die Gegenwart. Hrgan für die Interessen des Indenthnms. Erscheint allwöchentlich am Freitag. «ebaltl,» ,. Atari»): »istritia» Pr«>, 1 tergasteNrs. »,hi» elle «riefe Etlbje»b»»ge» ,» richte» find. Zuschrift»» »erb« franco erdete», «a- »uftripte werbe» bei Richt»rrwr»du»g auf verlange» jedoch uastaolirt zurticke» stattet. Ar. 4. Prag 21. Januar 1870. III. Jahrgang. Der jüdische Lrumuistad. Die Frage, ob die Prager Israeliten-Gemrinde einen Oberrabbiner benöthige, wurde so viel wir unS zu erinnern wissen, in der Repräsentanz noch nie recht erwogen, sondern mit aller Lauheit behandelt, nur durch Einstellung eines gewissen BettageS ins Budget, zu einer Scheinfrage erhoben. Diesem Verfahren entgegen, wurde jener Gegenstand in der Gemeinde zur Cardinalsrage und dürften die Ansichten der» selben der Repräsentanz nicht unerwünscht kommen, um so jene problematische Angelegenheit in das Fahrwasser einer definitiven und allgemein befriedigenden Entscheidung einzulenken. Erblicken wir zwar in der Anstellung eines Oberrabbi-- urrS für die Gemeinde keine Wohlthat und sind unS die UtilitätSgründe, die für einen solchen sprechen, ganz fremd, so drängt eS unö erst, die Frage aufzuwerfen, für wen soll ein geistliches Oberhaupt beschaffen werden und welchen WirkungSkreis nimmt ein solcher in Anspruch? Wir haben zwar schon einmal in diesen Blättern die OberrabbinatSfrage beleuchtet, und derselben kein Wort der Nothwendigkeit gesprochen allein um der Verbissenheit einiger Mitglieder der Repräsentanz auf einen Seelenhirten der Gemeinde, dem der Feuilleton. Moses Mendelssohn, und Lavater's Versuche ihn z» bekehren. Der bokrateS dcr neuen Philosophen und große Reformator unserer Nation ward am 12. Elul 489, in üblicher Zeitrechnung im September 1729, zu Dessau geboren. Sein Vater Mendel war daselbst Schulmeister und Sopher suchte aber bei ast dem geringen Ertrag seiner Ämter den» Sohne eine nach Umständen gute Erziehung zu geben. Dieser empfand schon in der frühesten Jugend einen unersättlichen Dnrst nach Kenntnisien. Nächst der Geinara waren für ihn die 24 Bücher dcr heiligen Schrift die £ eile seiueS Unterrichts und seiner Geschmackbildung. Die oriental» -poetische Färbung und die stärkenden und treffenden Bilder dersrlb . machten auf ihn einen so lebhaften Eindruck, daß er schon in s .iem zehnten Jahre hebräische Gedichte verfaßte. Run fiel ihm der More Nebochim de» MaimonidcS in die Hände, ein Hauptwerk der hebrätschen Literatur, welche» die Begriffe von Gott, Geist, von Unsterblichkeit der Seele abhandelt und zuerst in ihm den Forschung»- trieb nach Wahrheit und firimüthiger Denkungsart erweckte. Mendelssohn hat diese» Werk auch später die Quelle seiner Pilosophie genannt, aber auch al» Ursache seiner Kränklichkeit bezeichnet, indem da» allzufrühe Forschen und der für seinen zarten Körperbau von den schädlichsten Folgen begleitete, übertriebenen Fleiß ihm eine Krummstab in die Hand gegeben werden soll. Rechnung zu tragen, erachten wir eS für nothwendig, die Anforderung der Minorität, die die streng Konservativen der Repräsentanz in sich schließt und die der Majorität, -die die Majorität der Gemeindemitglieder in sich begreift, zu beleuchten, um so auf den Grund der Zweckmäßigkeit eine» Oberrabbtner» oder des überflüssigen Ballastes eine» solchen zu kommen. Hiebei sei nicht unerwähnt, daß jene Mitglieder der Repräsentanz, die mehr dem Parteiwesen weniger dem Jesuiti»muS huldigen, in dem Verschleppungssysteme eine gewisse Ehrlichkeit merken lassen, die sie nicht recht zu dem Entschlüße kommen lassen will, der Gemeinde eine geistliche Person aufzudrängen, die am Ende als eine persona ingrata die Verwickelungen noch größer machen würde; zu bedauern jedoch ist e» bei dieser Ehrlichkeit, daß dies?, der Repräseutanzmajorüät zugetheilt Rolle eines kadius cuuctator durch die Einstellung eine» Postens ins Budget, der Gemeinde etwa» unangenehm zu Statten kommt. Der neue Theil der Repräsentanz, derjenige nämlich, der für die Einsetzung eines Oderrabbiners und zwar nach der Facon eine» sogenannten Rebbe schwärmt, der unS an längst vergangene Zeiten und die mit denselben verknüpften Institutionen erinnern soll, dieser neue Theil, gleichsam die dunkle Scheibe jene» Globus, auf die der Nervenkrankheit zuzog, wodurch auch sein Rückgrat sich zu beugen anfing, welches durch nachläffige Behandlung zunahin und vielleicht die Hauptursache seiner zerrütteten Gesundheit und seines frühzeitigen Todes geworden ist. Sein Vater lebte aber in zu arinseligen Umständen, um den vierzehnjährigen Mendelssohn ernähren zu können, und so mußte er 1742 nach Berlin wundern, wo er in äußerster Dürftigkeit lebte, oft sogar an de» ersten Lcbrnsbcdürfniffcn Man gel hatte, den er aber nicht fühlte, wenn er nur seine Wißbegierde stillen könnt" Ein wohlthätiger Jude gab ihin ein Dachstübchen zu Wohnung, ein paar Mal in der Woche freien Tisch, und der Oberlandrabbiner Frankel, ehemaliger Rabbiner in Deffau. sein früherer Talinudlehrer, nahm sich einigennaßen seiner an, indem er ihn zum Abschrciben seiner Manuskripte gebrauchte, und ihm Gelegenheit zum gründlichen Studium de» Talmud und der damit verbundenen jüdisch-theologischen RcchtSgelehrsamkrit gab. Doch diese» war für den sich entfaltenden Geist Mendelssohn» nicht hinlänglich. Zufällig er« warb er dir Bekanntschaft eines jungen Doctor» der RechtSgelehrsamkeit, Namens Kisch au» Prag, welcher ihm rirth, zurrst Latein zu lewen, und nachdem er nach langem Sparen für einige Groschen eine alte Grammatik und ein schlechte» Lezicon gekauft hatte, gab ihm Kisch rin halbe» Jahr täglich eine Viertelstunde Unterricht in der lateinischen Sprache. Mendelssohn lrmtr um da» Jahr 1784 auch den Dr. Aaron Salomo» Gumperz können, einen jungen jüdischen Gelehrten, welcher in Arznetkunde, Mathematik und Philo« sophie gute Kenntniffe hatte, und der ihm dir nähere Brranlaffung gab. auch mit der neueren Literatur bekannt zu werden. Er derschaffte ihm auch die Bekanntschaft einiger jungen Leute au» den»