Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1869-02-15 · 4 (15.2.1869) · p. Seite 33

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
4 (15.2.1869)
Date
1869-02-15
Page
Seite 33 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4890378-5433914-5433955--229-4890580
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

33 Tfiumt ist, gestattet eS unS nicht die Vorgänge im Congrcße in allen Detailwidrrzugeben und beschränken wir unS darauf die höchst deprimirenden Ereigniße in den allgemeinsten Umrißen zu schildern. Am 3. Feber schritt endlich daS Plenum des CongrrßeS zur eigentlichen Lösung seiner Aufgabe. ES wurde nämlich die Generaldebatte über die Gemeinde- Organisation eröffnet. ES lagen drei Entwürfe vor;, der eine von der Fortschrittspartei mit ausgesprochen zentralistischer, die der Minorität mit mehr dezrntralistischer Richtung; außerdem ttagen beide Entwürfe in den einzelnen §§. den betreffenden Parteistandpunkten Rschnunz. Bor Beginn der ei» gentlichen Debatte beklagte sich der Berfasser eines Minoritätö-EntwurfeS Herr Eisler darüber, daß sein Elaborat spä» ter und in anderer Form gedruckt wurde alS die andern. Der Herr Präsident war so galant dem Herrn zu erwicdern, daß deffen Elaborat sehr der Correktur bedürfe, daß eS die Würde des CongreffeS verletzen würde, dasselbe in der Form zu drucken.wie die andern Aktenstücke — Herr Präsident hat daher eine andere Form ersonnen. Wie geistreich!! Herr Eisler blieb natürlich die Antwort nicht schuldig. Den Commentar zu diesen Vorgängen kann sich jeder selbst machen. Solche muthwillige nur, auf Kränkung der Partei abgesehcne Chikane alö P r ä l u d i u m der ersten ernstlichen Debatte, wo man sich über prinzipielle Gegensätze zu einigen hatte, lassen nun wieder darauf schließen, welches ' Bewandtniß es mit der Nachgiebigkeit und dem guten Willen zur Einigung und zur Verständigung der »Fortschrittspartei" habe. Die Stimme des ersten Redners, »velchrr^r^Mäßigung und zu gegenseitiger Nachgiebigkeit mahnte, verhalltespurlos in dem leidenschaftlich erregten Saale. Immer heftiger und heftiger wurde pro und contra gesprochen. Ramentlich Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Steinhardt aus Arad hat daunsterbliche Verdienst durch seine Phippika — nicht für oder gegen einen Entwurf — sondern gegen die Ungar. Orthodoxie einen solchen Sturm hervorgernfen zu haben, daß die Hälfte der Linken unter Protest den Saal verließ. Eine zweite Rede eines »LandvaterS" — Holländer, ist der Name dieses Unsterblichen, welcher in der linken Seite de- HauseS BiSmarkische Wühlereien!!! erblickt, war mit solchen unparlamcntarischen Ausdrücken gewürzt, daß die noch übrig gebliebenen Orthodoxen das Haus verließen. Letztere kehrten'am andern SitzungStage zurück, nachdem Herr Holländer seine Ausdrücke und Behauptungen zmückgenommen. In Abwesenheit deS bei weitem größten Theile der Linken, wurde der Entwurf der Majorität als Gegenstand der Spezialdebatte angenommen. So/tehen die Sachen heute. Über das Meritorische der Debatten mit Ihrer Erlaudniß, Herr Redakteur nächstens. M. «. «oth. Modern. Es ist ein schöne- Wort, ein eingebürgertes viel gebrauchtes Wort, es gibt nichts Moderneres in unserer Zett. DaS Kind hat die Mutter an Kraft und Fülle weit über- Mgelt. Mode lässt noch immer Exceptionen zu. sie macht ziehrr eines berühmten ManneS, und der Ahnherr einer so ausgezeichneten Familie gewesen, ist nicht einmal seine Abstammung bekannt und sein Grab nicht mehr aufzufinden. Aber ein Schreiber war er, daS steht fest, und ein in der Gemeinde wegen seines stillen und makellosen Wandels sehr hochgeachteter Mann. Wißen Eie waS rin Schreiber ist? ES waren dies früher die einzigen Künstler unter den Juden. Auf Pergament schrieben sie die großen Thorarollen und häufig auch die Gebetbücher, welche bei unserem öffentlichen Gottesdienste benützt werden. Finden Eie einmal Gelegenheit, in einer Synagoge oder Bibliothek ein solches zuweilen auch mit farbigen Anfangsbuchstaben und Miniaturbildern geschmücktes Werk zu .betrachten, so werden Sic inne werden, daß zu dieser Arbeit nicht bloß wiffenschaftliche Kenntniß und eine Art künstlerischer Fertigkeit, sondern auch Geschmack, Schönheitssinn und vor Allem' jene unbeschreibliche Geduld gehörte, wie sie nur fromme Begeisterung den Menschen früherer Zeiten verliehen hat. Ich erwähnte den Umstand, weil er nicht unwichtig ist. Sollte von einer solchen künstlerischen Thätigkeit nicht auch etwas in die Denkungsart und die Sitte» Mendelssohn s übcrgestoffcn sein und auch in die Seele seines Kindes schon frühe jenen Sinn für das Feine und Geordnete, daS Anmuthige und Schöne gepflanzt haben, der -später ein so wirkungsreicher Grundzug seines Wesens gcblleben ist? Wie oft mag der arme Vater noch in später Rächt bei düster brennender Lampe in seinem erbärmlichen Zimmer gescffen und mit erhobenem Gcmüthe, betend zugleich und schreibend, den Urtezt jener Psalmen auf Pergament gezeichnet haben, die später sein'Sohn ms Deutsche! überttagen." «Und sein Urenkel in Musik gesetzt hat," wollte Mendelssohn den Mann unterbrechen, er verschluckte aber jede derartige Bemerkung und sagte nur : „Es ist eine weite Gedankenreihc, die Sie mir da eröffnen, und sie erregt mich tiefer, alö Sie vielleicht glaui btn. Aber mir liegt noch eine Frage aus dem Herzen: Sie glau-! den also wirklich, daß das seit Mendelssohn wicdcruin in eine Bej tvtgung gerathenc Judenthum in den europäischen Ländern noch i eine Zukunft habe?., „Ich glaube eS mit Tausenden und abermals Tausenden meiner Brüder und Schwestern, die heute mit^mir unser fröhliches Laubhüttenfest seiem, wir mit Unzähligen dieses nicht mehr feiern. Daß das Judenthum lebt und in seinen Wurzeln nicht abgestorbm ist, können Sie in jeder Stadt und in jedem Dörfchen sehen, wo eine Gemeinde ist. Und warum wollen Sie e» nicht leben lasten 7 Wurzelt eS nicht, so gut wie daS Christenchum, in einem höhem sittlichen Inhalt, der sich nur in besonderen Formen offenbart, dir Niemand stören und schaden und die Mancher nur fremdartig oder lächerlich findet, weil ihm die eigenen Gewohnheiten natürlich geläufiger und verständlicher sind? Muß denn Alles über einen und denselben Leisten geschlagen sein 7" Der Mann hatte die letzte Frage mit so eigenthümllcher Wehmuth betont, daß der gute Tondichter seine Hand ergriff und. sie herzlich drückte. „Sic haben mir," sagte er,' „eine schöne Stunde bereitet und ich kann Ihnen wohl am Besten durch die Erklärung danken, daß es der Enkel Moses Mendelssohn fft, zu dem Sie gesprochen haben. Kommen Sie morgen zu mir." Hiermit übergab er dem Knaben seine Karte und war schnell in den Windungen der Anlagen verschwunden. AlS der Greis mit seinem Knaben am andern Tage in der Wohnung Mendelssohn s erschien, breitete er mit thränenfeuchtem Auge und feierlicher Gcberoc, ein hebräisches Gebet murmelnd, seine Hände gegen den Meister auS und empfing dann von diesem Briefe, welche ihm selber eine beträchtliche Aushilfe, dem Knaben aber auf Jahre hinaus in Berlin eine gute Erziehung nebst ausreichendem Unterhalte sicherten. Dieser Knabe ist freilich kein Refonnator der rustischen Juden, sondern ein hochgebildeter, durch seine ausopfernde Menschenfreundlichkeit sowohl, alS durch geistvolle schriftstellerische Leistungen ausgezeichneter Arzt geworden, der in der preußischen Stadt, wo er seit Jahren wirkt, sich einer weit verbreiteten Präzis und eines hohen Ansehens erfreut, Der zeitgemäßen Reform des mittelalterlichen Judenthumö und nainentlich der Aufklärung seiner rustischen Brüder, wendet er aber, - im Sinne seiner Vorfahren, noch immer eine warme Aufinerksamkeit zu, wie er auch alljährlich, wenn das trauliebe Fest der Laubhütten wiederkehrt, alle seine Lieben zu heiterem Mahle um sich versammelt und mit inniger Dankbarkeit der wunderbaren Schicksal-Wendung gedenkt, welche einst für ihn an diesem Abend aus dem altjüdischen Festsegen de» längst zu .seinen Vätern Heimgegangenen Großvaterentsprosten ist. 4*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.