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Die Gegenwart · 1869-02-01 · 3 (1.2.1869) · p. Seite 22

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Journal
Die Gegenwart
Volume
II (1869)
Issue
3 (1.2.1869)
Date
1869-02-01
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
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22 auf in daS Abgeordnetenhaus, wo WintrrsteinS Thätigkeit brsonderin finanziellen und national-ökonomischen Fragen Anerkennung fand. CS zeigte sich dies insbesondere durch seine Wahl in alle zur Borberathung solcher Angelegenheiten eingesetzten Eommiffionen. Auch in die Staatsschulden.LvntrolScommisiion wurde er bemfcn. Uni mit mehr Ruhe den öffentlichen Angelegenheiten sich widmen zu können, übergab er 1862 sein Speditionsgeschäft an andere Hauser. Seit dieser Zeit wurde er auch in die Direktion der kk. a. priv. Kaiser Fcrdinauds-Rordbahn und in den Gcncralrath der k. k. priv. anglo-österreichischen Bank gewählt. Am 27. Oktober 1865 wurde er neuerdings in die Eoinmiffivn zur Controle der Staatsschuld berufen und in Anerkennung der aufopfernden Thätigkeit, welche er in dieser Stellung entwickelte, am lv. März 1867 mit dem Ritterkreuze des Lropold-Ordens ausgezeichnet. Im Febniar 7867 wurde er zum zweiten Male in den nieder-öftere. Landtag und in den Rcichsrath gewählt. Er ist übcrdicß k. k. Börsc.Rath und seit 27. Jäncr 1866 Präsident der Wiener Handels- und- Gewerbekannncr. Im Jahre 186'.» wurde er von Er. Majestät dein Kaiser Franz Josef zum lebenslänglichen HcrrcnhauSmitglicdc ernannt. Es mag diese Biographie manchen Eltern und namentlich den jüdischen zum unvcrdlasstcn Spiegel dienen, wie man den Beruf der Binder nicht nack Selbstzwecken, nach bloß der Eitelkeit sröhncndcn Prinzipien wählen, sondern den Trieb, die Neigung der cmporstrebendcn Jünglinge prüfen soll, um so dieselben in systematischer Weise zu dem heranzubilden, wozu sie die Natur, der Geist und die Begierde bestimmen. Wir sehen in jenem Manne, der heute die Pairschasr in Crfturciri) besitzt, den ehemaligen Praktikanten in einem pragrr Handlungshausc, wir sehen den heut als wiener Handelskaiiiinerpräsidcnten, der noch vor sieben , Jahren eiru tüchtiger Geschäftsmann war, und dieß Alle«, weil seine . Thätigkeit auf'wissenschaftlicher Basis gepflanzt war. Der Knabe Winterstein hat sich aus sich selbst heraus entwickelt, gebildet, upd dann durch erlangte Gründlichkeit in seinen Berufsgeschäften, durch Takt und höfische Manieren, sich nach und nach zu einer Hphe emporgeschwungen, auf der er die Früchte seiner unermeßlichen Strebsamkeit, nun reifen sicht. Aber auch die'religiösen Lehren, die er in seiner Jugend gelernt, blieben nicht ohne Wirkung, die ihn nicht nur zum festen AuSharren bei seinem Glauben veranlasste, sondern ihn auch zum Beschützer jener seiner Glaubensgenossen machte, die ihn da angerufen, wo ihnen B andalismnS und zügellose Wuth mit Vernichtung drohten. Wie gesagt, Winter st ein ist nur durch sich selbst daS geworden, was er ist, nicht durch Partheiumtriebe, nicht durch Wahlagitationen, nicht mit Hilfe von Familiengliedern. Die Wissenschaft, die Religion und der praktische Lebensgang allein haben ihm die Schleußen der Ehre, der Achtung und des Ruhmes erschlossen, unter deren Auspicien, er gewiß für seine Glaubensgenossen stets in die Schranken treten wird. Ursachen und Wirkungen. ES beruht nicht nur auf phisikalischen Grundsätzen, daß wo Wirkungen entstehen, früher Ursachen vorhanden sein müßrn, sondern auf dem logischen Verständnisse, daß wo ein Effekt zu verzeichnen ist, eine Veranlassung vorangegangen nicht an de» jetzige» Glanz und Einstuß seines HauscS, sondern an seinen inncrn Jusamincnhang mit jener geistigen und sittlichen Kraft, welche in dein verfolgten jüdischen StainnicJahrhunderte hindurch dem Hasse einer Welt getrotzt, bis sie endlich in dein stillen Dunkel eines arinen Dcffanifchcn Judcnhauscs zu einem hell und wann in die Geister und Herzen leuchtende» Strahl sich angcsam melt hatte. Wer ermißt das gchtiinnißvollc Walten des Volks- und Familiengeistes, die innere Erbschaft der Geschlechter? wer konnte ihm, dem christlich erzogenen Meister sagen, was von den Gefüh- > icn und Stimlnungcn langst entschwundener jüdischer Dulder in Stunden schaffender Begeisterung durch seine Harfe gerauscht in feine eigene Seelr dus Ringe» »ach Hohem und Edlem gehaucht in ihm sich zu gewaltiger Melodie gestaltet, in seinen Liedern und [ -Oratorien, seinen Psalmen und Kirchcngcsängen den hrrzbezwingende» Ausdruck gefunden batte? Dieß waren die Gedanken, welche feinem eigenen Bekcnntniß ' zufolge, unser» jugendliche» Meister bewegten, als ihn rin armer poluischcr Jude plötzlich an seine Abstammniig und au die traurige und doch so erhebende Jugendgcschichtc Moses Mendelssohns erin- 1 ncrt hatte. Daß der Jude nicht ahnte, an wen er seine Worte ge-! richtet, braucht wohl kaum erst bemerkt zu ivcrdc». Mit einem kurzen Reigen des Kopfes wendete er sich ab und wollte eben in' der umhrrstehrnde» Menge verschwinden, als der lebhafte Fclir seinen Arm angriff und ihm sagte: ..Bleibe» Tic noch einen Augenblick, i oder besser, kommen Tic ein Ttuck mit mir, ich glaube für de» Knaben in Berlin etwas Um» zu könne». Zuvor aber muffen Sie; mir »och ein paar Fragen beantworten." j To schritte» die drei an Jahre» und Eharaktcr, in Bezug aus Ttcllung und Anschauung so grundverschiedenen, und an einem geheiuic» Tcclcnpunkte mit einander vcrknlipfte» Mensche» erst schweigcnd durch eine Teilenstrasic bis sic in eine stille Gegend desschö-' ne» Ttadtparks tame». der sich bekanntlich wie ein frischer nnd blühender Kranz »>» die ehrwürdigen Straße» des altersgraue» Lcipzig windet. Hier unter de» hohen Bänmcn, die der milde Herbstwind noch nicht entblättert hatte, blieb Mendelssohn stehen und sagte: „Wie Tie vorhin bemerkten, mein Lieber ist Ihre Heimath im Innern Rußlands, sehr fern von hier."; „Allerdings, lieber Herr, »> einer kleinen Ttadt an einer der! fcriistcn Grenze» des Reiches." 1 > „Und dort haben Tic von Mendelssohn gehört? ..Nicht bloß gehört von ihm, lieber Herr, schon in früher 5 gcnd habe ich alle seine Schriften gelesen, die hebräischen und die deutschen, und mich in unserer dortigen Wüstenei mühfam an ihnen hcrangcbildct. Mendelssohns Werke und die Werke seines großen Freundes Lcffing hatte mein Großvater schon vor vielen Iahren alis Dciitschland mitgcbracht. Scitdein find sie ein Erbstück»»- scrcr Familie geblieben, das wir bewahren und benützen wie einen heiligen Schatz. Aber ich kann ihnen noch mehr sagen, an dem Feste, das wir heute feiern, es ist unser Laubhüttenscst, hat einst ulcin Großvater in Gesellschaft Lessing's als Gast am Tische deS Weltweiscn geseffcn, und ihn sagen hören: Es kommt eine Zeit und sic ist nicht so fern als man glaubt, wo die Juden nicht mehr Fremde sei» werden in ihrem Datcrlandc. Das werden sie aber nicht von außen her erlangen, durch fürstliche Gnade und weltliche Gunst, sondern nur durch die Macht der fortschreitenden Bildung sehen wir jetzt leise wachsen und wenn sie einst stärker geworden sein wird als alle Gewaltigen der Erde, werden auch die. Juden schon durch ihre eigene Anstrengung lebendige und liebevoll sich anschließende Glieder der großen Volksfamilie geworden sein, mit der sie durch Geburt und Erziehung, durch Sprache und Sitte verwachsen sind." Das hat Moses Mendelssohn damals an seinem Tische gesagt und seine Voraussagung hat sich für Deutsch, land bereits erfüllt. Die Deutschen jüdischen Stammes haben in ihrem Erlösnngskauipfe gesiegt, nicht durch Vcrläugnung ihrer vätcrlichcn Religion und Sitte, nicht auf dem Wege der Gunst und der äußeren Gewalt, sondern durch den Geist der Bildung der,Vcrrdluug und des arbcitsvollcn StrebcnS, den vor kaum siebenzig Jahren ein kleines verwachsenes Münnlciu durch sein Beispiel und seine Lehre in ihnen erweckt hat. Bei unS freilich sieht es in diescr Hinsicht noch schlimm aus und erst jetzt fängt es langsam an zu tagen, man liest wcnigstcus schon die Schriften Mendelssoh ns und noch läßt sich abschen, welche Veränderungen der Einfluß des jüdischen Reformators durch die zahlreichen Schüler, die er unter den rusiischcn Juden gefunden, in der gcsammtcn Welt des Ostens bewirken wird. In Deutschland ist man, wie ich höre, schon vielfach über den Standpunkt Mendelssohns hinausgewachsen. Für Rußland und Polen aber werden wir ihn jedenfalls noch eine hohe Bedeutung gewinnen sehen." Der Mann hatte diese lange Erklärung nicht so fließend, nicht "bne einen Anflug von polnisch-jüdischen A"<mt nnd wohl auch -tqgqw ujfr ggärme t>e« a—

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