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Die Gemeinschaft · 1928-04-01 · 11 (1.4.1928) · p. Seite 2

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Journal
Die Gemeinschaft
Volume
1928
Issue
11 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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in- Weite und Erträumte wissen. Es ist ja aucli viel weniger kompliziert, wenn alles beim alten bleibt. Nur scheinbar! Unter der hermetischen Schutzdecke der Erstarrung in Form. Brauch und Gesinnung entsteht allmählich ein gefährlicher Explosivstoff, und wenn die elementare Gewalt hervorbricht, «lann tfibt es weitum Verwüstung und Zerstörung. (San/ besonders gilt diese Wahrnehmung auf dem Gebiete der Religion, der wir angesichts unseres Possach. des Frühlingsfeste», einige Ueberlegung widmen wollen. Es ist ihr alter und nicht nur im jüdischen Lager wurzelnder Irrtum, daß wir nur stets das Gleiche erstreben und beim alten und seiner Tradition bleiben dürfen. Im Judentum wird dieses Prinzip in Permanenz erhoben, und wahrscheinlich ist dies so geworden, daß der ewige und unveränderliche Gott nach Anschauung seiner Bekenner - das unverrückbare Festhalten an allem und jedem zur Tendenz seiher Verehrung l>cstimmt hat. Welch eine Verkennung de- Auslandes und der historischen Entwicklung! Man weiß nichts davon oder will es nichl wissen, daß die .ludenheit schon bei flüchtiger Betrachtung sich als Gemeinschaft mit starkem revolutionären Einschlag in gutem Sinn erweist. Unsere biblischen Ahnen haben oft genug und mit einem Strich und in kürzester Zeit mehr geändert, als ihre Nachkommen in vielen Jahrhunderten, und - das ist das Beweiskräftige die Neuerungen unserer antiken Zeit wurden die besten, stärksten und nachhält igsten. Einer Sammlung von Beispielen oder Belegen bedarf es hier nicht, denn jeder weiß, daß Mose und die späteren Propheten, daß mancher Mensch ohne Gloriole und Herkunft auf seine Zeitgenossen unireheuer stark eingewirkt hat. und man nie nach dem Woher frau'te, sondern was er wollte oder vermochte. Auch die Gegenwart ist schließlich in dieser Beziehung nicht ganz verarmt, und noch umfassender und gewaltiger wird sich dieses Verlangen in naher Zukunft offenbaren. Di« Pazifisten im religiösen Organismus wollen freilich dergleichen nicht sehen, zugeben «der gar wahr haben. Sie kommen immer mit ihrem BcriiliigungspulvcV und haben nur ihr Sprüch lein von der allmählichen Entwicklung, die aber kein Mensch erleben darf. denn dann müßte das Leben des Einzelnen zeitlich vervielfältig! werden. Und dabei ist der Widerspruch doch so klar und zwingend: Dem Individuum billigen wir die Sehnsucht zu und wissen, daß es ohne den Heiz nicht geht; nur in der Religion soll alles im Schneckentempo marschieren oder gar versteinert sein? Machen wir uns klar, daß auch das Allerbeste, wenn es erst 'alt geworden ist, abstumpft und nicht mehr erhoben werden kann. Das edelste Lied, das bei seinem ersten'Klang alle Zuhörer zur Begeisterung hinreißt, sinkt zum Gassenhauer herab, und wenn es erst von der Walze des Leierkastens gedudelt wird, dann hat es Santr und Klang verloren. Es ist keine Herabsetzung, wenn wir sa gen, daß besonders in der Religion unserer Tage eine Sehnsucht nach dem neuen Heiz besteht. Denn die Erfindungen überstürzen sich, und die Portschritte der Menschheit, in kurzer Zeit sind mehr als

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