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Freies Blatt · 1895-07-21 · 172 (21.7.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
172 (21.7.1895)
Date
1895-07-21
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite ri. Freier Blatt. Nr. 172. > Hur ReichsrakhFersatzwahl im Städtebezirk Olmütz-Proßnitz- TtUlsäl Brodek.) Unser Olmützer Correspondent schreibt UNS: DaS Ergebnis der ReichSrathsersatzwahl im Städtebezirk Olmütz-Proßnitz- ' Dcurich Brodek hat zur Genüge bewiesen, daß die deutschen Wähler jüdischer Confession bedingungslos treu und fest zur deutsch-liberalen Sache halten. An dieser erfreulichen Thatsache ändert der Umstand, daß Herr Josef Singer bei der Proßnitzer Wählerversammlung „eine schwere Anklage gegen die deutsch-liberale Partei" erhob, nicht das Geringste und beweist nur, daß die deutschen Wähler jüdischer Eonsesston den do ut des-Slandpunkt verpönen und verabscheuen. Der Correspondent von Tr. Bloch's „Wochenschrift" ist zwar anderer Anschauung, die zu bekämpfen nach dem glänzenden Wahlsiege höchst überflüssig wäre. Anders steht es mit der geradezu ungeheuerlichen Behauptung desselben Correspondenten, daß der moderne Antisemitismus ein — germanisches Product sei. Als Beweis führt er die angebliche Thal'äche an, „daß der größte Staatsmann der Germanen, Bismarck, den latenten Judenhaß — ad hoc gegen Laster — wachgerufen und daß der bedeutendste deutsche Geschichtsschreiber der Jetztzeit, Treitschke, ein in Wolle gefärbter Antiseniil ist." Wenn wir auch zugeben wollten, daß dem so sei, und wenn wir auch Treitschke als den bedeutendsten deutschen Geschichtsschreiber der Jetztzeit in nachsichtigster Weise gelten lasten wollten — was er übrigens ebensowenig ist, wie der Herr l*r. Bloch trotz Anerkennung aller seiner Verdienste MoseS Mendelssohn gleichgestellt werden kann — so verfällt doch der genannte Correspondent durch seine Behauptungen in den an den Anliseiniten so oft und mit Recht gerügten Fehler deS Generalisirens. Seit wann sind Bismarck und Treitschke die ganze denlsche Nation? Wenn derselbe Herr Correspondent weiter schreibt: „And) die Thatsache ist bezeichnend, daß alle German,scheu t^rößen der Vergangenheit. und Gegenwart von den Antisemiten als Gesinnungsgenossen mit mehr oder minder berechtigten Motiven reclamirl werden", so ist dies sicherlich eine ganz unrichtige Behauptung Es ist grundfalsch/ aps dem Umstande, daß die Aniiieunien alle deutschen Kornphüen alS ihre Gesinnungsgenosie» : eelamiren, den Schluß zu zielten, daß diese ger»ianisd)en Größen wirklich Anliseiniten wären. Das Unlogische einer solchen Folgerung ans der Hand. Die große geistige Bewegung in der zweiten Hal'ke des X V111. Jahrhunderts mar gänzlich frei von Animosität gegen das Judenrhum. Wie deutsche Fürsten für die Juden eintraten, daran mö'ae sicki der Herr Correspondent in München überzeugen. Jln dortigen Nationalmuseum ist ein großes Gemälde, das die Scene tarstellr, wie ein bäuerischer Herzog die Juden gegen den Ansturm Ines vom Clerus fanatisirten Pöbels mit gezücktem Schwerte in der Hand rerkbeidigt. Die Judenverfolgungen aus das Kerbholz der Ger- :nan:n schreiben zu wollen, wäre historisch ebenso unrichtig, wie für die Protestantenversolgungen einzig und allein die Germanen verantwortlich zu machen. Im Kampfe um die Emancipakion der Juden, das wird doch der Herr Correspondent von Tr. Bloch's „Wochen- 'chri'r" nicht leugnen, standen in erster Reibe deutsche freisinnige Männer und Kampier gegen die slaviiche Reaclion. In einer tschechischen Stadt erscholl in diesem Jahrhundert zuerst der Slilbro-Ruf, der Maguape Jstoczn iecundirte, und das slavische Rußland gab den Hepp Hepp-Rnten eine förmliche Sanclion. Das sollte der Correspon- 0:::: der -„Wochenschrift" sich vor Augen hallen, ehe er gelasten Unr:et>:io.keiten ils historische Thatsache» aufstellt. Gilt coilfcssloncllcs Bav. In Lemberg hat ein gewisser Jan:, ki ein Badeekablistement in großen Placaten empfohlen, welche mit den-Worten schließen: „Das l^ad ist nur für Christen eingend)t:t" Der (tieichäflsantisemirismus zeitigt sonderbare Früchte. Ein Jude, der sich im Janicki'schen Etablistement dem Geuuste des Badens lungeleii will, muß vorher das „reinigende Bad" der Taufe genommen holen ~ Die Katholiken .Plärrer Pastor, Dr. Mar Anton Loew, Dr. Prrzer und Spitzer-Weimar, ja sogar der Protestant Paulus M'eu.r können also ohneweiters sich bei Janicki einer Reinigungso:o<edur unter;ichen: auch Schönerer könnte dort seine Sprößlinge :ra'chen .aü'en. Sunt (ynuitcl: „Ghristcnbaß der Inden". Das „Leerer T::: : :c. i o 11" vom 4. Juli schreibt: „Bei dem in der Rächt des Bio: r I. ansgebrochcnen Feuer in dem van Nuys'scheu .Mauus.'.eturwaarengeschüft in der L'sterstraße, wodurch bekanntlid) a:chl a -e:n die trübere Hannover'fche Bank, sondern auch das v. Bork n :u 'c!.: Haus total eingeäschert wurde, hatte sich die in der ersten Etage wohnhafte Ehefrau des Herrn R. Grünberg in hervorragender Wen'e um die Rettung der Hausbewohner verdient gemacht. Unerschrocken, trotz der großen Gefahr, weckte die Dame zunächst die schlafenden Jnsasten des Hauses und trug dann noch eine in der zwe ien Etage schlafende und ohnmächtig gewordene, im van Nuysschen Geschäft thätige Verkäuferin ins Freie. Leider hatte durch die übergroße Anstrengung Frau Grünberg sich eine schleichende Krankheit zugezogen, die trotz Bäder und viel angewandter ärztlicher Hilfe nicht behoben werden konnte. Vorgestern ist die tapfere Lebensretterin ihren Leiden nunmehr erlegen. Das Grab sei ihr lekcht und Ehre ihrem Gedenken!" (Conftssionrller Friede.) Cardinal Graf Schönborn, der Fürsterzbischof von Prag, .zu besten Diöcese auch die Grafschaft Glatz gehört, stattete vor Kurzem den Glatzern einen Besuch ab. Es wurde ihm ein festlicher Empfang bereitet, und zu demselben erhielten der Vorstand und der Prediger der dortigen jüdischen Cultusgemeinde Einladungen, denen sie auch entsprachen. Der Kirchenfürst, dem die Herren vorgestellt wurden, gab seinem Dank für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit und seiner Freude über die schöne Harmonie, welche zwischen den beiden Confessionen in Glatz herrscht, Ausdruck. (Borsicht bei dcr Wahl von Jugendlectiire.) Bei der Wahl von Hoffmann'S „Neuem deutschen Jugendfreund", welcher in Stuttgart im Berlage von Schmidt und Spring erscheint, ist Vorsicht geboten. So enthält der 4S. Band jener angeblich zur Veredlung der Jugend geschriebenen Lectüre auf Seite 309 eine Erzählung: „Das gehcimnißvolle Bild. AuS dem Tagebuche eines spanischen Officiers. * Mitgetheilt von I. C. Maurer", in welcher dem Juden Jsak die schmähliche Hauptrolle des Helfershelfers einer Räuberbande zugedad)t wird. Wenn der „Jugendfreund" auf solche Weise zur Ver- - edlung der Jugend beiträgt, 'o ist es mit seiner Jugendfreundlichkeit, aber auch mit seiner Kunst, zu veredeln, traurig bestellt. Jugendlectiire, wie die hier angeführte, ist ein probates Mittel, den Antisemitismus recht frühzeitig' ins Her; des christlichen Kindes zu pflanzen, und wenn sich Autor wie Verleger eine solche Aufgabe stellen, dann machen sie sich um die Veredlung der Jugend ganz und gar nicht verdient. (Ailliscin im Conflict. mit den Strafgesetzen.) Wie aus Pasew a l k berichtet wird, ist der dortige antisemitische Hetzer Sattlermeister Ru in pF unter der Besd>uldig»ng, Mündelgelder unterschlagen zu haben, in Haft genommen worden. Nad) Antisemitenart dürfte sich auck) der.Pasewalker Kämpfer gegen jüdisd)e Corruption damit zu entschuldigen suchen, daß er die Gelder verloren, ein redlicher Finder sid) aber nicht gemeldet habe. l.Tcr Warschauer Gcmeiiiderath siir die Inden.) Aus Wars ch a u schreibt man uns: Tie Rothwendigkeit eines Asyls für arme jüdische Wöchnerinuen, welche die hiesigen Juden oftmals betonten, wurde unter Gurko vom Warschauer Gemeinderathe nicht anerkannt. Trotz der regen Betheiligung der hiesigen Juden an sämmtlichen gemeinnützigen Anstalten in Warschau wurde ihren Bedürfnissen keine Rechnung getragen. Man führte diese Thatsad)e auf Einflüsse des früheren Generalgouverneurs von Warschau zurück, der die Schaffung einer Heimstätte für arme jüdische Wöchnerinnen zu hintertreiben suchte. "Nunmehr hat aber der Gemeinderath den Beschluß gefaßt, ein solches Asyl aus städtischem Grund und Boden errichten zu lassen. In dem betreffenden Beschluffe heißt es: „Unsere Mitbürger mosaischer Confession haben stets eine offene Hand für alle Nöthen der Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens. Viele humanitäre Anstalten unserer Stadt sind durch die kräftige Unterstützung unserer jüdischen Mitbürger entstanden. Cs wäre deshalb unmoralisch, die Errichtung einer humanitären Anstalt speciell für Juden zu hintertreiben oder ihr die Berechtigung abzusprechen. Dem Gemeinderathe liegt übrigens nichts vor, was gegen die Nützlichkeit der Juden für unser städtisches Leben sprechen könnte, und in Erwägung dieser Umstände beschließt der Gemeinderalh, den Bau des Asyls für jüdische Wöd)nerinnen ehebaldigst in Angriff zu nehmen." Jetzt erst erfährt man, wie groß . die Ungerechtigkeit Gurko's gegen die Juden war. iTic Rede eines russischen Gouverneurs.) Aus Charkow wird uns geschrieben: Wie die besten Männer im Czarenreiche über die russischen Juden und. deren Verleumder denken, geht aus einer' Rede hervor, die der Gouverneur von Charkow, Kammerherr W. B e l g a r d, kürzlich gehalten hat. Dieser hohe Würdenträger, welcher auf dem Gebiete der Wisienschaft in Rußland manches Werthvolle geleistet hat. wohnte nämlich der Einweihung einer Thorarolle bei, welche die Charkower Juden anläßlich der Vermählung des Czars Nicolaus H. gespendet haben. Die Feier schloß mit einem Bankette, bei welchem Kammerherr Belgard folgende Worte sprach: „Aus der Tiefe meines Herzens wünsche ich, daß die zwischen Rüsten und Juden bestehende Kluft, welche jahrhundertealte Vorurtheile gegraben, ehebaldigst verschwinden möge. Alle dem Throne und dem Vaterlande treuen Söhne sollen Hand in Hand gehen, in Frieden leben und in

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