Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 138 (25.11.1894)
- Date
- 1894-11-25
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 138. Seite 9. Freie kunftSmittel. In einer der mehrfachen Vorreden deS BucheS hatte er von einem „AtlaS des gestirnten Himmels" gelesen, daran erinnerte er sich; also kaufte er sich den AtlaS. Da fand er nun allerdings die Namen der Sternbilder, die er suchte, verzeichnet; aber nur 3» bald sah er ein' daß er sich hiedurch in seinem Wisien nicht gefördert fühle. Er hatte mit dem Atlas nichts erreicht, als daß er eine» Namen, den er früher im Buch gefunden, nun auch auf der Karte fand; alle n der Name blieb immer doch nur eine leere Bezeichnung ohne Inhalt. Eine Kenntniß deS gestirnten Himmels hatte er durch den Atlas nicht gewonnen, und das erkannte er mit völliger Bestimmtheit, daß sich eine wirkliche Kenntniß deS gestirnten HiuimelS nur durch die wirkliche Anschauung des HiminelS gewinnen lasse. Mit Ungeduld erwartete er nun daS Hereinbrechen der Nacht. ES war ein strenger Dintertag und der Abend ließ nicht lange auf sich warten. So wie es dunkel geworden war, verließ MofeS daS HauS und suchte besonders jene Straßen und Plätze auf, die. dem Beschauer des Himmels das breiteste Gesichtsfeld bieten. Dies waren zumeist die verschiedenen Theile der breit angelegten Ringstraße, der Stadtpark, die Anlagen vor dem Rathhause :c. Da sah er nun hinein in die glitzernde Pracht der Sterne: allein dieser Anblick sagte ihm nichts; das Anschauen der Sterne war für ihn mehr verwirrend als belehrend. ,Jn dem Gewühle der unzähligen Gestirne konnte er sich nicht zurecht finden, und waS er im Buch und auf der Karte gelesen hatte, daS konnte er am Himinel nicht finden. Auf seiner Karte war die Himmelswölbung auf eine Fläche projicirt; demgemäß war der Nordpol der Mittelpunkt der Karte deS nördlichen Himmelsgewölbes. DaS verstand Moses nicht; es verwirrte ihn. Er hatte bisher nur mit geographischen Karten Bekanntschaft gemacht; da war iininer Norden oben, Süden unten u. s. w. Ferner waren auf der Himmelskarte die einzelnen Sterne mit einander derart durch Linien verbunden, daß die Figuren, die hieraus entstanden, den Bezeichnungen der Sternbilder einigermaßen entsprachen. Am wirklichen Himmel finden sich diese Linien natürlich nicht; da er nun die im Atlas umschriebene Figur am Himmel nirgends erblickte, so wußte er auch die Sterne, aus denen sich eine solche Figur zusanimensetzt, nicht aufzufinden. Mit unermüdlicher Ausdauer,ging er des anderen TageS wieder an sein Buch und blätterte in den bereits gelesenen'Partien. Er sah ein, daß ein planloses Begaffen des nächtlichen Himmels zu nichts führe; also versuchte er eS zunächst, sich einen Plan zu machen. Er hatte gelesen, wie man dazu gelange, vom Großen Bären aus den Polarstern zu finden. Des Abends trat er seine astronomische Wanderung wieder an, und nun wußte er, waS er suche. Er richtete den Blick nach der nördlichen Seite des Himmels und sofort hatte er, ohne daß es ihm Jemand zu zeigen brauchte, die sieben Sterne herausgefunden, welches den „Wagen" bilden; nun zog er in Gedanken von den zwei hinteren Rädern deF Wagens die im Buche angegebene Verlängerung, und mit Hilfe dieser in Gedanken gezogenen geraden Linie gelangte er bald zu einem Stern, der »ach seiner Schätzung kein anderer als der Polarstern sein konnte. Noch war er seiner Sache nicht gewiß, aber er hatte doch eine Vermnthung. Vielleicht, meinte er, ist hier ein Anhaltspunkt gewonnen, von dem aus sich weiterschreiten ließ. Fortsetzung folgt) Gin «apokryphes Heidnisches Arcrgment. Auf dem breiten, rein gehaltenen Wege vom Theseion zum KerameikoS standen um die fünfte Morgenstunde zwei Männer. Sie schienen Bekannte zu sein, wie es aus ihrem Gespräche erhellt. »Bei Kastor und Pollux," sagte der Aeltere, „woher kommst du, mein lieber Pseudisthes?" Ps.: „Ach, bei Hermes, trautester Sophron, dies zu sagen, wird mir schwer, cbschon mein Name Pseudisthes mir daS Lüge» nicht schwer machen sollte. Ich komme —." S.: „Jedenfalls von einer nächtlichen Ekklesia?" Ps.: „Ltzas dir nicht einfällt! Allerdings hielt ich einige Volksversammlungen ab, doch, da du mich fragtest, ipoher ich komine, so muß ich dir der Wahrheit gemäß sagen, ich komine auf geradem Wege von Aglaia." -S.: „Wer ist denn dies, Trautester?" Ps.: „Wie, du solltest die berühmteste Phryne Athens nicht kennen? Sie, die Aglaia, die einzig Süße und Geistreiche, hat mich heute NaehlS empfangen —" Blatt. S.: „Wie kanist du zu dieser -— Ehre?" Ps.: »Du frägst noch? Weißt, denn du nicht, daß ich der oberste und von .»einem noch übertrossene Sykophant von Athen, ja von ganz Hellas bin? Hörtest du noch nie, wie ich gegen die asiatischen Ionier, die allerdings »usere Lehrmeister sind,;n weitern verstehe?" S.: „Gewiß, mein Liebster. Aber ich yäkte mir nicht einmal int Traume gedacht, daß du der Pseudisthes^ wärest, über den alle Vernünftigen und Gerechten nur lachen müssen, weil " Ps.: »Warum? Weshalb? liebermich lachen! Dahinter stecken gewiß die verdammten asiatischen Ionier! £, wie ich diese Brut hasse! Bei Auto und Proserpina!" - S.: „Trautester, ereifere dich nicht! Nicht wahr, wenn es Neujonier gibt, so muß es oder mußte es auch Alljonier geben?" Ps.: „Gewiß!" S. : „Nicht wahr, die Grundsätze der Altjoiiisr bilde» das Fundameut der Grundsätze der Neujonier, insoweit eS die Traditio» betrifft.", Ps.: „Zweifelsohne." T. : „Wenn nun die Alljonier behaupten, daß z. B. daS Gute und Gerechte wohlgefällig sei, werden wohl die N'eujouier nichts dagegen haben können." Ps.: „Wie könnten'sie so thöricht sein!" S.: „Siehst du nicht, mein l eber Pseudisthes, daß es doch nicht angehl, deshalb, weil die Alljonier vielleicht i» einer anderen Form die Gedanken und Gefühle zum Ausdruck brachten, als wir kritisch veranlagten Neujouier jetzt wünschen, ,11» der schönen Aglaia zu gefallen —" - . - Ps.: „Hall ein, lieber Sophron, laß mir nur Aglaia aus dem Spiele!". S.: „Weshalb? Ist den» etwa Aglaia nicht eine vollbürtiga Athenerin? Ist sie vielleicht eine Altjonierin?" Ps.: „Du scheinst bezecht zu sein, Sophron! Welche Zumuthung! Welche Ehrverletzung! Welche Schmach —“ S.: „Trautester, eröifere dich nicht!. Sieh, dort kommt Kallion, umringt und umjohlt von der akademische» Jugend Athens, der da sich ßebordet als .llrneujonier', und doch sind sowohl er wie seine schwarzhaarige Gattin — Altjonier." Pseudisthes wollte erwidern. Eine Schaar von Marktweibern, die mit Kallion und seiner Begleitung in Streit, geralhen war, ließ doch seine Antwort verhallen. Pseudisthes meugle sich . in den Streit, Sophron ging znm Tempel des — Asklepios. Ji. K. £ i t c r a t u r. Unmoderne Ansichten Uder sie moderne Eultur von Tr. A. Eilelberg. Wie» und Leipzig. Perlag von Wilhelm Astmaun. Ter Verfasser hat zwar, nicht die moderne Enltur in ihrer Totalität oder auch nur i» ihrer Besonderheit, sondern blos einige nicht besonders erfreuliche Erscheinungen der modernen Lebens, wie das moderne Ehelebe», die Leldstinordmanie, den Anlisemitisinus, der ja heule nirgends fehlen darf u. dergl. vor Augen. Es sind gute, kernige Worte, kernige Durihschuitlsansichlen, die er darüber besitzt, Ansichten, die nie altern, iveil sie aus der festen Grundlage allgemeiner Menschlichkeit stehen. Tas Eapiiel über „Lemiiischen Aiimei'nüiSmuS, ist wohl veraltet: diese Gölte von antiiemitischen ^uden ist Heine ansgestorde», dagegen besitzen wir jetzt in den sogeiianinen Aalionaljude» „semitische Antisemiten" anderer Art, welche ein dankbarerer Lion für die gutmülhig-satyrische Behaiidlungsweise unseres BerfasierS wären. ' „Feuerbestattung." Truck und Verlag von 9t. .Hiejcl in Lalzbnrg. 1894. ES ist unser I>—k.-Mitarbeiler, der hier für die Feuerbestattung gegen dieselbe Partei der Finsterliilge eintrirt, die ans allen Gebieten zu bekämpseu er sich zur selbstlosen Pflicht gemacht hat. Herr» Spreizenderger S Jngeudgeschichte, treulich erzählt in einem Gedichte, in welchem der Lcher; sich zum Ernste, gesellt. Tem Wiener Publieo dargestellt von Earl Perger. Wien 1895. Ter Verfasser, ein Priester, der seine» Berns nicht darin erblickt, in antisemitischen Versammlungen Brandrede» gegen Andersgläubige zu halte», schildert in launige» KnittelverSlein die ehriame Alt-Wiener Moral in ihrer einfach gemttthlichen Menschlichkeit »eben ihrem Gegenstück, dem hast- und haß vollen Treiben, der aufgeschminkten Vornehmheit und Blasirtheit von heute. Lpreizeuberger's Homer hat manchmal volltönende Anklänge an die berühmten Alt-Wiener Denis und Blnmauer, die seine BerusSgenosien waren: es fehlt in dein Büchlein auch oft wie in den Dichtmige» jener Männer, nicht jene ofiene und derbe Sprache, welche ungescheut die Krankheit der Zeit nennt Lo