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Freies Blatt · 1894-07-22 · 120 (22.7.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
120 (22.7.1894)
Date
1894-07-22
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 )- eilt der brave Mann voran, schreitet fest durch die tobenden Wellen und ergreift, am Hause glücklich augelangt,! eine junge Frau und trägt sie auf die sichere Höhe. Ohne zu rasten eilt er wieder hin; aber ehe er noch daS HauS erreicht, sind alle Männer, von seinem edlen Beispiele angefeuert, hinter ihm. Jeder ergreift einen der Bedrohten. Aber daS Wasser steigt höher; das Haus kracht immer drohender, und die Gefahr für die Rettende» wie für die Bedrohten wächst. „Vorwärts!" ruft der brave Jude;, und zum drittenmale schreitet er durch die Fluth und Alle wiedex .mit ihm. Auch jetzt gelingt der RettungSgang, aber mit immer! größerer Schwierigkeit. Roch sind Mehrere zurück. Verzweifelnder wird ihr Hilferuf; aber die Retter zaudern. Sie vermögen kaum mehr dürch das reißende Waffer zu schreiten. „Sollen wir unser Werk unvollendet lasten?" ruft Moses Gumperich aus. „Sollen sie untergehen und ihr Tod auf unserem Gewisten lasten? Auf, Brüder, noch einmal mit Gott, dann sind sie Alle gerettet!" Das Wort schlägt durch. Er ist wieder der Erste in der Fluth. Mit ungeheurer Anstrengung erreichen sie endlich das Haus und retten auch die Letzten; aper kaum haben sie die sichere Höhe erreicht,- so bricht das Haus zusammen und die Fluth reißt Dach, Wände und Gebälk mit sich foifl. Groß war der Dank der Geretteten und der Gemeinde Klüsserath. Moses Gumperich wurde mit seiner Familie von allen Abgaben befreit, und allgemeine Liebe und Achtung wurde ihm überdies so wohlverdient zutheil. Roch jetzt leben seine Rachkommen in Klüsserath in ojllgemeiner Achtung und bezieben als fortdauernde Anerkenntniß der edlen Thal ihres Vaters und Großvaters die Gemeindenutzungen um! die Hälfte der Taxe, welche alle übrigen Einwohner dafür zahlen istüssen. (Wir „Ritualmorde" fabricirt werden.^ Es liegen wieder zwei /falle vor, welche einen Einblick in die von der antisemitischen Internationale betriebene Fabrication von „Rinralmorden" gewähren: 1. Vor einigen Tagen wurde bei-einem jüdischen Schlächter in Leex > LEtfriesland Fleisch einer tubereulosen Ksih beschlagnahmt. Das gewissenlose Gebühren dieses Mannes wurde! von der Presse ohne Unterschied der Parleischatlirung scharf gegeißelt. Aber im Lager der Antisemiten war man mir dieser Abfertigung -tzicht zufrieden. Vielmehr wurde das Gerücht verbreitet, daß man b^i dem Fleisch der an Tubereulose erkrankten Kuh eine Kindesleiche gefunden habe. Schon munkelte man von einem „Rirualmord". Der! eifrigen Bemühung der Freies Blatt. Nr. 120. Polizeiorgane gelang es jedoch alsbald fest ganzen Gerüchte kein wahres Wort sei, und ustellen, j>aß an dem daß man dasselbe nur auSgestreut habe, um die wegen des obigen Vorfalles entstandene erbreiter jener Nachricht demnächst gerichtlich zu t (Syrien) erscheinende Artikel mit rührenden Aufregung zu Hetzzwecken zu benützen. Die L sind bereits ermittelt und werden sich dieselben verantworten haben. — 2. Eine in Beiru Tageszeitung brachte vor einiger Zeit einen Einzelheiten über die Auffindung eines ermordeten christlichen Kindes in der Mühle eines Juden zu Jassa. Tie C nsur hatte den Artikel, dessen Inhalt von Anfang bis zu Ende erlogen war, gestrichen, er erschien indessen dennoch. Tie alsbald benachrichtigten Behörden ließen den Hauptredacteur festnehmen, der einen Tag. sitzen mußte. Er wird außerdem lOoO Francs Strafe zahlen müssein, und seine Zeitung wurde bis auf Weiteres sistirk. — Ob OstfrieSland oder Syrien, bleibt sich für die Gewissenlosigkeit, mit welcher i,Ritualmorde" fabricirt werden, gleich. Antisemit bleibt Antisemit! ' Cin Brief Alexander v. Humboldts.) Ter weltberühmte deutsche Gelehrte Alexander v. Humboldt hat am 12. November 1855 an den zu Anfang dieses Jahres in Mantua verstorhenen gelehrten Rabbiner Marco Mortara folgenden Brief gerichtet: „Seit meiner frühen Jugend hatte ich die Ehre, iu Deutschland mit ausgezeichneten Männern unter Ihren Glaubensgenossen in Verbindung;u stehen, die in der Philosophie und Mathematik geglänzt haben. Einer unserer größten alten Schriftsteller, der Freund Lessing's, MoseS Mendelssohn, hat aus die Erziehung, welche meinem Bruder und mir sllbst in antediluvianischen Zeiten zutheil geworden, Einfluß auSgeübt. Und (o >:!ie ich mit lebhafter Freude, wie in allen Theilen Europas t:e Viele :nr Wissenschaft und zu ernsten Studien mannigfacher Art unter den Juden sich Bahn bricht trotz aller Hindernisse, welche das iraurig: Erbe früherer Jahrhunderte und der. religiösin Unduldsamkeit des RiittelaiterS sind." Trumoul's Fluchs Eduard Trumont flüchtete sich nach Brüssel, weil er sich vor dem neuen französischen Anarchistengesetze fürchtet. Beweist rucht auch diese Flucht, daß zwischen Antisemiten und Anarchisten ein inniger Zusammenhang besteht? «Eine Commission für jüdische Religionsfragen.) Rach einer Petersburger Meldung wird beim dortigen Departement für die geistlichen Angelegenheiten fremder Confessione» eine besondere Commission, bestehend aus einem Präsidenten und vier israelitischen Mitgliedern, gebildet werden, welche über specifisch! üdische Religionsfragen entscheiden soll. Zur Milderung der Verfolgungen, denen die Juden im heiligen Rußland ausgefetzt sind, dürfte sine solche Commission kaum etwas beitragen können. (Carl Schurz über die Judeuhetze.) Anläßlich des Ablebens eines wackeren ManneS, des Juden Jesse Seligman, hielt der rühmlich bekannte deutsch-amerikanische StaatSminn Carl Schurz eine Ansprache, in welcher er sagte! „Einige Herren, die eine allgemein geachtete Stellung in der Gesellschaft einnehmen, haben in den veröffentlichten Nachrufen, welche sie den Mailen des Verstorbenen widmeten, ihr Bedauern darüber ausgedrückt, daß er und die Seinigen ebenfalls von, antiseutitischer Feindseligkeit getcoffen wurden, jenem engherzigen, verachtungsvollen Geiste, der die Borurtheile der finsteren Jahrhunderte wieder wachruft und in barbarischen Verfolgungen daS Heilmittel sucht für alle Uebel, wofür die Unwissenheit der Massen, Faulheit und Leichtsinnigkeit zum größten Thiil verantwortlich sind — ein Geist, so durchaus der Gerechtigkeit und. der Aufklärung widerstrebend, daß es schwer verständlich ist, wi: ein Mensch, welcher Selbstachtung besitzt, sich damit befassen oder in Anderen es sehen kann, ohne vor Scham und Unwillen zu erglühen. Ich hörte die Aeußerung, daß ein Jude kein Patriot sein könne, weil er kein Vaterland habe. Diejenigen, welche dies sagen, wollfn eben nicht, daß der Jude ein Vaterland habe, und hätten diese Leutl ihren Willen, würden sie es ihm unmöglich machen, ein Patriot zu kaum erwarten, daß diejenigen seiner Bewohner, und Auswürflinge behandelt, Patrioten sein köftnen. Im Verhältniß zu dem Vorwalten des antisemitischen Geistes schwer gemacht, Patriot zu sein. Wenn er trjotzdem Patriot ist, so muß ihm dies als eine Tugend von besonderem werden. Und diese Tugend besaß Jesse Seligmo Ich sah ihn und sprach mit ihm zur Zeit als war. Ich weiß, wie tief es ihn ergriff; ich Hätte das Vaterland, oder was seiner Ansicht Wohl erheischte, irgend welche Dienste oder Opfer von ihm verlangt, er bereit war, mit der gleichen begeisterten Hingabe, von welcher er stets beseelt war, dieselben zu bringen. Er wäre Patriot geblieben, trotz aller Hindernisse ein leuchtendes Beispiel für und zur Schande Derer, die den Stamm verur glimpfen, in der That ein Beispiel, das einem jeden Bürger, welch Glau iiens oder Nationalität er sei, vorleuchten mag." Verdienst angerechnet n im höchsten Grade, die Wunde noch frisch weiß aber auch, daß, nach das öffentliche Aus antisemitischen Vereines und Versammlungen. hil I Soic sein. Ein Land kann welche es als Fremde ist es dem Juden atholikentages gibt den katholischen EleruS" t ich die Abhaltung des ür gesichert, seither jedoch verschuldet habe, die ich ergebenden wiederholten Irläßlichen Vorbereitungen alfrage jetzt gelöst wäre, enden Städte alle maßvor dem letzten Quartal Aus dieser Erklärung yöch zustande kommen in „niederösterreichischen öch (Immer neue Differenzen.) Zur Frage des Graf Sylva-Tarouca im „Correspondenzblatt für folgende Erklärung ab: „Vor zwei Monaten »och vierten österreichischen Katholikentages im Jahre 1894 sind immer neue Differenzen eingetreten, die ich »ich aber auch nicht verhüten konnte. lieber, die daraus ftdi Besprechungen und Correspondenzen ist die für die uw nothwendige Zeit verstrichen, so daß, selbst wenn die d. h. wenn in einer der vier »och in Frage komisi gebenden Factoren ihre Mitwirkung zugesichert hätten, dieses Jahres der Katholikentag nicht stattsinden kann ist nicht zu ersehen, ob ein allgemeiner Katholikentag d werde oder ob die Wiener Antisemiten sich mit einje: Landeskatholikentage" werden begnügen müsse». (Hauck's Rechenschaftsbericht.) Man schreibt ssnS aus dem X. Bezirke: Eine in der vorigen Woche von dem „großen Germanen" Ha uck in Rappel « Rosensäle <X. Bezirk, Himbergerstraße) einberusene Wählerversammlung war von wohlgezählten 37 Personen besucht. Aus einem („Haufen" Anhänger ist ein winziges „Häuflein" geworden, und selbst diese Wenigen hörten nur mit getheilter Aufmerksamkeit den langathmigen, von Ezgenlob triefenden Ausführungen ihres Abgeordneten zu. Hauck brauchte nahezu 1'/, Stunden, um seinen Zuhörern mitzutheilen, was er im abgelaufenfN Jahre Alles „gethan" habe. Seine Leistungen bestanden zum weitaus überwiegenden Theile im Einbringen von Interpellationen, zumeist in Anfragen, j warum denn da» Blatt seine« Götzen Schönerer so »st confiScirt werde. BiaS eigentlich Hauck für seine Wähler gethan hat, bildet nicht allein für uns; sondern für sämmtliche Zuhörer nach wie vor ein Geheimniß, in welches ioir kaum je eingeweiht werden dürsten. Einen tragi-komischer Anblick gewährte e«, die bei Schluß der Versammlung noch übrig gebliebenen 17 Anhänger Hauck's davonschleichen

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