Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 117 (1.7.1894)
- Date
- 1894-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt Aboanement-preiS. ftür Oesterreich.Ungarn: »-»«ädrig mit Postzusendung.H. Ü.50. r>-Id,-drig fl. I.rs. LirrtrIjLhrig . . . fl. Kür da» gelammte Auälaud: , »anijädrig.fl. S.—. H-Idl-Hrig.fl. 1-50. ** Einzelne Ulummern 6 fr. Unfranfirtc Brief« werden nicht angenommen _ Redaktion und Slbmiuiftratioii: (Drcjan zur 2lbtt>obr bes 2lntisemitismus. 1 sciitrftsttt m. .tnseralexverden mit in fr. lilr die uimiml ge wailcne Ulondareillezeile berechnet. Kleiner »it (5rfd)Ciilt alt jcbcilt Soitlltligc. seiger das Wort S fr. «uinatsme von anjeruen IN unserer Administration sowie im .Innoneenbnrcan M. Tnfe». f. Wall,eil« n. ' Nummer 117. Wien, I. 3nli 1894. III, Jahrgang. „Die um Vragassy.V Da« peinliche Aufsehen, welches die bekaniilc» Vorgänge inner halb der Freiwilligen Rettuiigsgesillschaft und die daran anknüpfenden Scandale an der Universilät erregten, ist stark genug, um selbst durch das erschütternde Ercigniß des TagrS nicht ganz überschattet zu werden. Ja, der Feinerfühlende sucht instinetiv »ach einer zeit- und völkerpsychologischen Berbindung zwischen de», verbrecherische» Treiben 'der Anarchisten, die dem unersättlichen Moloch ihres Cultur- und Menschenbasses den Präsidenten der französischen Republick hingeopfert, und dem wahnwitzieen Treiben der Antisemiten, welche kaltblütig die edelsten Geschöpfe reiner Menschlichkeit erdolchen, nur um einen in seinen Anlässen wie in seiner Erscheinungsform gleich widerlichen Haß zu sätligen. Wer schaudert nicht, wenn er sich ein Institut, welches dem auf der Straße oder in der Ausübung seines Berufes Verunglückten, dem vor Hunger und Entkräftung am WegeSrande zusammenbrcchenden Fremdlinge wie dein am Ocran deS Lebens schiffbrüchig gewordenen Selbstmörder die erste Hilfe und die letzte Labung zu bringen berufen ist, in die haßerfüllte Sphäre der politischem Parteinahme gedrängt sieht? Der Mensch ist nach einem Worte deS Aristoteles ein politisches Thier, und er wird leider durch die Politik nur zu oft ärger als das Thier. Auch wenn die in die Reltungsgesellschaft eingedrungene politische Strömung minder thirrisch und minder gemein wäre, als es der Antisemitismus an sich ist, man hätte diesem Zustande mit entschlossener Hand ein rasches Ende bereiten müssen, weil er die Anstalt nolhwendig ihrem bloß auf die Erfüllung reiner Menschlichkeit gerichteten Zwecke entfremden müßte. WaS aber gar, wenn in ein solches Institut jener Geist einzog, der die Menschen ängstlich in (Staffen und Racen scheidet, welche verschiedenen Anspruch auf daS Mitleid, auf die Liebe, auf die Gerechtigkeit Anderer haben sollen? Wohin sollte es kommen, wenn in den der kranken Menschheit gewidmeten Räumen der Rettungsgcsellschaft ein besoldeter Jnspectionsarzt eine widerliche Lakaienphilosophie auskramen dürfte wie die in dem Aussprüche gelegene: „Ich stehe als Arier so hoch über einem Juden, wie ein Graf über mir." Run, eS gibt auch Grafen, ja sogar Fürste», welche ihrer Gesinnung nach nicht über Herrn Dr. Zechmeister stehen. f Das möge ihn beruhigen. Die Frage ist nur: Darf man einem Menschen, der sich zu den Anschauungen Schneider'-, Deckert's oder Gregorig'S bekennt, als Arzt Leben und Gesundheit eines Juden anvertrauen? Man setze sich über dieses Bedenken nicht mit der Ausflucht hinweg, daß schon die berufsmäßige Bildung der Freiwillige» und Söldling« der Rettungsgesellschaft eine Garantie dafür geboten hätte, daß ihr Antisemitismus über eine gewisse akademische Bewegung und über die sogenannte „Enljudung" der Gesellschaft nicht hiuauSgegange» wäre. Die Untersuchung hat auf daa Unzweideutigste dargcthan, daß der in der RelliinaSgeseUiäiaft ein gerissene AnlisemilismnS ganz, von jeüer gemeinen und pöbelhaften Art war, wie er in den Spelunken der Vorstädte prospcrirt. Einer der von der Untcrsuchungscommission einvcrnoinuienen Freiwilligen vom Stabe Vragassy S verneint« die Frage, ob er Anti femit sei, mit der Motivirung, ei» Anliscinit sei nur ,der, welcher die Juden „hinauSschmeißt". Nu», „hinansgeschniisscn" hat man die Juden nicht, aber cS ist am Lt'Ubcnring AcrgcreS geschehen. Man hat zu den obscönsten Proccduren gegrisse», um den nichtjüdischen Eharakter der Eintrittswerber zu constatire», man hat das günstige Ergebniß einer solchen Untersuchung mit einem anö Anstaltsmitteln beschafften Glase Wein begossen, und der Hanplfaiseur dieser antisemitischen L'rgic halte vor der Untcrsuchungscommission den traurigen Mulh, dieselbe für eilten „guten Sctier;" zu erkläre». ES widerstrebt uns, näher auf die „Easernenschcrzc" und Gainincrien einzugchen, in welchen sich der in die RettungSgesell schaft eingezogene Geist auslebte. Die lange Reihe derselben, welche die Untersiichungscominission constatirte, gehört keineswegs zu de» erhebende» Erscheinungenunserer Zeit; der Gedanke, daß die untrr so vielen Opfern von Menschenfreunden gegründete und gerade gegen den Ansturm der Antisemiten erhaltene Rcttungögesellschaft der Schauplatz derselbe» war, erzeugt in uns ähnliche Reflexcmpfindungen, wie etwa die Rückerinnerung an eine überstandene schwere Gefahr. ' Ueberstanden aber ist auch diese Gefahr.. Die Uutersuchnngscommission hat ihr mit Gründlichkeit und Unparteilichkeit ge schöpfteS Unheil in einer Erklärung zusaminciigesaßt, welche constatin, „daß . seit einiger Zeit in der Wiener Freiwilligen Rettunggesellschaft eine mit der Absicht deS GründerS-ProtectorS und des leitenden Eomilis in Widerspruch stehende und. mit dem Grund-- gedienten und der Zweckbestimmung dieses im Dienste der reinen Humanität errichteten Instituts unvereinbare starke Unterslrömung Eingang gefunden habe, rücksichtlich welcher dem Ehc'furzte Dr. v. Bragassy der Vorwurf nicht erspart werden kann, ihr nicht rechtzeitig und kräftig genug entgegengetreten zu sein". Die Hauptfaiseurc der Veranlisemilirung der Gesellschaft, Dr. Bragassy und Dr. Zechmeister, haben die Eonsequenzen dieses Urtheilcs gezogen und ihre Demission gegeben. Ihr Anhang ist, soweit er sich nicht von einem weiteren Verbleiben und einem kleinen Gesinnung» wechsel einige materielle Bortheile verspricht, den Führern gefolgt und sucht nun, da ihu die öffentliche Meinung und die leitenden Personen der Gesellschaft auS dem Tempel der Humanität am Stubenring gepeitscht, das Feld seiner Thätigkeit aus die Universität zu verlegen.