Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 108 (29.4.1894)
- Date
- 1894-04-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Aboniiementsveris. :t.5». Mr<zan zur Abwchr des 2lutiseinitisinus. Haiblädrig st. l.L.'». Biertcljäyrig ... st. — .7?». - k^ür das gesammte Ausland: Msmtäbrifl.st. r.—. OoiMdiitig. ..»- i a Erschtiiit a» jedem Soliiitaac. Einzelne Nummern 6 kr- ' r * Unfraitfirte Briese werden nicht angenommen T;)iib..ctioii Hub Ad>»i»isira>io.>: I. «ciltrftätt^ 1«. Jiifefiatc werden mit in Tr. Nir die viermal geivalleiie Nvnvareilleieile berechnet, »leiver An. jeiger da» Wort * Tr. '.tusnabme von Clnfcratcn in unserer Administration sowie im Annoncendureau 'R. lult». I. Woll,eile h. - Wummcr 10K. Wien, 29. Äpril 1894. . III. Jahrgang. den Stadtratl^wnblen. Am vorletzten SamStag fanden die Ersatzwahlen in den Sladtrath statt, und mit diesem Wahlocte, bei welchem die freisinnigen Eandidalen im Siege blieben, cifcheint endlich eine llcbcrgan^sp.riode abgeschlossen, welche die Vertretung dcS größten Gemeinwesens im Reiche seit geraumer Zeit in nicht geringer Aufregung erhielt. Nacheinander waren die Stellen, des Bürgermeisters, eines Bürgkrmeister-Slellvcrtreters und dreier Stadträlhe, durchaus besoldete Stelle», welche bisher Freisinnige innchatlen, zu besetze», und eS ist bekannt, welche Mittel die anlisemiti'che Opposition anzustrengen weiß, wenn Einem aus ihrer Mitte eine jährliche Revenue mehrerer tausend Gulden oder gar dem ewigen Bürgcrmeistcrcandidaten Lueger die güldene Kette imnkt. In der That, die Antisemiten boten alle Mittel auf, um daS Eisen zu schmieden, weil eö just glühte; sie heuchelten Ansland und Mspect, sie suchten durch schamlose Frechheit und systematische Verleumdung zu t.rrolisircn, sie ve» suchten cs, auS einer dcplacirten Gefühleschwäche einiger Freisinniger Capital zu schlagen, und eS half ihnen weder dicS noch jenes; Lueger sitzt »och immer nicht im Piäsidinm, Steiner kann, nach wie vor Philippiken gegen die feiste» Stadtralhepfründen halt>n, zu deren Genuß man ihn durchaus nicht zulassen will, ja, nicht einmal ein Eüinpromißcaiididat, nicht einmal einer jener Halbschlächtigcn ist bei eincni der vielen Wahlgänge siegreich aus der Urne hervorgegangen, der de» Borzug besitzt, beide» Parteien zu mißfallen und daher von beiden für den richtigen Mann gehalten z» werden. Insoweit war der Sieg der Freisinnigen ein vollständiger, allein — sagen trir'ö offen — noch einige solche Siege, und wir sind verlorcit'. Die Meinung der frcisinnigkn Gemeinderäthe über die Besitzung des BürgerineistcrstuhlkS war eine ungelycilte, eine einhellige. Anläßlich der Wahl eines zweiten Bürgkrineistcr Slellvcrir.ters schwankte sic ein Weilchen, biö sic durch die maßlose Gemeinheit der gegnerischen Agilalio» plötzlich wieder eiiigerenkl wurde; bei den StadtrathSwahlc» wehte aber im liberalen Lager eine verfängliche Eompromißbrise, welche einige ForlschriltSmäuncr seekrank machte, so daß im enlscheidendc» Monieiste nicht alle Mann an Bord waren, während die Antisemiten vollzählig und wie ein Mann für ihren Eandidatcn Steiner eintrate». Nichts l-cgt uns, ferner, alö, die Gesinnung jener freisinnige» Gcmeinderälhe zu verdächtige», welche für die Ueberlassung eines oder mehrerer StadtraihLniandate an die Aiilisemilen sind. Das sögenannte „Recht der Minoritäten" fußt nicht bloß auf Erwägungen der Gerechtigkeit, sondern auch auf solchen der Oppurtunität. Wir können uns allerdings einen sehr gerechten Mann denken, welcher diese Forderung vom Srandpunkle der Gerechtigkeit für eine bodenlose Heuchelei erklärt und »uö die Einweudung macht: „Wie komme» just wir Freisinnigln in Wien dazu, unseren Minoritäle» weitgehende Rechte zuertheile», während die Rechte der freisinnigen Minorität nn Tiroler Landtage oder die der deutschen Minderheit in Prag u. s. w. höhnisch und rücksichtslos mit Füße» getreten sind? Ist diese loSgerissene Forderung nach einem Rechte, welches nicht gesetzlich und gleichmäßig für alle Verhältnisse geregelt ist, nicht rin Widersinn?" So Unrecht hätte der Mann vielleicht nicht; ja, man könnte noch weitcrgchen Und die Antisemiten selbst fragen, wie denn sie cs mit den Rechten der jüdischen Minoritäten in ihrem Zukunftsstaate halten würden? Zudem steht eS den Antisemiten übel an, in dem Momente über ungleiche Bertheilung des Einflusses zu sprechen, wo sie über eine viel wirksamere und v el fi eiere Tribüne verfügen, als sie der Wiener Sladtralh je bieten kan», wo sie von der Kanzel herab ungenirl de» blut'gen Aufruhr gegen ihre Gegner predigen können.' ° Ein Gebot der Gerechtigk.it, die Macht freiwillig. dcu Antisemiten zu überliefern, kann eS für die Freisinnigen' also kaum gebe». Allein, es dürften auch vorwiegend opportunistische Gründe gewesen sein, von welchen sich jene freisinnigen Sladtväter bestimmen ließen, für die Ueberlassung eines StadlrathmandaieS an die anlisemitischc Fraction zu plaidire». Man glaubt, de» Schreihälsen den Mund zu, stopfen, man glaubt, eine sachliche Verhandlung i» der RgihSstubc zu ermöglichen, indem man der Geld und Habgier dieser antisemitischen Aristide eine klingende Befriedigung gewährt. Allein man täuscht sich über die Wirkung solcher Eonccssionen. Während ein paar freisinnige Gemeinderäthe im diplomatische» Delirium die Einheit und den Frieden der cigenen Partei geiährdeien. ließen die Aiilisemilen durch ihren Moniteur ganz unverblümt erkläre», daß sie sich durch eine etwaige auf 'einen ihrer Eandidalen fallende Wahl keineswegs za,Rücksichten des. Anstandes oder der Erkeunllichkeit gegen die Majorität vcrpstichlcl fühlen und daß sic sich dadurch fürder in der Veranstaltung des Radau keineswegs beirren lassen würden. Man hatte an der Aufrichtigkeit dieser Erklärung umsoweniger Anlaß zu zweifeln, alS ja gerade durch die Sättigung d.S einen von 44 Schreihälsen nur. der Effect erzielt werden kann, daß die andrren, nicht saturirten um so heftiger;» schreien beginnen. In der Thal stellten die Herren ganz unverfroren die Forderung aus, daß nicht bloß eine, sondern alle drei Aperturen für den Stadt rath, wie ein ihnen, gebührendes Recht, mit Antisemiten gedeckt nkürden. ES wäre also auch »ach der Wahl Sieiiicr's Alles beim Alten geblieben,, höchsten.', daß nun die bekannte lärmende und dilatorische Verhanblungsmelhode durch daS Duett Lueger-Steiner auch in den Stadlrath getragen worden wäre. Was aber vor Allem die Eoncessionegeliiste einiger sr.isiuniger Gemeinderäthe zu einem schwere» Fehltiitt stemp.lle, war der Zeitpunkt, in welchem sie mit dom F inde zu paelir.n suchte». "Nein, rin paar kurze Wochen ' nach, jenen schmähli.tu» Vorgängen, die sich an di v.rci elic Wahl des Dr. Richter knüpften, ein paar Tage nach jene» unverzeihlichen und illoyalen Ausschreitungen des Dr. Lueger im Reicherathe, macht man keine Eonccssionen. Wer in, Walde Nachts von. einem Räuber »n der Kehle gefaßt und mit dem Revolver bedroht, diesem seine Geldbörse cinhündigt. um mit heiler Haut loszukonimc», schließt keinen Eompromiß, sondern weicht einfach dem Terrorismus. Darüber muß man sich doch liberalerscitS klar sein, und es ist daher rein uirbegreiflich, wie Männer, die wohl »»zweifelhaft - dem Freisinn treu und ehrlich diene», »och immer an einen Eompromiß denken können, der den brutalen Gegner keineswegs zur. Umkehr bewegensondern ihn höchstens im Vertrauen auf. seine terroristischen Manieren be stärken würde. Man darf dem Antisemiten ruhig daS Zeugniß ausstellen, daß sie in ihren Reihen keine solch unpraktischen Köpfe besitzen. Sie haben wirklich ein lcichtöö Spiel mit ihren Gegnern; bis auf den letzten Mann erscheinen sie zu allenwichtigen Abstimmungen, und einmüthig stehen sie auf, um den Gegner nieder-