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Freies Blatt · 1894-01-21 · 94 (21.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
94 (21.1.1894)
Date
1894-01-21
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seit* 6. Freier Statt. Nr. 94. einer Sache, in Betreff ber/n er durch Glauben ober Abstammung von 'ber Berleumbung als in feinem Unheil bereits festgelegt angesehen werben könnte. Wir meinen, unb halten biese Meinung für selbstverstäiiblich, daß ein Richter ein völlig unbefangenes Unheil barüber hat, - ob eine Aenßerung beleidigend ist ober schmäheub in Betreff einer Religionsgemeinschaft, gleichviel ob er biefer Religions- Lemeinfchafk angehört, ob er bem Dogma dieser Religionsgemeinschaft kühl ober als ein strengglänbigrr Mann gegenübertritt. 'Es ist nicht die geringste Gewähr dafür gegeben, das; es hei dem frivolen Unsinn, de» der Antifemitismns in diesen Dingen gewohnheikSgeMäß treibt, sein Bewenden behält. Es wäre genau so blöde und nicht einmal "so frivol wie der Antisemitismus, wenn irgend ein Hänfen von Menschen demnächst mit der Behauptung hervortreken wollte, Gerechtigkeitssinn und andere Lugenden seien nur bei Personen voll entwickelt, die;n,n Mindesten sechs (Vu§ niesten. Es lasten sich dafür Gründe anführen, genau so klug luic diejenigen, die von antisemitischer Seite für den Antisemitismus vorgetragen werden. Die Vente nun, die sich;u diesem neuen Glauben bekennen würden, dürften, als Angeklagte vor Gericht gestellt, de» Einwand der Befangenheit erheben, weil nach ihrer Meinung nicht alle Mitglieder des Gerichtshofes sechs ,rujj hoch sind •ober am Ende gar alle hinter diesem Maß zurückbleiben. ES wäre dann unter Umständen nölliig, daß die Richter ihr Körpermaß fest stellen, und eS könnte Vorkommen, daß der Gerichtspräsident, indem er den Einwand der Befangenheit zurückweiit, die Erklärung abgibt, von den Richtern fei keiner unter sechs Fuß lang. Das wäre ein Unfug — nämlich eine derartige Begründung des Einwandes der Befangenheit ,— und ein Gerichtshof, der solchem Unfug begegnete, würde wohh ein krä'lig Wort finden, um ihn gebührend zu'charaklerisiren. £b das auf die wunderliche» Angeklagten großen /Eindruck üiachen würde, fu.u dalsin. Wir möchten es bezweifeln. Wer solchen Einwand erhebt, ist über das Stadium der moralischen Eindruckssähigteit hinaus. Was mar: in solchem »vallc;u tljuu? Man müßte daraus bedacht 'ein, Borkeäriingen gegen solchen frivolen Unfug zu treffen. Und was sollte man iet?t ihnn? Man sollte gleichfalls Borkehningen gegen den Unfug treffen, der frivoler ist als der andere, weil dieser blo'B lächerlich i märt, jener aber eine Beräöhnung der geltenden verfastungsrechtlichen j Bestiiiiiiinngeil und die Absicht einer" Kränkung für viele Personen in! sich schließt. Daß es gegenwärtig ein Mittel zur Ahndung solchen j Unfugs nicht gibt — wir nehmen an, es gibt kein Mittel, denn . 'eilst würde es wohl schon angewendet worden sein — ist eine i'iiefe, ’ deren Borliaiidenieiu eonstalin zu haben Las schmähliche Berdieust des > AntllemillSmiiS »t -L- Tcr Allliscillilisillllö in Der 2dmlc. Lie „Preußische/ V e!■ r e r; eit un g" schreibt: Bon der köiiiglietieii Regienliig zu Brom- > lerg sind an Schulen ihres Bezirkes Bücher für die-Schüler- \ bibliothcte:, venheilt worden. Reben anderen werkhvollen Jugend- > schrfften befindet sich darunter Glanbrecht's <Oeser? „Das Bolk und! seine Treiber" Stuttgart- Gnuderti, ein Buch voll antisemitischer i Hexereien, /n der Einleikinig sagt der Berfaster: „Und noch eins,; mein lieber Vct’er, es gibt noch eine Wunde im Bolksleben, über die; fingt alle Welk, und nur Weistge suchen sie -,tt heilen — das liebet ist. dgß ich es kurz sage, die •Zudenkrankheit!" Der Vcljrcr soll sich von Agitationen sernhalken. Dreibl aber dieses Buch keine? Wird das , 'ssift des Aiiliseiiiirisiiiilü durch solches Buch nicht weiter verbreitet, als durch die schönste antisemitische Heyrede? Direet an die Kinder n .nd.'l ^fich der Berfaster durch daS von ihm geschilderte (Itzig-Spiel: — — und die minder nicht sollen das Ftzig Spiel spielen, wo das, i. lches den -luden vorstellk, stets mit einer Ziege am Strick havong.ak und womöglich mit einem 'Sack voll HanSrath oder Lebensmittel an' .dem siiücken. Dann muß ein Mädchen die weinende oder scheltende j ^u>ii rder beides zu>'a»imen vorstellen, und der Jude mil die Rach- - ra.n.:u Zeugen an. sich •,» merfeir, wie die Viele ober die Margareth ■ :i ß.n. Und den Dchlnß des Draner'pitls macht dann des -r.i '• "ichrei: „Bezahl erst, was du mir bist schuldig, und dann i i.u>r -'.-ul Maul. Ehrliche Leute bringen um ihr sauer Stück Brok, ist i 2mit rar ''on /" Weshalb sollten die minder dies neue Spiel nicht! iuäi : :i’ridicu! Und dabei stehend denke man sich ein jüdisches Kind i MKiini Slluib.! Dais der Lehrer in solchem Falle die Verspottung j .":r- Andersgläubigen strafen? Er hat ja das Spiel gewiffermaßen >'e>mt gelehrt. Die Beweise sprechen - kür sich, jedes Wort ist über- > slünig Aber eine königliche Regierung sollte auch nicht ein Buch ohne genaue Prüsiiiig den Schulen schenken. — Wird das preußische Staatsinintiierinni, zu Vesten Mitgliedern ja auch der deutsche Reichskanzler Gras Eaprivi gehört, welcher wiederholt den Antisemitismus als gemeinschädlich verurtbeilt hat, die voranstehende Mittheilung der „Preußischen Lehrerzeiiung" gebührend beachten? Rie hätte der Anti- : sen'ilisiilus in Preuße» eine solche Ausdehnung gewonnen, wenn er j nicht durch Fahrlässigkeit, wohlwollende Neutralität und mitunter buch durch aNive Unterstützung verschiedener Behörden gefördert worden wäre. Es würde wohl auch in dieser Beziehung einer Pression des Kanzlers bedürfen, um den Ministerpräsidenten Grafen. Eulenburg oder den EultuSminister Dr. Bosse zu einem entschiedenen Einschreiten zu veranlasten. (Gegen die antisemitischen Boycottirungsvcrsnche.) Eine Entscheidung des SkadtratheS von Zittau spricht sich dahin gus, daß eine von antisemitischer Seite erfolgte Aufforderung, zu Weihnachten nur in christlichen Geschäften zu kaufen, unzulässig sei. Nach Beschluß des Sladtrathes sollen derartige, die jüdischen Geschäfte schädigende Anzeigen im Amtsblatte des Stadtrathes künftig keine Ans nähme sinden. (Messing und Moses Mendelssohn.) Anläßlich des Todestages M. Mendelssohns, der auf den 4. Jänner fällt, schrieb die „Gartenlaube" über die" freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Philosophen und dem Dichter des „Nathan"' wie folgt: „Man hat die.Beziehungen der beiden Männer zu einander mit denen Goethe's und Schillers verglichen, und abgesehen davon, daß der letztere FreundschaftSbund von zwei vollkommen ebenbürtigen Geistern geschloffen wurde, hat man auch Grund zu diesem Vergleiche. Wie wir der Freundschaft Goethe's und Schiller's einen Briefwechsel von unschätzbarem Werthe verdanken, so hat auch der Briefwechsel Lessing'S und Mendelssohns in Rücksicht ans bedeutenden Inhalt wenige seinesgleichen. Diese briefliche Unterhaltung behandelt wichtige Fragen der Philosophie und besonders der Aesthetik, z. B. Mendelssohn's Lehre v»n den vermischten Empfindlingen gibt injlcreffantc Ansschlüffe über Fabel unb Drama, Aristoteles und Spinoza :c. Die Verdienste der beiden Männer um einander sind der mannigfaltigsten Art. So waren die Freunde einander die ersten Kritiker, die Kritiker vor dem Abschluß und Truck ihrer Werke. Ferner hat Lessing Mendelssohn als Schrift steller eingeführi," er bat seinen B.estrebnngen Eoncentration gegebe^i, er hat seine hervorragenden Geisteskräfte auch für die Kunstkritik fruchtbar gemacht. Und andererseits hat Mendelssohn an verschiedenen Hauptwerken Lessing's einen sehr erheblichen Antheil, wie;. B. am .Laokooil", einen ganz eigenartigen Antheil aber am /Nathan'.. .Denn wenn man bei einer solchen Idealfigur überhaupt von einem Modell sprechen will, so war dieses Niemand anders als Moses Mendelssohn, der, wie Rathan, Kaufmann und Weltweiser zugleich war, und wie Nathan, treu dem Glauben seiner Väter. Einen wie hohen Werth Lessing ans die Freundschast seines jüdischen Freundes legte, lehren seine Briefe . . . Werden Sie nicht müde, mich zu beffern, so werden Sie auch nicht müde werden, mich zu liebe»? -— .Verlieren Sie mich jp nicht ganz aus den Augen: lasten Sie mich ja an allen Ihren Beschäftigungen noch ferner den Antheil nehme», den ich zu meinem großen 'Nutzen bisher daran geiioiiiiiien habe. Das wird das einzige „ Mittel sein, wenn ich nicht ganz in 'Nichtswürdigkeiten versinken soll." Solches und Aehnliches schreibt Lessing zu verschiedenen Zeilen an seinen Freund, und Lessing liebte' keine Phrase». Mendelssohn hatte sich durch die Armuth nicht zu Boden drücken lasten, er erlangte ohne Gymnasium und Universität jene imponirende, geistige Ausbildung, find als es ihm dann später vergönnt war, seinen leiblichen Hunger vollauf zu stillen, als er in Berlin von Stufe zu Stufe als' Buch Halter, Dirigent und Theilhaber einer Seidenwaarenfabrik sich eine mehr als auskömmliche, kansmännische Stellung eroberte, ~blieb doch sein geistiger Hunger ungestillt. tylojeS Mendelssohn gehört als Phi losoph der Periode vor Kant an und mußte eS mit vielen anderen Fachgenoffen über sich ergehen lasten, durch lenen Riesen in den Hintergrnnd geschoben }u werden. Er war ein Popular-Philosoph, ein Eklektiker, der, hervorgegangen ans der Leibniz-Wolfs'schen Schule, sich mit wichtigen Ueberzeugnngen anderer Philosophen, wie Locke'S und Shaftesbury's, in Einklang zu setzen suchte." lTolstoi über Religion.) Tie Zeitschrift „Ethische Cultur" hat an eine Anzahl hervorragender Zeitgenossen die Fragen -gerichtet: „Was verstehen Sie unter Religion und glauben Sie, daß es eine von der Religion, wie Sie dieselbe verstehen, unabhängige Sittlichkeit geben kann?" Auch Leo Tolstoi war um Darlegung seiner Ansicht gebeten worden, und die letzthin erschienene''Nummer der genannten Zeitschrift veröffentlicht seine Antwort, welche für weitere Kreise von Interesse sein dürfte. Nach Tolstoi's Ausführungen werden dem Worte „Religion" gewöhnlich drei verschiedene Bedeutungen zugeschrieben: Die erste ist die, daß die Religion eine bestimmte den Menschen von Gott gegebene wahrhafte Offenbarung und die aus dieser Offenbarung hervorgehende Gottesverehrung ist. Die/fzweite der Religion zu geschriebene Bedeutung ist die, daß die Religion eine Zusammenstellung gewiffer abergläubischer Gebräuche und die aus diesen Gebräuchen hervorgehende abergläubische Gottesverehrung ist. Diese Bedeutung wird

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