Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 10 (1930-1931)
- Issue
- 9 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 152 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 152 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U.O.B.B Nr. 9 Aus den Berliner Logen Der Friedensgedanke Eine gemeinschaftliche Veranstaltung der Montefiore-Loge und Julius Fenchel-Loge. Die Stellung des Judentums und der Logen zum Friedensgedanken hat in den Berliner Arbeitsstätten unseres Ordens wiederholt zu interessanten Aussprachen gelahrt. Von besonderem Interesse war die gemeinsame Veranstaltung der beiden am Dienstag tagenden Lpgen, in deren Mittelpunkt ein Vortrag des gefeierten Führers der katholischen F riedensbewegung, des Paters F ranziskus Strat - mann, .stand. Nach einer einleitenden Ansprache des Br. Präs., Arthur \V i 1 d e. (J. F. L.) behandelte Pater St-ratmann im Eingang seiner groß angelegten Rede den inneren Widerstreit zwischen Ethik und Politik. Auf diesem ' Gebiet bahnt sich ein Wandel an. Die-Staaten bestreben sich, zum Wohlfahrtsorganismus zu werden und die zwischenstaatlichen Beziehungen nach dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit durch Verträge zu regeln.. Sie beschränken ihre^ Souveränität durch den Verzicht auf das Recht der Kriegserklärung. Die stärkste Spannung zwischen Religion und Staat besteht in der Frage des Krieges. Ein wesentlicher Fortschritt gegenüber den früheren Zuständen ist die Bestimmung der Völkerbunds-Satzung, daß eine Kriegserklärung erst nach einer Frist von drei Monaten stattfinden darf, in welcher der Völkecbundsrat angerufen werden muß, dessen Feststellungen allerdings nicht biridend sind. Ein weiterer Fortschritt ist das Locarno-Abkommen, das die Rheingrenzen garantiert. Hier erscheint als neuer Begriff die Bestimmung, daß der Völkerbund den Angreifer festzustellen hat. Der Krieg wird damit zu einer Angelegenheit des Völkerbundes und die Entscheidung über Krieg und Frieden der Souveränität des einzelnen Staates entzogen.' Als Ergänzung und Steigerung dieser Gedankengänge ist dgr^ Kellogg- Pakt anzusehen, der die Institution des Krieges ächtet und einen Angriffskrieg als internationales Verbrechen bezeichnet. Die Unterzeichnung des Kellogg-Paktes auf der achten Völkerbundstagung bezeichnet Pater Stratmann als einen gewaltigen und bedeutungsvollen Fortschritt. Dem Orden gehören nicht mehr an: Berthold Auerbach-Loge: Alphons Bernstein, S 14, Alexandrinenstr. 63 64. Albert Beuthner, Charl. 9, Fredericiastr. 5. Alfred Blankenburg, NW 52, Kirchstr. 23. Philipp B r o d d a, W 15, Hohenzollerndamm 208. Dr. Kurt Holdheim, Schbg.,’Innsbrucker Str. 8. Gustav Isaacsohn, N 24, Oranienburger Str. 12. Sally JaCobsohn, Südende, Hermannstr. 11. UNSERE TOTEN Der Orden beklagt den Heimgang folgender Brüder: Name , Eingetret. Geboren Verstorben Berthold Auerbach-Loge Arthur Wollheim 18. 2.1007 10 1.1854 13. 9.1930 Hermann Rautenberg 26. 2.1917 21.12.1865 28.11.1930 Montefiore-Loge Ludwig Heilborn 7. 1.1885 15. 4 1 56 15.11.1930 Georg Schüftan 20. 3.1923 14. 8.1883 21.11.1930 Ehre ihrem Andenken I Die stärkste Kriegsgefahr liegt seit jeher in der Möglichkeit der Entfesselung der nationalen Leidenschaften der einzelnen Völker. Wenn diese Gefahr droht, müssen die Religionen Helfer für den Friedensgedanken werden. Sie sind die Wächter der Sittlichkeit der Völker. Durch unausgesetztes Wirken der religiösen Körperschaften muß erreicht werden, daß nicht nur der Krieg, sondern schon die Rüstungen zum Krieg der Aechtung anheimfallen. Gerade die fortgesetzten, ungehemmten Rüstungen der Völker schafften eine Atmosphäre, die zu einem gewaltsamen Ausbruch führen mußteii. — In der Vorbereitung zum Kriege liegt schon die Kriegsgefahr. Ethik und Religion verlangen die Zurückweisung des Angriffs durch die Waffen des Geistes. Jede Religion hat ein Zentrum und eine Peripherie. Das Zentrum aller Religionen ist der Friedensgedanke, und hieraus ergibt sich die berechtigte Forderung, den Frieden der Welt durch die Religionen zu schaffen. Deshalb müssen sich alle Religionen zusammenfinden, um in gemeinsamer Arbeit dem Gedanken des Friedens zu dienen. — Die tiefen Empfindungen, die die geistvollen und zu Herzen gehenden Worte des Redners ausgelöst hatten, kam in der stummen Bewegtheit der Anwesenden zum Ausdruck. Nach Pater Stratmann sprach Br. Vizepräs. Georg Herlitz (M. L.), der die Frage. stellte, weshalb das Wort vom Frieden der Völker in uns Juden einen so lebhaften Widerhall hervorrufe, daß schon das Wort „Friede“ und die- Idee des ewigen Friedens, deren erste Verkünder jüdische Menschen gewesen sind, unsere Seelen zum Schwingen bringen. Er weist von vornherein die gehässige Antwort der Judenfeinde zurück, daß der Gedanke der Wehrhaftigkeit dem Juden mangels Heldenhaftigkeit fern liege. Er wirft die Frage auf, ob nicht viel mehr Mut und Tapferkeit dazu gehören, um einer Idee willen alle Verfolgungen auszuhalten, wie sie Zehntausende von Juden in allen Generationen um ihres Judentums willen ertragen haben. Für die Juden hat die Gewalt niemals eine Beweiskraft gehabt, für sie galt immer das prophetische Wort „Nicht durch Kraft und nicht durch Macht, sondern durch meinen Geist, ist der Spruch des Herrn“. Der Friedensgedanke ist eine der grundlegenden Ideen des Judentums; ein Ergebnis unseres geschichtlichen Erlebnisses. An welcher Stelle wir die Bibel oder sonstige literarische Erzeugnisse jüdischen Geistes auf schlagen: an jeder Stelle tönt uns das Wort „Schalom“ — Friede — entgegen. Am stärksten kommt diese Gesinnung in den Prophetenworten Jesaias zum Ausdruck. Sein Traum, seine Sehnsucht vom Ende der Tage heißt: „Und es wird sein am Ende der Tage: der Herr wird richten zwischen Volk und Volk und zurechtweisen große Nationen“. In nichts drückt sich die Geistesart einer Gemeinschaft deutlicher aus als in den Gewohnheiten des Alltags. Eine Alltagsform ist z. B. der Gruß des Menschen. Wie grüßen sich Juden? Wenn der hebräische Bauer der biblischen Zeit einen anderen trifft, grüßt er ihn nicht mit den banalen Worten, mit denen wir uns beute grüßen, sondern mit der Frage: „haschalom — ist Friede um Dich?“ und der Gefragte antwortet: „Schalom — um mich ist Friede“. Das ist so geblieben bis auf unsere Tage. Wenn in Osteuropa und überall da, wo jüdisches Leben noch in seiner Totalität vorhanden ist, ein Jude den anderen begrüßt, dann ruft er ihm zu: „schalom alechem“, und der Begrüßte antwortet wieder: „alechem schalom — mit Dir sei Friede“.