Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 10 (1930-1931)
- Issue
- 1 (4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4885084-6352732-6352923--1055-4886080- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
BERLIN W62, KLEISTSTR. 10, LOGENHAUS derBEBLIN ERALOG E NUftBB 10. JAHRGANG APRIL 1930 NUMMER 1 Darf sich eine jüdische Loge „Spinoza-Loge" nennen? Von Br. Frilz G o 1 < Diese Frage wurde in f.ogenk reisen leMiufl erörtert, als ilie Spino/a-Foge im .lalire 1910 gegründet wurde. Der ltekannte Marburger Philosoph Hermann Cohen hielt damals in der Halberstadler I.oge einen Vortrag über Spin o /. a s V e r h ü 1 t n i s z u in .1 u d e n t u in, in dein er die Frage zwar nicht ausdrücklich, aber dem Sinne seiner Hede nach verneinte. Dieser Vortrag ist jetzt in der „Ieslgaltc zum zehnjährigen Bestehen der Akademie für die W issenschafl des Judentums“ \eroffentlichl worden. Dies gibt uns die Veranlassung, uns die Frage erneut vo.v.ulegen. Colien führt in seinem Vortruge im wesentlichen folgendes aus: Im „T h e o 1 o g i s c h - p o 1 i t i s ch e n Traklul" wolle Spinoza zeigen, daß die Freiheit des Philosophier e n s nicht allein gestaltet werden könne ohne Gefahr für Keligiou und Bürgerfrieden, sondern daß sogar ein Verbot des freien Philosophieren» notwendig den Bürgerfrieden und die Keligiou gefährde. Die Abhandlung sei eine Verbindung von B i b e 1 c x c g e s e und n a t u r r e e h t 1 i c h e r T h cori e. Während aber der Naturrechller Hugo Grotius ohne 'Tendenz und Vorurteil das mosaische Gesetz betrachte, suche Spinoza die Widersprüche aufzudecken, die in der Bibel enthalten seien, wenn iniin nicht uuf die verschiedenen Redaktionen und Abfassungszeiten in ihr Rücksicht nehme. Er befruchte die Bibel jedoch nicht unvoreingenommen, sondern unter dem Gesichtspunkt, daß der mosaische Staat und daher auch die mosaische Religion die Wurzel der Unfreiheit seien, in welcher sich die Philosophie und daher auch die Religion und ,dcr Staat im 17. Jahrhundert befänden. Bei einem Manne >\on Spinozas Eigenart dürfe der von der Jüdischen Gemeinde in Amsterdam gegen ihn verhängte Bann nicht als Erklärung dafür genüg.-n, daß er Moses gegen Christus religiös und philosophisch heruhsetzc. Moses sei der Begründer der T h e o k r a t i e, des religiösen Staates. Die Glcichselzung von Religion und Staat habe abec zugleich die Sittlichkeit in dieser Religion stabilisiert. Für Moses gebe es keine Philosophie für die durch Gott und den Staut gebundene Sittlichkeit. Christus dagegen hübe keinen Staat errichten wollen. Sein Idealbild habe daher einen schein- Schmidt (Sp,-I,.). ' / ' ' baren Vorsprung vor Moses gewinnen könneiu ln Spinozas verstörtem Gemüle sei deshalb der Gedanke aufgetaucht: Das Vorbild der Kirchenpolilik, der Verquickung von Staat und 'Religion sei die mosaische Theokratie. Spinoza baue seine Philosophie reiner als Ethik auf. Die Ethik handele im letzten Ziele nicht sowohl von Gott als von Menschen. Das Problem' des Menschen/,-könne aber nicht vom Stuate ubsehen. lin Nieblaß Spinozas findet sich * ein Fragment eines „Politischen Traktats“,. > Auch praktisch habe der angeblich einsame. Mann sieh 'sehr in die Politik eingemischt und auf schwierige. Unterhandlungen sieh dabei eingelassen, die ihn wenigstens nicht eindeutig erscheinen lassen. ( ' Seine Gegnerschaft gegen die mosaische Theokratie habe’ Spinoza schließlich zu der entselzlieh,en Verirrung gefüllt-!: Diese Theokratie lehre auch nicht wahre Sittlichkeit für alle Menschen und Völker. -7 Spinoza wolle, weiterhin die Verfasser und Reduktoren der einzelnen Bücher der Bibel unterscheiden; er übersehe aber völlig den Unterschied, der zw ischen Mythos und Sage einerseits und Geschichte andererseits, endlich aber zwischen allen diesen Bestandteilen und der I.ehrverfussung selbst bestehe. Mit , größter Buchstäblichkeit trete er für den Wortsinn ein uyd gbge^i jede allegorische und symbolische Auffassung. Hier zeige sich die pedantische Gle-ichmacherei des Pantheismus. In blindem Haß gegen Muimonides, dem er dus Größfe-und Tiefste verdunke, wehre Spinoza auch den Kutionulismus der Biheluuf fasgung ab. Es fehle ihm an der literarischen Bildungsvorbereitung für das (ielingen einer wissenschaftlichen Bihelexegese. Vor dem neuen . Testament habe übrigens seine Bibelkrilik Halt gemacht. Die Prävalenz der Zeremoniulgesetzg zu seiner Zeit halte Spinoza vielleicht zu seiner /Mißdeutung des Judentums verführt. Dies genüge aber nicht zur Entschuldigung seiner I.osreißung von allen Erinnerungen des Gemüts, von aller Pietät für Vuler und Mutter, die vier Inquisition entflohen und mit ihm nagh Holland geflüchtet seien. Nach diesen „über die Suchlugc orientierenden Betrachtungen“ beschäftigt sich Hermann ( oben mit einzelnen Stellen A r\ z eiganverwaltung: BRÜDER-VERLAGSGESELLSCHAFT M. B. H. BERLIN W62, KURFÜRSTENSTRASSE 115/16 FERNRUF: B 5 BARBAROSSA 4760 U. 9181 * Unsere Ze-itschrift druckt: ARTHUR SCHOLEM / BUCH- U. STEINDRUCK BERLIN SW68, ALEXAN DRIN ENS,TRASSE 134 , FERNRUF: F ], MO RtTZPLATZ 4286 * i. /