Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Journal
- Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
- Volume
- 8 (1928-1929)
- Issue
- 6 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 170 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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i Seite 170 MONATSSCHRIFT DER BERLINER LOGEN U. O. B B. Nr. 6 Das „Hören" mit den Augen, die Kunst der Taubstummen, Ertaubten und Schwerhörigen Von Dr. Felix Reich. Direktor der Israel. Taubstummenanstalt zu Berlin-Weißensee Der Taubstumme, der seit Geburt nicht hört und aus diesem Grunde die Sprache nicht erlernt hat, soll mit 6 .Jahren in eine Taubstummenanstalt kommen. Während das hörende Kind hauptsächlich durch den \\ illen, die Sprache der Kltern in ihrer tönenden Form nachzuahmen, sprechen gelernt hat, soll das' taubstumme Kind mit Hilfe des Gesichts- und des Gcfühlssinnes die Sprache erlernen. Wie in jeder Schule, so muß man \or allem auch in einer Taubstummenschule vom l.eichteni zum Schwereren fortschreiten. Daher beginnt man mit solchen Lauten oder Worten, die sowohl mit dem Auge.als auch mit dem Gefühle leicht wahrnehmbar sind (z. B. p, b, m. t. d,' f. I. a. u oder mit den Worten auf. ab, Papa, Ball. Fall). Der Lehrer spricht den Kindern diese Laute oder Worte \or. zeigt ihnen deren Bedeutung und veranlaßt sie. diese naehzu- Lehrer und Schüler sprechen „o“. Der Schüler fühlt am Kehlkopf des Lehrers und an dem seinen die Schwingungen. i sprechen. Gelingt es nicht gleich, so wird der Spiegel zu ' Hilfe genommen, damit das Kind seine Mundbewegungen mit denen des Lehrers vergleichen kann. Mit der Hand fühlt das Kind dj^ Schwingungen am Kehlkopf des Lehrers, muß dann die Hand an seinen eigenen Kehlkopf legen und durch Lautgebung versuchen, dieselbe Gefühlserscheinung bei sich hervorzurufen. So werden die Vokale entwickelt. Aber nicht nur am Kehlkopfe fühlt man die einzelnen Laute, sondern auch an anderen Teilen des Kopfes -und Körpers, z. B. auch auf der Brust.-Für einzelne Laute gibt es besonders charakteristische Stellen. So schwingt beim i die Schädeldecke, bei den Nasallauten die Nasenwände, usw. Am schwersten sind alle diejenigen Laute zu bilden, deren Nlundhilder und Zungenlagc nicht gut zu sehen sind. z. B, e, i, ü, ng, r. k, ch, also alle diejenigen Laute, die nicht vorne mit den Lippen und der Zungenspitze, sondern weiter hinten im Munde gebildet werden. Um eine deutliche Aussprache dieser Laute zu erhalten, erfordert es manchmal jahrelanger Hebungen. Dadurch, daß man die Kinder beim Sprechenlernen immer wieder auf die Mundbilder hinweisen muß; erlernt der-Taubstumme ganz von sefbst das Absehen oder Ablesen vom Munde. Wir Hörenden kombinieren die Laute und Geräusche der Sprache zu Worten. Der Taubstumme bemerkt nur die sichtbare Seite der Sprache, die Mundbewegungen, und muß aus diesem di" Worte und Sätze erfassen. Seine Kombinationsfähigkeit muß hierbei eine viel größere sein als die des Hörenden, weil er mindestens die Hälfte aller Laute — wie oben angegeben — mit dem Auge nicht klar erfassen kann. Trotzdem bringen es Taubstumme zu einer geradezu bewundernswürdigen Ablesefähigkeit. Bei manchen Taubstummen kann man sich den Mund mit der Hand verdecken, und sie verstehen einen aus den Bewegungen, die wir beim Sprechen unwillkürlich auch mit der Backe, mit dem Kinn und mit der Nase machen. Diese ..Künstler im Ablesen“ sehen einem also wirklich an der Nasenspitze an, was man will. Wenn der 7'aubstumme auch völlig unwillkürlich beim Sprcchenlernen das Ablesen erlernt, so macht man mit ihm doch noch Ableseühungen, damit er auch beim Schnellsprechen folgen kann, und damit er auch an die verschiedene Munds'ellung verschiedener Menschen gewöhnt wird. * Anders liegen die Verhältnisse beim F.rlaubten und beim Schwerhörigen. Er ist ja im Vollbesitze der Sprache. Er hat in seiner Kindheit, ohne zu erfahren, wie jeder einzelne Lau» gebildet wird,’ und ohne auf die Artikulationsstellungen der einzelnen Laute auch nur zu achten, die Sprache erlernt. Bei Unterhaltungen hat er sich sicherlich fast nur auf das Gehör verlassen. Nun plötzlich ist ihm das Tor in das' Reich der Töne verschlossen, in das Reich, das "gerade besonders stark auf unser Gemüt wirkt. I)er seelische Konnex ist jäh unterbrochen, ja die Verständigung über die einfachsten Dinge ist fast unmöglich. Aus den Mienen und Gesten der anderen und rfus den flüchtigen Bildern der Mundbewegungen versucht er ihre. Gedanken zu verstehen. Bevor er aller nicht diq Kunst des Ablesens von den Lippen erlernt hat, wird er sich vereinsamt und verstoßen fühlen. Je älter er ist, um so schwieriger wird es ihm fallen, diese Kunst zu erlernen. Wohl blickt fast jeder hörende Mensch auf den Mund eines undeutlich sprechenden Redners, weil das- Ohr unls manche Laute nicht klar erkennen läßt. Es ist experimentell nachgewiesen, daß man p. t, k, oder b, d, g, oder m, n, ng, oder die Zischlaute Ein jeder kann die Worte j.faul" (obere Reihe) und „schlaf“ (untere Reihe) ablesen, wenn sie etwas deutlich gesprochen werden.