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Monatsschrift der Berliner Logen UOBB · 1926-06-01 · 3 (6.1926) · p. Seite 44

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Journal
Monatsschrift der Berliner Logen UOBB
Volume
6 (1926-1927)
Issue
3 (6.1926)
Date
1926-06-01
Page
Seite 44 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 3 Seite 44 rr?s— MONATSSCHRIFT DER BER LIN t / R. LOGEN U.O.B.B. Julius Lindenheim zum Gedächtnis / Ansprache in der Jüdischen Toynbeehalle der Berliner Logen U. O. B. B. am 27. März 1926. Von Br. Expr. Maximilian Stein (M. L.). ■ - i ..Mit dem heutigen Abend beschließen wir unseren diesjährigen Arheitstermm. Dank der Opferbereitschaft 'der stattlichen Schar von Mitarbeitern. getragen von der Liebe unserer Logenbrüder und Schwestern, hat sich das Institut puch in der verflossenen Saison erfolgreich bewährt und betätigt als dine segenspendende Stätte geistiger Erquickung und Erholung für unsere zahlreichen B.esucher, die dankerfüllt an. ihrer .Toynbeehalle hängen. Ihr oft in - rührender Weis$ zubi Ausdruck geSnmmener Dank läßt uns auch heute mit Genugtuung zurückbligken auf die hinter uns liegende Tätigkeit. ■ - - ' J Vor mir liegen infolge e.iner von uns iferanlaßten Umfrage Hunderte voijJAeußerungen unserer. Gäste, die sich ausnahmslos befriedigt und beglückt über die Existenz und die Darbietungen unseres Instituts aussprechen. ' - * Alle diese Aeußer**nfied ^kennzeichnen die dankeserfüllte •. Stimmung, von der unsere InsTil‘u?fnrt,5ptrag«n wird. Das Charakteristische an Aer pr^rämmätischen . Zusammensetzung der Abende unserer Toyn,beehälle ist das Erzeugen und Hervorrufen dieser genußfreudigen, empfänglich gehobenen Stimmeng. die sich allen mitteilt und die sich belebend auf allen Gesichtern widerspiegelt. Was sonst in diesen Mienen heimlich zu lesen sein mag Von sorgenvollen Stunden, von harter Arbeit, von bitteren Enttäuschungen. ..wird verweht und vergessen in den Stunden der Tovnhalle. Dieses frohgemute, ursprüngliche wortlos und unausgesprochen dankende Genießen ist der schönste Lohn für unsere Bemühungen, Ketne-elegante Soiree, kein Kopzertsaal und kein Hörsaal hat ein '-fo dankbares Ppbliköm wie. unslere Toynbeehalle; ,, . Das Bedürfnis Rach Geselligkeit* und geistiger Anregung ist - ein uraltes Merkmal jüdischen Charakters... Es hat zu allen ^Zeiten unter allen Himmelsrichtungen und Verhältnissen jüdische Einrichtungen gegeben, die jedem Bedürfnis entgegenkamen. Die Synagqge selbst, das Beth-Hämidrascth, war ein Mittelpunkt gesellschaftlichen Ausgleichs, der Unterhaltung und der religiösen Sammlung zugleich. Uebermorgen abend beginnt das' Peßach- Fest. setzen wir uns feierlich zum Szeder. Vielleicht charakterisiert da*‘Wesen unserer Toynbeehalle nichts so sehr wie die Worte der Hagada: „Jeder, der bedürftig ist. komme .und genieße." Die Türen unserer Törynbeehalle. sind, soweit nur der Raum , die Besucher fassen kann, weit und für jedermann geöffnet. Jeder, der bei unsr Erholung, Belehrung, Erquickung und Unterhaltung suchen will, ist in der Toynbeehalle gastfreundlich willkommen. „Jeder, der hungrig ist, komme und esse." , Diese Worte der Hagada sind unser Programm. Aber'schon " in den Aeußerungen unserer Besucher, die ich ihnen .verlesen habe, bemerkte einer unserer Gäste mit Recht: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch." Jeder komme zu uns, um sich zu laben an dem frischen Quell des Wissens und den Offenbarungen der Kunst. Er empfinde sein Leben um so lebenswerter bei Darbietungen und Darstellungen des Schönen, Guten und Nützlichen, 'die die Drangsale des Existenzkampfes vergessen lassen und erträglicher machen. Es gilt, die Barrieren niederzulegen, die auch dem Bedürftigsten die Zugänge zu Bildung und Wissen versperren -; Aus den tiefen Niederungen, wo die Sorge zuhause ist Und das Leid und die Entbehrung wohnen, wollen wir die'Mühseligen _ und Beladenen emporführen zu den Höhen der Kultur und ihnen einen Ausblick eröffnen auf alle Herrlichkeiten und Errungenschaften des Menschengeistes. Angesichts der so segensreichen Darbietungen unserer Toynbeehalfe gebührt unser' innigster Dank all denen, die sich bis nun als die verläßlichsten Stützen unseres .Instituts erwiesen haben. Den Mitgliedern des Vorstandes und der Komitees, den Rednern und Vortragenden, den .Künstlern und Künstlerinnen, den Logen und Logenbrüdern, deren Beisteuer unserem Institut den finanziellen Rückhalt bietet, den verdienstvollen Ehre’ndamen, die unserer Toynbeehalle als musterhaft^ liebenswürdige Hausfrauen vorstehen und dem Heim die Wärmte einer gemütvollfamiliären Stimmung schaffen. Dem Dank an die Lebenden schließt sich wehmutsvoller inniger Dank an die Toten an. Unser stellvertretender Vorsitzender und langjähriger Leiter des Komitees für den künstlerischen Teil, unser lieber allbewährter, unvergeßlicher Freund und Mitarbeiter Julius Lindenheim ist während des verflossenen Termins heimgegangen. Die Verwaltung unseres Instituts hat beschlossen, den heutigen Abend ganz besonders dem Gedächtnisunseres verewigten Kollegen Julius Lindenheim zu Weihen. Lassen Sie auch mich dem Verklärten, mit dem ich seit Bestehen der Toynbeehalle Schulter an Schulter Zusammenarbeiten durfte, ein kurzes Wort des Gedenkens widmen. Julius L < n d 2 irh'e i m , geboren am 17. Juli 1847, gestorben am 16. Dezember 1925, war einer der geächtetsten und beliebtesten Logenbrüder. Seine Hauptarbeit galt den geistigen Intereslsen der Berliner Logen. Seit Bestehen der Toynbeehalle einer ihrer vortrefflichsten Organisatoren und-hervorragendsten Führer, war nicht nur die technische Ausstattung des Hauses vornehmlich sein Werk, sondern , vor allem der überaus/ schwierige Ausbau:. und die Organisation des musikalisch - deklamatorischen, des künstlerischen Teils unseres (Programms, für das ohne die grundlegende systematische Arbeit Julius Lindenheims niemals die erforderlichen Kräfte und Mitarbeiter zu finden gewesen wären. Unverdrossen, unermüdlich, unbedingt zuverlässig und nie versagend, war die Mitarbeit Julius Lindenheims eine der vorzüglichsten Kraftquellen unseres Instituts. Sein abgeklärter weiser Rat war uns richtunggebend und ausschlaggebend. Sein Andenken wird unvergänglich fortleben bei uns allen, die wir den Vorzug hatten, mit diesem klugen, edlen, zielbewußten und doch so schlichten und eihfachen treuen Freund zusammen zu arbeiten. Die edelsten Tugenden der Menschenliebe und Menschenfreundlichkeit durchzogen sein Leben; aus ihnen hat er sich selbst den schönsten Kranz geflochten, der nie welken .und verwittern wird. Mit einer Zwischenfrist von Monaten versammeln wir uns erst heute zu unserer Trauerkundgebung für Juliqs Lindenheim, weil inzwischen der erste Schmerz sich gelindert und das erste Wehklagen nachklingend verhallt. Rastlos stürmen die Kinder der Erde in kleinmenschlichem Bettlerstolz dur<jh das enttäuschungsreiche Leben und scharren armselige' Genüsse zusammen wie Brosamen so winzig, und stampfen blinkende, blendende .Illusionen aus dem Boden, die alle verrinnen und vergehen ypd sich verflüchten, Wie Spreu sich verflöchtet im Winde. Was übrig bleibt an Lebenswerten sind nicht 'so sehr die stolzen WerVe unseres Geistes, die sich im schnellen Wechsel überholen, sondern die Liebeswerke des Menschengemüts, die Herzensgüte und Betätigung, die Glück ausfeilt unter den Mitmenschen, helfend, aufrichtend und tröstend. Eine einzige gute Tat ist wert, ihrethalben gelebt zu haben. Glücklich sein heißt glücklich machen. *■ In diesem Sinne hat unser verewigter Freund Julius Linde n h e i m gelebt und gewirkt; er hatte zu jeder Zeit eine offene Hand, ein herzliches Wort, einen erfahrenen Rat, eine hilfsbereite Tat für die, die bedürftig nahten. Mit Dank und Wehmut zugleich werden wir .allezeit seiner gedenken. Beim Auszuge der Kinder Israels aus Aegypten zog ihnen die Bahrte mit den sterblichen Ueberresten Josephs vqran, und es heißt, daß vor ihr die Fluten des.Meeres zurückwichen, damit das Volk Israels es trockenen Fußes durchschreiten könne. Möge uns so das Andenken an Julius Lindenheim führend ' und leitend voranschreiten, und auch uns die Fluten bannen, die über uns gekommen. . Secher Zadick Liwrocho. Möge das Andenken dieses Gerechten uns zum Segen werden.

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