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Handwerk und Gewerbe · 1916-07-01 · 1. u. 2. Juli-Heft · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Handwerk und Gewerbe
Volume
9 (1916)
Issue
1. u. 2. Juli-Heft
Date
1916-07-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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HANDWFKK UND GFWFRBF 1. u. 2. Juli-Heft anhielt. Vcm allem wurde an den I esttagen das [anzbciii tüchtig geschwungen und es wurde ntit den. harten Taler stücken lüchl geschont. Zu den Pesti(agen ließ es sich eben jeder etwas kosten. : Das konnte man sich auch damals erlauben. Waren doch Industrie und Handwerk gut beschäftigt; an Arbeit und Arbeitskraft fehlte es nicht. Die Landwirtschaft hatte in den letzten Jahren wir schreiben vom Stande Mitte des Jahres 1670 aus -gute Miltelernten gehabt und viel wurde gebaut Fodaß die Lebensmittel und Rohstoffe völlig ausreichten. Dazu kam, daß auch der Handel florierte'und so rechnete jeder damit, sein Dasein in Ruhe durchleben und die nötigen Spargroschen für,das Alter zurücklegen zu können. Das politische Gleichgewicht war "vorband u. Ni i den beiden siegreich bewendeten Feldzügen IS?Y4 und umdachte kein Mensch daran, daß es einer Macht einfallen würde, sich mit Preußen in einen Krieg einzulassen. So verlebte ich vier gemütliche W ochen in der schönen Gartenstadt Düsseldorf. Weil ich sein bester Dekorat i maier war, hatte mir der Professor, in dessen Atelier ich tutig war, aus freien Stücken einen Taler die Woche zugelegt. Er hatte mich überhaupt gern, schenkte mir "manches Theaterbillet und lieh mir Bücher, hauptsächlich Klassiker und kunstgewerbliche Werke. Der Volksschullehrer Schmitz, der Sohn meines Logiswirtes, erzählte mir gelegentlich, dali der Professor ein paar Semester auf der Akademie gewesen sei. (Doch nun errät schon der Leser, dali es kein wirklicher Professor war, bei dem ich mein Dekorationsmaler-Talent ausübendurfte). Der plötzliche Tod seines Vaters, ein^s Malermeisters, zwang ihn dann, die Akademie zu verlassen und das väterliche Geschäft zu übernehmen. „Aber"' so meinte Schmitz weiter ..er malt noch immer, wenn auch nur heimlich. Alte Liebe rostet eben nicht. Nebenbei verdient er im Winter viel Geld mit der Restauration von Gemälden. Und wegen dieser Tätigkeit wird er auch Professor genannt." Ich fragte Schmitz, ob er das merkwürdige Bild kenne, das „Professor" Herzog rirein damaliger Arbeitgeber - - mir beim Antritt gleichsam als Prüfstein vorgesetzt hatte. „Na und ob" antwortete der Lehrer lächelnd. „Vergrößert und kitschig hingeschmissen" meinte er weiter, gleichsam im Fachton, „können Sie die Kopie im Wartesaal 2. Klasse des Bergisch-Märkischen Bahnhofs sehen. Jedoch oliue die Figuren die hat der Professor fortgelassen. Der Professor ist nämlich Dutzfreund des Bahuhofsrestaurateurs Klecksel, der auch mal schnell und erfolglos durch* die Akademie gelaufen ist. Klecksel hat den i'rofessor so lange gequält, bis er ihm schließlich den Gefallen getan und das Bild mit < )elfarbe an die Wand gemalt hat. Wie gesagt, ohne die Figuren." — Doch das nur nebenbei aus meinen Erinncrimgen. » Das beschauliche und idyllische Leben der Bürger erlitt am 4. Juli eine jähe Störung. In den beiden Morgenzeitungen, die m Düsseldorf erschienen, las man andiesem Tage überrascht und erstaunt, daß der französische Geschäftsträger in Berlin, lejourd, wegen der spanischen Thronfolgeangelegenheit im Auswärtigen Amt gewesen sei, dort die Auskunft erhalten hätte, dal» die ganze Geschichte Preußen nichts anginge und dal! die Pariser Bevölkerung daraufhin in Aufruhr geraten sei und dic^ Kriegserklärung gegen Preußen verlange. Natürlich war es jetzt' mit der Ruhe vorbei, jene Spannung, jene sorgenvolle Erwartung, die uns I«Ji4 das Leben zur Qual machte, war genau so 1870 vorhanden. Man sprach bei Tage an der Arbeitstätte nurüber die gewitterdrohende politische Lage und ging abends in die Kneipen, um dort vielleicht wichtige Neuigkeiten zu hören. Die Schützengilde und die Kriegervereine hielten stramme militärische Uebungen ab. Die gedienten Leute suchten ihre Militärpässc hervor und regelten ihre Verhältnisse. Zu ihnen gehörte auch mein Meister, der 66 zum Vizewachtmeiner bei den Düsseldorfer Husaren ernannt worden war. Am 15. Juli war ich mit eine« kleineren Malerarbeit im W artesaal 2. Klasse auf dem Düsseldorfer Bahnhof beschäftigt. Ich war ziemlich fertig damit. Da stürmte plötzlich ein junger Husarenoffizier * in den» überfüllten Wartesaal, ein Extrablatt in der Hand haltend. Erregt sprang er auf einen Tisch und rief mit lautem, kräftigem Organ: „Silentium!" Im selben Augenblick verstummten alle Gespräche und FotenstiUe herrschte in dem großen Saale. Alles blickte gespannt auf den Leutnant, der die Mobilmachungsorder vorlas, die das Extrablatt'enthielt! Nachdem er damit fertig \. :ir, brachte er ein Hoch auf den König aus, in das die Anwesenden begeistert einstimmten. Danach wurde das Stimmetigeviirr lauter wie vorher. Man besprach die Dinge eifrig; man lauschte die erregt gewordenen Meinungen aus. Keine Zaghaftigkeit oder gar Angst vor einem Unterliegen kam zum Ausdruck. Durchaus nicht. Aber ein Gefühl der Beklemmung lastete auf allen. Ls war der Gedanke an die, schrecklichen Menschenopfer, die der Moloch Krieg gebieterisch verlangt. I Es bildeten sich Gruppen unter den Wartesaal-Gästen, die in erregter Weise die Lage besprachen und in denen jeder, um sich Luft zu machen, seinen Sorgen und Wünschen Ausdruck gab. Eindrucksvolle Szenen konnte ich da beobachten. Da sali der dicke Baumeister Türmes und schimpfte erregt: „Ausgerechnet gestern habe ich die Baukonzession für das Hotelgrundstück in der Schadowstraße herausbekommen und heute ist alles Essig. Wen kann ich für den Schaden regreßpflichtig machen?" „Und ich wollte mich geraoe zur Ruhe setzen, hab' das Geschäft vergangene Woche schon meinem Einzigen, dem Sepp übergeben; da macht mir der gottverdammte Krieg 'u Strich durch meine ganze Berechnung!" wetterte der lange dünne Kolonialvvarenhändler Meh|mann aus der Hohen Straße. „Jetzt wird mein Sepp eingezogen und vielleicht sehe ich ihn als Krüppel wieder." Auch meinen Logiswirt, den Postillion Schmitz bemerkte ich jetzt in einer Gruppe. Ihn hätte jedenfalls eine Postfuhre nach dem Bahnhof geführt und die allgemeine Erregung und Neugierde hatte ihn den Wartesaal aufsuchen lassen. Still und gedruckt, ganz gegen seine Gewohnheit, Saß er da und resigniert klang es, als er zu den andern seiner Gruppe sagte: „Ihr habt noch alle Vermögen und könnt Euren alten Tagen mit Ruhe entgegensehen. Aber wenn man sein ganzes Leben gespart hat und den Verdienst und alles Ersparte in seine zwei Jungens hineingesteckt hat, damit sie eine bessere Stellung im Leben einnehmen können und sie werden einem dann genommen —" . „Alle Höllenstrafen sollen diejenigen treffen, die am Krieg schuld sind" rief dort der mir bekannte sechzigjährige Schmiedcmeister Eisenbrecher aus dem Gemüsedorf Hamm." Meine drei Jungens müssen mit. Was wird aus meiner alten Frau und aus mir altem Manne, wenn sie fallen?" Gerade, während Eisenbrechcr dies sagte, war mein Meister dazugekommen, der vielleicht nach meiner Arbeit hatte sehen wollen. „Hilft alles nichts" meinte er begütigend. „Wir sind angegriffen worden und müssen uns wehren. Jetzt heißt es: Alle Mann heran! Wir müssen unsere Pflicht gegen das Vaterland erfüllen. Alles andere steht in Gottes Hand. So wahr ich an den Ewigen glaube, glaube ich auch, daß er die Schuldigen strafen wird." Plötzlich verstummten die Gespräche. Der Oberlehrer Dr. Eitler war auf einen Tisch gestiegen und hielt von dort aus eine patriotische Ansprache, die Jung und Alt begeisterte. Ihm folgten andere Redner. Dann wurden patriotische Lieder gesungen und namentlich das Preußenlied mit seiner frischen, kampfesfrohen Melodieweise hob die Stimmung unter den Gästen sichtlich zu voller Siegeszuversicht. Anti<mceti-Annahnie und Verlag: Dr. Bäsch & Co., G. m. b. H., Berlin-Wilmersdorf, Nassaüische Str. 24. - Verantwortlich für die Redaktion: Dr. Carl Hasch,;Wilmersdorf. - Druck: D. Feilchenfeld, Berlin SW 19, Beuthstr. IQ.

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