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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-11-01 · 44 (1.11.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
44 (1.11.1935)
Date
1935-11-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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11. Jahrgang - Nr. 44 Auflage 3700 Stack 1. November 193S l^uM|E] DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Angestellte im Hause. Es scheint, daß es in diesen Tagen in vielen jüdischen Häusern keine anregenderen üesprächsthemen gibt, als die Erörterung von Angebot und Nachfrage auf dem Arheitsmarktc für Hauspersonal. Aus manchen jüdischen Haushaltungen sind die bisherigen I lausgehiiiinnen bereits ausgeschieden oder werden in naher Zeit ihre Tätigkeit dort aufgeben müssen. Verständlich, daß dabei gewisse Schwierigkeiten sich geltend machen, vor allem, wenn man bedenkt, daß es sich bei dem häuslichen Personal um Mitarbeiter handelt, an die man sich viel stärker gewöhnt hat als es bei gewerblichen oder kaufmännischen Angestellten der Kall ist und insbesondere verständlich wird das Problem, wenn zugegeben werden muß, daß ein hinreichender Ersatz durch ausreichend vorgebildete jüdische Hausgehilfinnen gegenwärtig noch nicht vorhanden ist. Dennoch will uns bedünken. daß die an sich nicht unwichtige I rage sehr stark übertrieben wird und daß die Hausfrauen allzu leicht in den Fehler verfallen, aus einer Frage von gewiß nicht?u unterschätzender Tragweite einen Zentralpunkt des häuslichen Lebens /u machen. Man soll nicht übersehen, daß wir uns in den letzten Jahren au ganz andere Umstellungen haben gewöhnen müssen, und man soll erwägen, daß über den Mangel an gut vorgebildeten Hausgehilfinnen vor allem eine vorgebildete Hausfrau »ehr rasch hinwegkommen wird. Sicherlich gibt es Haushaltungen, in denen Mann und Trau sowie die erwachsenen Töchter ihren Berufen nachgehen müssen und ebenso gewiß gibt es Häuser, in denen mit Rücksicht auf die IUIerwarhsenen Kinder eine Hilfe im I laushalt nicht entbehrt werden kmn. Sicher aber gibt es ebenso viele jüdische Haushaltungen, in denen es möglich ist, vorübergehend ohne Hausgehilfin auszukommen oder gar sich dauernd auch bei der Verrichtung der häuslichen Arbeiten auf die eigene Arbeitskraft zu stützen. In dieser Hinsicht wird von manchen Seiten die Trage gestellt, weshalb es denn eigentlich keine genügende Zahl jüdischer Hausangestellten gäbe und wie es insbesondere kommt, daß in einer Z' it notorischer Arbeitslosigkeit zahlreicher jüdischer Trauen und Mädchen sich diese nicht ehestens auf den Hausangestelltenberuf umstellen. Hierauf ist zunächst zu sagen, daß auch Angebot und Nachfrage von Hausangestellten einem gewissen volkswirtschaftlichen Gesetz unterliegen, welches zur Folge hat, daß sich kein Angebot leitend macht, wenn die Nachfrage ausbleibt. In den vergangenen Jahrzehnten war nur ein verhältnismäßig geringer Bedarf an jüdischen Hausangestellten vorhanden, so daß in vielen (legenden des Ri ii lies das tatsächlich vorhandene Angebot die Nachfrage wesentlich übertraf. Keineswegs ist es etwa ^o, wie jetzt vielfach zu hören ist, dafl jüdische Mädchen und Trauen den Hausangestellten beruf nicht bevorzugen, weil er mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden ist. tan darf davon ßbetüeugt nein, daß eine achtstündige Arbeitszeit in einem Büro als Stenotypistin oder hinter einem Ladentisch als Verkäuferin mindestens ebenso hohe Anforderungen stellt als etwa der Beruf einer Hausangestellten, in dein diejenige, welche ihn aus- Übt, neben vöiiig treiem Unterhalt noch ein bares Gehalt am Monatsende empfängt und in dem doch auch nicht während der ganzen I teuer des Tages für gewöhnlich mehr als acht Stunden gearbeitet wird. Wenn trotzdem zurzeit auf dem Markte für Hauspersonal die Hausfrauen vergeblich nach jüdischen Hausangestellten Umschau halten, so liegt das in ersler Reihe daran, daß in wenigen Wochen ein gut funktionierender Markt, in dem das Angebot die Nachfrage deckt, unmöglich entstehen kann. Man darf davon ausgehen, daß schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit auch auf diesem Gebiete das Angebot dauernd stärker werden wird, bis mit der Zeit so viel jüdische Hausangestellte zur Verfügung stehen werden, wie der Arbeitsmarkt aufzunehmen gewillt ist. Es soll bei dieser Gelegenheit ganz grundsätzlich ein Wort über die Neigung vieler Juden gesagt werden, Entwicklungen, die Zeit brauchen, überspringen zu wollen. Kein Mensch hat seit Jahren nach jüdischen I lausangestellten verlangt und wo sie sich anboten, hatten sie kaum Aussicht, die begehrteren Stellen in den besseren Haushaltungen zu erlangen. Jetzt aber, wo aus äußeren Gründen das Angebot in dringendem Maße hervortritt, sollen wie auf Bestellung Hunderte und Tausende jüdischer Hausmädchen bereit stehen. Das ist eine Umkehrung jeder volkswirtschaftlichen Entwicklung, und wir glauben, daß die jüdischen Hausfrauen einsichtig genug sein sollten, in Geduld abzuwarten, bis sich Angebot und Nachfrage einigermaßen regulieren. Bis dahin müssen auch die jüdischen Hausfrauen sich umstellen und sich daran gewöhnen, einen Teil der Arbeiten im Haushalte selbst oder durch ihre erwachsenen Töchter besorgen zu lassen. Wir empfinden nicht die Neigung, in den Fehler derer zu verfallen, die jetzt den jüdischen Hausfrauen gute Ratschläge geben, wie man sich am schnellsten für hausfrauliche Arbeiten einstellen kann, aber wir denken, daß jede Hausfrau leicht in der Lage sein wird, sich diese Ratschläge selbst zu geben. Unserer Meinung nach ist nichts leichter, als einen Haushalt aufrechtzuerhalten, auch wenn man eine gewisse Zeit auf die gewohnte Hilfe Verzicht leisten muß. Wir erinnern uns noch, wie vor etwa zehn Jahren allgemein darüber geklagt wurde, daß die jüdischen jungen Leute sich vor-/ wiegend dem kaufmännischen Berufe zuwenden, und daß es deshalb an gut ausgebildeten jüdischen Handwerkern fehlt. Kaum jbSww diese Klagen laut geworden, da begann ein vermehrter Zy^om zu allen Arten der handwerklichen Berufe, so daß schon nach wenigen Jahren aus allen Kreisen dringend vor der Zuwendung zum Handwerk gewarnt wurde. Das Angebot au handwerklichen Lehrstellen hatte ungeahnt schnell zu einer Vermehrung der Bewerber um diese Stellen geführt, so daß schließlich auf diesem Gebiete das Angebot die Nachfrage weit übersteigt und die weitere Ausbildung in den letzten Jahren im Hinblick auf die berufliche Befähigung zur Aüswaudcrung erfolgt. Die gleichen jüdischen Hausfrauen, die jetzt vielfach über den schrecklichen Mangel an jüdischem Hauspersonal klagen, werden schon nach ein oder zwei Jahren sehr ungern an ihre Beschwerden erinnert sein wollen, weil mittlerweile auch auf diesem \Täcliste Eintopf&amiiiliiiig;: Sonntag, den lO. November 1935!

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