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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-12-10 · 50 (10.12.1937) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
50 (10.12.1937)
Date
1937-12-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Kit « \v<\X ÜHO NACH WCHI EN MÄH DER 6EM El N DEVEWVAL* Wo DER ISRAELITISCHEN REUGI0NS6EMEINDE ZU LEI PZiG ABGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REKHSMiNBTERS RIR\WAUf KÖRUNG UND PROPAGANDA BETR.QBERWACHU NG PER GEISTIG UND KUUUREILIÄTIGENJUDEH IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET 10. DEZEMBER 1937 / 6. TEBETH 5698 13. JAHRGANG / NUMMER 50 Vom rechten Geben. „Je weniger man verdient, um so mehr wird man zum Spenden angegangen", hört man manchmal auf den ohnedies nicht leichten Wegen eines Sammlers. Der Sprechende glaubt, den Sammler auf e in besonders krasses Paradoxon aufmerksam zu machen und weiß oftmals nicht, daß hier nichts weiter als die klare Logik waltet. In Zeiten, in «lenen es leicht ist, eine Stelle zu finden oder etwas zu verdienen, machen natürlich alle Menschen Gebrauch von dieser Möglichkeit, folglich ist das erforderliche Spendenvolumen weit geringer und kann für humanistisch-philanthropische Zwecke oft von einzelnen großzügigen Mitgliedern der Gemeinschaft gedeckt und getragen «'erden. Anders Regt der Fall in Zeiten der Not, wo es nicht mehr darum geht, Institutionen oder Stiftungen zu errichten, sondern wo der Zwang des notleidenden Mitmenschen jedem klar vor Augen demonstriert, daß die Gemeinschaft eingreifen muß. Notzeiten sind solche Zeiten, in denen nicht jeder, der will, etwas verdienen kaniij sondern wo Her Wirtschaftsprozeß in verengendem Sinn sich entwickelt und uns die Möglichkeit, durch Arbeitsvermittlung oder Stellennachweis produktiv zu helfen, nicht mehr gegeben ist. Daher versteht es sich von selbst, daß dann das Aufzubringende in ungeahntem Maße zunimmt, weil mehr Anwärter vorhanden sind. Es versteht sich weiter von selbst, daß dann der Kreis der noch Verdienenden immer mehr zusammenschrumpft, daß aber infolge dieses Schrumpfungsprozesses des Verdienerkreises dieser um so mehr angespannt wird, je kleiner er wird. So erklärt sich manches, was zunächst widersinnig erscheint, bei kurzem Zusehen als eine logische Notwendigkeit. Aber mit der Erkenntnis allein ist e« hier noch nicht getan, wir müssen zur Tat schreiten. Die Geschichte der jüdischen Opfer und der jüdischen Opferfreudigkeit ist eine Geschichte für sich, die noch nicht geschrieben ist. Überlegen wir, welche Anstrengungen sozialer Natur im Verlauf der jüdischen Geschichte unternommen werden mußten! Wie oft mußte eine Gemeinde Hunderte von Flüchtlingen lange Zeit in ihren Mauern bergen; wieviel war für die Notleidenden im eigenen Kreis zu tun; welche Summen galt es oft aufzubringen, um noch bleiben zu dürfen; wie viele Sendboten kamen, um den Juden in anderen Ländern und 3EDER. KOPF ovH&eM. „EIN TO PF. für- ^J^l^c^e\^xM4e^itßfe chh^uh4c^ ,$e*«."f2' <§e%ßHiße*' vor allem im Heiligen Lande Zeugnisse der Opferbereitschaft anderer Juden zu überbringen, denen es genau besehen wohl nur um einige Grädchen besser ging! Nur ein Beispiel: Im Jahre 1473 gab es in Frankfurt am Main nur zwölf steuerzahlende Mitglieder, im Armenhaus der Gemeinde aber lebten 23 Arme. Von den großen Summen, die zur Aufhebung eines Ausweisungsbefehles notwendig waren, ganz zu «chweigen. Damit erledigt sich auch uci zweite cinwana, den mau oft hört; daß die Zeiten zu schlecht wärerl, um noch etwas herzugeben. Es gab noch ärmere Zeiten, und gerade diese brachten die stärkste Belastung des Gemeinschaftssinnes, nicht die Zeiten, in denen man im Wohlstande lebte. Wir haben absichtlich auf die Sendboten hingewiesen, die in den Gemeinden der vergangenen Jahrhunderte erschienen, um für andeie Gemeinschaften und für die Brüder im Heiligen Lande Mittel zu sammeln. War einmal der Sinn für jüdische Solidarität erwacht, dann kam es nicht mehr darauf an, ob es ein Posten mehr oder weniger war, für den man ihn praktisch anwandte. Fühlt einer für die ganze Gemeinschaft und mit allen Juden, dann gibt es keine Ausflüchte, daß ihm „das Hemd nähersitze als der Kock", uaß er also einen Armen aus derselben Straße, dessen Bedürftigkeit er täglich kontrollieren kann, eher bedenkt als etwa das Aufbauwerk in Palästina. Wer wirklich jüdisch denkt, der braucht, um bei diesem geschmackvollen Bild zu bleiben, das ich einer der beliebtesten Ausreden entnehme, das Hemd und den Rock, denn sonst ist er ungenügend angezugeu. Wir brauchen die Unterstützung aller für die Aufgaben, die uns räumlich naheliegen, und wir brauchen die tätige Mithilfe aller für die gemeinsame Aufgabe, die uns vielleicht geogra- Chisch fernliegt, aber geistig uns sehr benachbart ist, solange wir ier noch kulturell und jüdisch arbeiten. So erledigt sich also nach dem Argument der schlechten Zeiten das Argument vom Hemde, das sich im Ausredenkatalog sehr eingebürgert hat. Ich habe bei den vielen Sammlungen, an denen ich bis jetzt teilgenommen habe, immer die Beobachtung gemacht, daß man die Menscheü in zwei Gruppen einteilen kann, in solche, die prinzipiell gern geben und solche, die ungern oder gar nicht geben. Die Angehörigen der ersten Gruppe verteilen das, was sie entbehren können, je nach der persönlichen Wertung der Erforderlichkeit, auf die Kreise und Aktionen, die sie bedenken wollen. Man muß ihnen weder große Vorträge in der Privatwohnung halten, noch haben sie das Bedürfnis, den Sammler übermäßig aufzuhalten. Und wenn die Spende klein ist, hat niAli den bestimmten Eindruck, daß der Mann auch nicht mehr in dem Maß geben könne wie früher und selbst wenn er erklärt, daß er auf Grund privater Verpflichtungen überhaupt sich nicht mehr beteiligen könne, sagt einem das innere Oefühl, daß es hier stimmt und man dieses einzige Argument, das" es überhaupt gibt, selbstverständlich anerkennen muß. Bei der anderen Gruppe, der gebeunfreudigen, ist es wesentlich schwerer. Man muß den öffentlichen Vortrag, der mit vielen Aktionen verbunden ist, nochmals wiederholen; man bekommt die Winterhilfe gegen den Keren Hajessod, und Hilfe und Aufbau gegen den Hilfsverein ausgespielt und zum Schluß will man es sich überlegen, die und jene Entwicklung abwarten, sich nach dem Endresultat des ersten Monats richten — auch die Hun- Bernden und Frierenden müssen dann daiauf warten — und ähnliche •inge mehr. Das dürfte nicht mehr vorkommen. Kurz und vornehm, das sei die Parole bei der Beteiligung an einer Sammlung. Es ist natürlich unmöglich, aufzuzählen, was alles behauptet wird, um sich seiner Verpflichtung zu entziehen. Der Winter ist da und es ist höchste Eile geboten, alle Wohnungen zu heizen und allen Familien vermehrte Nahrung zu bieten. Das muß jeder einsehen und erfassen. Wer nicht geben kann, darf dies ruhig als Grund angeben, dafür hat jedermann heute Verständnis, allerdings muß man sich diesen Entschluß abgerungen haben. Wer aber noch geben kann, der soll Gott dafür dankbar sein und ohne große Selbstbefriedigung nichts weiter tun als seine jüdische und menschliche Pflicht. Im großen ganzen darf man jedoch sagen, daß sich unsere jüdische Gemeinschaft im Rahmen der au sie gestellten Forderungen wacker hält. Daß der Gedanke der Solidarität gerade bei denjenigen, die ihrer ehrlichen Gesinnung oft nur Pfennige abringen können, in Sonntag, den 12. Dezember: EintopfSammlung. Spendet reichlich!

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