Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 37 (10.9.1937)
- Date
- 1937-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492399-6492404-5990778--050-4882614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7f~ r o I II MOTU FT fiPM Fl U HFRi ATT ENBLATT DERGEMEINDEVERWAL^ LEIPZIG AJ4GEMELPET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS 10. SEPTEMBER 1937 / 5. TISCHRI 5698 13. JAHRGANG / NUMMER 37 Das Hinscheiden des Herrn Justizrat Dr. Julius Wachtel hat in unserer Gemeinde schmerzliche Trauer ausseiest. Der Ehtschiafene hat in den Jahren 1912 bis 1920 der Körperschaft unserer Gemeindeverordneten angehört und ihr durcli die Fülle seines Wissens und den Reichtum seiner Erfahrung wertvolle Mitarbeit geleistet. Als Vorsitzender der inzwischen auf unsere Gemeinde übergegangenen Mendelssohn-Stiftung hat er Jahre hindurch segensreich für jüdische Studenten und jüdische Gelehrte gewirkt. Sein Andenken wird in unseren Reihen für immer in Ehren gehalten werden. Leipzig, den 9. September 1937. Der Vorstand und die Verordneten der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Dr. s. Samuel: Aehers Sünde. Zum Jomkippur 5698. Beim Eingang zu unserm heiligsten Tage empfangen wir in feierlicher Verkündigung das schöne Vorrecht, gemeinsam mit den ..Ober« tretern"'zu beten. Zu diesen rechnet die Uberlieferung jenen Elischa ben Abu ja, den sie Acher, d. h. den Andern, nannten. Diese Bezeichnung sollte Strafe dafür sein, daß" er nach einer ehrenvollen Jugend, erfüllt von Gelehrsamkeit und Tugenden, später fremde Wege eingeschlagen, ja dem Abfall sich zugeneigt habe. Nicht gänzlich wurde sein Name ausgelöscht; der edle Redaktor der Mischna hat ihn an der Spitze seines trefflichen Spruches aufbewahrt (im 1. der Pirke Aboth, Satz 25); die Sammlung Aboth di Rabbenu Nathan, Kap. 24, enthält eine ganze Kette seiner Sentenzen unter -einem Namen Seitdem dieser aber einmal durch Acher ersetzt war, erfahren wir nur noch Worte und Taten von ihm durch das Medium seiner Widersacher, müssen also mit Verkennung und Verdrehung seiner wahren Meinungen und Absichten rechnen. Eines wissen wir allerdings «sein heftigster Gegnci war R. Akiba, sein berühmtester Jünger R. Me'ir. Als solchen mußte letzterer sich wohl, wie allgemein bekannt war, bezeichnen; nach Elischas sogen. „Abfall" ging er jedoch unter die Schüler R. Akibas Und «.lies war es, was Elischa besonders schmerzte; der einstige Anhänger im Gefolge des Gegners! Als R. Me'ir den Elischa bat, zurückzukehren, lehnte dieser es ab, weil es ihm so viel bedeutete, als die übermächtige Autorität R. Akibas anerkennen. Er war andern Geistes und blieb in falschem Stolze fern. R. Akiba selbst, durch den Unter- Rang seines Abgotts Bar Kochba im Feuereifer für die Tora nicht Relähmt, war der fieberhaft aufgeregten Gemeinde ein neuer Mose Reworden: bei dem der erste hätte in die Schule gehen müssen, so viel Satzungen und Verordnungen wußte der spätere aus jedem Häkchen der Tora abzuleiten. Aber wofür er lebte, dafür nahm er auch den bittersten Tod auf sich; die Krone des Martyriums verklärt seinen Namen. Doch wer weiß, ob nicht auch Elischa b. Abuja ein stilles Martyrium getragen? Der heilige Jomkippur hat für die Gemeinde Israel kein schöneres Wort, als die Gottesbotschaft an Jecheskel: „Habe ich denn Wohlgefallen am Tode des Frevlers? Ich will, daß er umkehre und lebe!" Und keine schönere Auslegung zu Jeremias Einladung tKap. 3, V. 14) „kehret zurück, abtrünnige Kinder! als jene: wenn sie auch abtrünnig sein sollten, so bleiben sie doch Kinder in der Liebe ihres, gnadenreichen Vaters im Himmel. Und davon, so lehrt die Überlieferung, sollte allein Elischa be.i Abuja ausgeschlossen sein. Volkesstimme war ihm Gottesstimme; „er hörte es hinter dem Vorhang verkünden". Er überzeugte sich davon in den Schulen der Kinder, die ihm auf Befragen Sätze der Schrift vom ewigen Verderben der Frevler aufsagten. Man harte sie den Kindern beigebracht, und ihn als warnendes Exempel hingestellt. Was aber war seine Sünde? Es gibt nur Vermutungen. „Er zerstörte die jungen Pflanzungen." Fr soll in die Schulen gekommen sein und gerufen haben: Was sitzen diese hier? Sie sollen Handwerke erlernen; dieser mag Bau meister, dieser Zimmermann werden; dieser'ein Jäger, jener ein Schneider! Und die Jugend zerstreute sich." So zu lesen in jerus. Chagiga, Perek 2. Allein die Vermurung liegt nahe, daß der sich häufende Wissensstoff schon damals aiiiing, durch Übermaß und Einseitigkeit der Jugend den Blick für dk Fordetungen der Wirklichkeit zu trüben, sie weltfremd und vielen Unbilden gegenüber wehrlos zu machen. Er selbst hatte ja eine viel freiere Erziehung genossen; neben religiöser auch profane bilduug erhalten, sich am Wohlklang griechischer Dichtungen erfreut. Homers Gesänge waren aus seinem Mantel gefallen. Und dann? Die Männer der Urmischna setzten jene auf den Index, ja bedrohten solche und ähnliche Lektüre mit dem Ausschluß vom ewigen Leben! Vergebens stellte sich Elischa gegen die veränderten Zeiten; er war machtlos. Nur mit einem scharf pointierten Worte wehrte er sich: „Wer erst im Alter lernt, schreibt auf abgenutztem Papier"; ein Wort, das offenbar auf R. Akiha gemünzt war. Anders stünde es, wenn Elischa b. Abuja wirklich den feindseligen Römern Zutragerdienste geleistet haben sollte, wie eine unsichere Tradition lautet. Daß es dergleichen gab, beweist ja die 12. Bitte in unserm tiauptgebet. Allein jener Verdacht schwebt völlig in der Luft; die Quellen bestätigen ihn nicht. Im Gegenteil: sie geben seinein Entsetzen darüber Ausdruck, daß er so viele edle Gesetz.eslehrer unter römischen Henkershänden leiden sah. Und da sollte er die Verfolgten den grausamen Häschern ausgeliefert haben? Mag sein, daß in ihm schmerzliche Zweifel an Gottes Gerechtigkeit aufgestiegen sind und er sich vermaß, den Himmel anzuklagen. Sind wir selber immer so weit davon entfernt? An Elischas Sterbebett fand R. Me'ir sich ein; er glaubte eine Träne im Auge des Meisters vor dessen Hinscheiden zu bemerken und erklärte, daß er als Reumütiger entschlafen sei. Eine Rauchsäule aber, die auf seinem Grabe sichtbar wurde, deutete er als Anzeichen strafenden Feuers. Erst R. jochanan b. Napcha löschte es, indem er sich Elischa um seiner Tora willen zum Nachbarn im Paradiese Sita bat. Aber R. Jochanan war auch vom Geiste Hilleis. Allzu oft hat es später dem Judentum an solchen Hillel-Naturen gefehlt; dies wollen wir uns am heiligen Jomkippur eingestehen. Wie Elischa, so sind im Laufe der Zeiten viele Hunderte nicht leichten Herzens von uns gegangen, sondern durch unsera Unverstand, unsre Härte, unsre Unduldsamkeit abgestoßen. Es gab natürlich auch ganz andre, gegen die einzuschreiten schon die Sclbsterhaltung gebot, und die zu uns zu zählen, die Selbstwürde verbot. Allein nicht immer haben wir die Würde der Persönlichkeit geachtet, die Heiligkeit der Überzeugung anerkannt, Duldsamkeit gegen andre Meinungen geübt. Wie schnell waren wir bei der Hand mit dem entehrenden Worte „Poschea" oder „Apikores"; wie oft zogen wir das religiöse Verhalten des lieben Nächsten vor unser Forum, als wären wir alle befugte Richter. Im Mittelalter war eine weitgehende Banngewalt in die Hände unserer jüdischen Behörden gelegt; ob sie immer im rechten Geiste gehandhabt wurde? Im Jahre 1232 verhängten übereifrige französische Rabbinen den Bann über Mai munis philosophische Schriften; erst als 1242 für den Talmud selbst zu Paris der Scheiterhaufen entzündet wurde, erkannten sie ihren Fehler. Wer denkt nicht an die entwürdigenden Formen, unter denen Uriel Acosta und Baruch Spinoza aus der Gemeinde gestoßen wurden; wer begreift, daß man eine Übertragung der Schrift von einem Mendelssohn mit dem Banne belegte. Haben selbst heute unsre Zionswärhter gelernt, bei religiösen Meinungskämpfen die Person des Gegners zu schonen und nur der Sache der Wahrheit zu dienen? Wir treten am hohen Versöhnungstage vor unsern Gott hin, der „reich an Gnade und Treue ist, vergebend Schuld, Missetat und Sünde". Wir wollen um uns blicken und uns fragen, warum so viele