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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1937-05-28 · 22 (28.5.1937) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
13 (1937)
Issue
22 (28.5.1937)
Date
1937-05-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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13. «lahrgang - Nr. 22 Auflage 3200 Stück i /C " A . ,Y' ':■ ■ *A 28. Mal 1037 W4Wä% DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES N ACH RI CHT EN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Dr. Sally Rabinowitz Der Kulturbund-Winter 1936/37. In der Zeit von September 1936 bis Mai 1937 hat der Kulturbund 19 Veranstaltungen geboten, die sich folgendermaßen zusammensetzen: drei Orchesterkonzerte (Berliner Kulturbund-Orchester unter Steinberg / Reichsverbands-Orchester unter Prüwer / Collegium musicum unter Licht), eine Oper (Lustigen Weiber), vier Schauspiele (Molnar, Große Liebe / Nicodemi, Tageszeiten der Liebe / Kingsley, Menschen in Weiß / Dvmow, Jusik), drei Liederabende (Schey / Guttmann-Loewenstein / Kipnis), zwei Kammermusikabende (Mendelssohu-Trio / dasselbe, zum Quintett erweitert), ein Klavierabend (Tanja Ury-Zunser), drei Kleinkunstabende (Waghalter-Freudenthal Lipinskaja / Bunte Karren), zwei Vorträge (Osborn, Kunst, Prinz, Geschichtsauffassung). Die ein/einen Veranstaltungen dieser imponierenden Aufzählung sind in diesen Blättern besprochen wurden, so daß eine nochmalige kritische Betrachtung sich erübrigt. Der Gesamteindruck der KuTturbundarbeit ist der, daß diese aus der Not der Zeit geborene Institution ihre Aufgabe richtig erkannt und im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten das Maximum dessen geboten hat, was zu bieten war. Angesichts dieser Leistung erscheinen die Abende, gegen welche die Kritik Einwände vorzubringen hatte, als unbeachtlich. Es waren deren nur zwei: das Gastspiel der Hamburger mit dein iitißgiückien Lustspiel „Tageszeiten du Liebe", und der „Liederabend" Waghalter-Freudenthal, der auch dann, wenn man ihn wohlwollend als Kabarettabend hätte werten wollen, unter dem. Niveau des Kulturbundes blieb. Diese beiden Fehlgriffe enthüllen nur einen Teil der Schwierigkeiten, welche die Einengung des Aufführungsmaterials und der Ausführenden für die Programmgestaltung bilden, und — im Falle Waghalter — das Symptom der Unsicherheit über den Kunstbezirk des jüdischen Liedes, die gleicherweise bei Ausübenden wie bei Hörenden besteht, eine Frage, deren Behandlung den Rahmen dieses Aufsatzes überschreiten würde. Kann also der kritische Beobachter angesichts obiger Zusammenstellung der Leitung des Kulturbundes mit gutem Gewissen Entlastung erteilen, so befriedigt ihn ein Blick auf die Einstellung des Publikums zur Kulturbundarbcit weit weniger. Die Art, wie z. B. ein Teil der Mitgliedschaft auf die Darbietungen reagiert, ist durchaus nicht erhebend, t Inberufen, was wird da „gemeckert", solistisch und im Chor! Die Chormeckercr sind noch nicht die schlimmsten: die Musikfreunde meckern über den Theaterabend, die Theaterfreunde über den Konzertabend; bei Kammermusik meckern öO" „, hei Vorträgen 90° „ (nur bei der Lipinskaja meckerte keiner!) — das ist nicht zu ändern: der Kulturbund kann's nicht allen recht machen. Schlimmer sind die Meckersolisten, die vor beifällig nickenden Zulun cm verkünden: „Das hat der X. ganz anders gesungen!", oder „Das Stück habe ich in Y. gesehen — ja: das war eine Aufführung!"; das sind die Leute, die in der Pause ungeahnte Sachkenntnisse enthüllen und erstaunliche Expertisen von sich geben über Stimmtechnik und Anschlagsarten und vor allem über „Auffassungen" und die an Hand des jeweils Gebotenen ihre natürlich schwer abweichenden Ansichten verlautbaren. Scher/ beiseite : das ist unrecht, das ist gedankenlos, das ist vormärzlich! Gewiß, „Kunst" kommt von „Können", und deshalb wohnt jeder künstlerischen Betätigung der Begriff des Wettbewerbs innc, der im normalen freizügigen Kunstlebcn die Höchstzüchtung der Leistung, den Begriff des „Stars" und damit eine gewisse Blasiertheit des Publikums zur Folge hatte. Für uns aber sind diese Maßstäbe nicht mehr gültig: wir haben in unserem Jüdischen Kulturbund nur mehr unseren eigenen kleinen Ausschnitt, in dem uns Juden von Juden Kunst vermittelt wird. Wir wollen gewiß nicht unbefriedigendem Dilettantismus das Wort reden; wohl aber sollen wir uns gerade im Parkett des Kulturbundes unserer jüdischen Situation bewußt sein: right or wrong —- my country! Der tiefe Eindruck einer reinen hohen Kunst zeigt sich würdiger im Schweigen denn im Red<*n; nnd war t>4gJ Eindruck heute nicht so stark, daß er der Tiefe früherer Erlcb- .-e gkichkäme — nun, so sollte das uns nur nachdenklich stimmen und den Mund verschließen, statt ihn zu wichtigtuerischem Geschwätz zu öffnen. Wir streiften vorhin in scherzhafter Übertreibung die Erscheinung, daß die Vorträge des vergangenen Winters derart schlecht besucht waren, daß die Leitung des Kulturbundes von weiteren Vorträgen abzusehen beabsichtigt. Wir möchten wünschen, daß diese Absicht revidiert werde, denn die Vermittlung von Wissensgut durch Vorträge ist aus der Kulturarbeit nicht wegzudenken, und mit ihrem gänzlichen Wegfall geschähe dem wenn auch kleinen Sektor der Mitglieder, die im Kulturbund neben Unterhaltung und Entspannung auch Wissensbereicherung suchen, Unrecht. Es mag sein, daß' der ernüchternde Eindruck des bei Vorträgen nur zu Vs oder V* besetzten Theatersaales den resignierenden Verzicht erzeugt hat. Der Kulturbund sollte daher versuchen, Vorträge in kleinerem Rahmen zu veranstalten, etwa im Felix-Goldmann-Heim; auf diese Weise könnte bei verringerten Regiekosten dieser wichtige Teil der Kulturbundarbeit weitergeführt werden. Der Mitgliederbestand hat sich stabil gehalten; Verlust durch Austritte ist durch Neuzugaug ausgeglichen worden. Groß ist aber noch immer die Zahl der Abseitsstehenden, und es ist beschämend, was für alberne und lendenlahme Ausreden man zu hören bekommt, wenn man nach den Gründen für Austritt oder Nichtbcitritt fragt. Fs gibt in Wirklichkeit nur einen Grund, der stichhaltig wäre, das ist: wenn die Mitgliedskosten wirklich nicht tragbar sind. Trotzdem wird gerade dieses Argument von vielen ins feid geführt, die ohne Bedenken den Betrag eines Monutsbcitragcs oder ein Mehrfaches davon für Kino und andere Zerstreuungen ausgehen. Daß der Kulturbund seinen Mitgliedern für ihr Geld wahrlich hinreichende Gegenleistung bietet, wird an Hand obigen Überblicks, zu welchem noch mindestens drei Veranstaltungen in den Sommermonaten treten, kein Mensch bestreiten wollen. Es gilt also, Trägheit und kleinliche Nörgelei zu überwinden und .sich vor Augen zu führen, daß es für uns Juden im deutschen Lcbensraum nun langsam Zeit wird, sich zu einem jüdischen Patriotismus durchzuringen, der gebietet, im Rahmen der gegebeneu Möglichkeiten zu einem Ganzen zu streben, aus (Jründeu der Vernunft gleicherweise wie des Gefühls. Und -- da wir pessimistisch genug ^ind, die sichtbaren Auswirkungen von Vernunft und Gefühl beT der Krone der Schöpfung nicht allzu hoch einzuschätzen, wollen wir noch einen menschlichen, allzumenschlichen Grund anfuhren: es gehöri einfach zum guten Ion, Ton, Mitglied des Kulturbundes zu sein! Eine Steigerung des Mitgliederbestandes nur um die Hälfte des gegenwärtigen würde bedingen, da« jede Veranstaltung zweimal hintereinander stattfindet, würde gestatten, daß eine Anzahl verbilligter Anrechte für Jugendliche (welch wichtiger Punkt!) und Minderbemittelte bereitgestellt wird, würde möglicherweise dazu führen, das Preisniveau im ganzen abzubauen und würde die Leitung instandsetzen, ihre Programme nach allen Seiten zu erweitern, kulturell und sozial noch fruchtbringender zu arbeiten und mit noch größerer Energie au die Erfüllung der vielen noch offenstehenden, ihr wohlbekannten Wünsche zu gehen. Unsere Gemeinde Handelsbank Iwria, Leipzig. Die Bank lädt laut Anzeige zu ihrer I. ordentlichen Generalversammlung ein. Laut Mitteilung der Bank verlief das abgelaufene Geschäftsjahr befriedigend. Die Einlagen stiegen von RM. 1200000.- auf RM. 1550000.—. Die Liquidität zum Jahresende war eine starke, da flüssige Mittel rd. RM. 1100000.— ausmachten. Nach Abschreibungen von RM. 2500.— auf Einrichtung, sowie RM. 7000.— sonstigen Abschreibungen verbleibt ein Reingewinn von rd. RM 24000.-?-. aus dem wieder 6s/„ Dividende gezahlt werden, während der Rest zur Stärkung dei Reserven verwandt wird. Die Bank hat der Leipziger jüdischen Wirtschaft im abgelaufenen Jahr durch Kreditgewährung unterstützend zur Seite gestanden, was insbesondere für den Rauchwareuhandcl im Zusammenhang mit der ansteigenden Tendenz der Rohware und der damit verstärkten Nachfrage von Bedeutung war.

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