Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 17 (24.4.1936)
- Date
- 1936-04-24
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 24. April IQ36 von Rabbon OamÜL'l an bis zum Brillenschleifer Spinoza. Gebildet wird in Zukunft jeder sein, der Innerhalb seines Kreises Vollkommenes leistet, wenn nur hin««<r Ha.- ehrlichen Arbeit eiü ganzer Mensch steht. * Das großartigste Bildungsmittel aller Zeiten ist das Buch. Das brauchen w i r nicht besonders zu betonen denn uns nennt man ja das Volk des Buches, und unsere hl. Schrift hat von der Geschichte den griech. Namen „Bibel" d. Ii. „Buch"' bekommen. In den Büchern ist der gesamte geistige Schatz der Menschheit von den ältesten Zeiten bis heule aufgespeichert. Bücher sind — um ein prosaisches Bild zu gebrauchen - Geistkonserven, die den Vorzug haben, daß sie sich nach Gebrauch immer wieder von selbst erneuern. Wenn wir bedenken, daß das Buch de/ stillste und zugleich der sprechendste Freund des Menschen ist. daU es uns hier freisteht, ob wir mit Narren oder Weisen verkehren wollen, so mochte man ein Unsere Gemeinde. Die Auswandcrungsbcralungsstcllc des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, Goethestraße l i, gibt bekannt, dal' die Beratungsstunden ausnahmsweise Donnerstag und Freitag (nicht Dienstag bis Freitag) abgehalten werden. jüdische Arbeit in heutiger Zeit. Im letzten Gemeindeabend entwarf der durch seine führende Arbeit im jüdischen l eben weithin bekannte Rechtsanwall Heim ich Stein, Berlin, ein Bild von der Entwicklung der jüdischen Aufgaben, wie sie die jüngste Gegenwart aufweist, und den Wegen zu ihrer Verwirklichung. Seine Ausführungen waren von tiefem Ernst wahrer Verantwortung getragen. Dali die besondere Stellung, die der Vortragende als langjähriger Vorsitzender der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum einnimmt, nur au wenigen Stellen klar heraustrat, ist so recht ein Zeichen für den Geist übergreifender Gemeinschaft, der alle Richtungen der Juden in Deutschland angesichts der gewaltigen, gemeinsamen Aufgaben gleicherweise erfüllt. In die jüdische Arbeit der heutigen Zeit so begann Heinrich Stern — zieht ein neuer (ieist ein. Die jüdische Gemeinde der vergangenen Jahre war eine Gelegenheitsgemeinschaft, der man — auch angehörte. Sie berührte die ihr Angehörenden nur in seltenen religiösen Feiern und auch da nur, weil man sich ab und zu nach Momenten der Rührung sehnte. Sehr oft war es der Friedhof, der das ein/ige Band zum Judentum darstellte. Lebendige Bindung gab es kaum noch; es waren Juden am Rande. Und doch waren es diese Menschen, ilie die jüdischen (iemeinden in I Deutschland errichtet haben. Judischer K'hilla-(ieist verband sich mit deutscher Organisationskiaft. Aber auch für viele der Arbeitenden war die Leistung für die Gemeinde nur eine Arbeit n a c h anderer. In wirklichen Opfersituationen versagten sie. Heute bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß Judentum wieder den ganzen Menschen zu erfüllen hat. Wir stehen in einer Generation, die Zeugnis abzulegen hat; alle stehen wir vor dem Angesicht Gottes. So ist jüdische Arbeit ein Neues geworden. Ein neuer Geist zieht in all die großen Institutionen ein, die längst da waren, und die dem Geist unserer Väter, die sie geschaffen haben, das beste Zeugnis ausstellen, gerade weil sie sich schnell den neuen Aufgaben anpassen kennten. Der Redner streifte in kurzen Worten den Wirkungsbereich der Reichsvertretung, des Palästina-Amtes, des Hilfsvereins und der ZenlralwuMf:sMn««stellc der jnrieh _ in. t»c«tt?ciÜanä .jj j^,,;; Uuf :!::• Arh.-sf der Ge-ineittdevcrbändc ein, di. .«<.-.. die Eitueiausiührung obliegt Die Notwendigkeit geistiger Betreuung dci Einzeigemeindcn schilderte er besonders anschaulich an den Erlebnissen bei dem plötzlichen Exodus der Juden aus dem Saargebiet im vorigen Jahre. Alle Pläne der Organisationen gipfeln in der Versorgung der Jugend. Richtungweisend ist dabei das Wort des Präsidenten der Reichsvertretung: „Die Jugend muß a u s w a n d e r u n g s fähig und auswanderungs f ä h i g gemacht werden." Nicht wie Deserteure sollen die Auswandernden Deutschland verlassen, sondern als aufrecht Ziehende. — Jede jüdische Geschichtsepoche beginn! tutt einein Auszug. Aber wie das erste Mal der Ewige Abraham in ein Land wies, das „ER ihm zeigen würde", so soll auch heute jedes Land als von Gott gezeigt betreten werden. Keiner darf untertauchen wollen; die Verbindung zum Judentum muß jeden ergreifen. Das gilt für alle; denn es kann sehr wohl in einem Lande mit wenig Juden von wenigen Aufrechten ein starkes jüdisches Leben geführt werden, wie umgekehrt so mancher in einer palästinensischen Stadt untertauchen kann, ohne auch nur einen Hauch vom Heiligen Lande verspürt zu haben. Da ist nun wichtig die Frage der Umschichtung, die nicht beim Wirtschaftlichen stehenbleiben darf. Es ist nicht leicht, an die Stelle der akademisch-repräsentativen Stufenleiter eine solche der geistig-jüdischen Arbeit treten zu lassen. Die jüdische Schule und das jüdische Haus müssen in diesei Richtung iure Erziehungsarbeit leisten. Die Schule soll Wissens- und Charakterschule «.-in. Für alle: Gesetzestreue und Liberale, nationale Juden und solche, die die Idee des Klal Jisrael in anderer Weise verwirklicht sehen bekanntes Wort variieren und sagen: Zeige mir deine Bücher, und ich will dir sagen, wer du bist. I )as j ii d i s c h e Buch wird natürlich in Zukunft an erster Stelle unserer Lektüre stehen. Wir werden unsere Klassiker kennenlernen: Wir werden die herrliche Poesie der Psalmen in uns aufnehmen. Wir werden Lebensweisheit aus den Sprüchen Salomes und Trost aus den Büchern „Koheleth" und „Hiob schöpfen. Aber vor einem wollen wii uns hüten: Verengen wir nicht künstlich unseren Horizont, indem wir die Augen verschließen vor dem Bildungsgut, das noch außerhalb des Jüdischen um uns vorhanden ist! Wir haben geistig Zutritt zu jedem Kuiturkreis, dessen Sprache wir sprechen. Es hat Leute gegeben, die Griechisch lernten, um Homer lesen zu können. F« gibt Franzoie::, die Deutseh lernen, um den Eaust in der Ursprache lesen zu können. Sprachgemeinschaft ist mehr ab nur Wortg;:;;;e;:;:,ci;afi. . Sprachgemeinschaft reicht in die Höhen des Geistes und in die Tiefen tler Seele. wollen. Nicht Paiteidogmen dürfen die Erziehungsarbeit beherrschen; die Kenntnis der jüdischen Geschichte und des Heiligen Schrifttums geht alle in gleicher Weise an. Die Schule muß sich vor der (iefahr hüte:;, zwischen Eltern und Kindern Zwietracht zu säen. Die Jungen brauchen nicht unbedingt „besser" zu werden .ijv Aitere::. Allerdings bedarf e» in vielen Häusern einer Umkehr, zu der es nie /u spät ist. Wer sich früher für große Auslandsreise!) sprachlich und kulturhistorisch vorbereiten konnte, der wird sich heute auch jüdische Bildungsstoffe aneignen können. In ihn Einrichtungen der „Erwachsenenbildung" wird diesen Bemühungen von der Reichsvertretung allerorten Hilfe geleistet. Nur eine kleine Schicht muß aus den Stätten ernsthafter jüdischer Arbeit verbannt werden. Das sind diejenigen „Konjunkturjuden", die die „Jüdischkeit" gepachtet zu haben glauben. Jüdisch« keil lallt sich nicht nach Quantitäten messen. Es hat keinen Sinn, zwischen „Voll- und Halbjuden" zu unterscheiden. Maßgebend ist einzig und allein die Echtheit des Opfers, die Ehrlichkeit der Verbindung mit der Gemeinschaft, mit Gott. - Ein neuer Geist muß auch die alten Pflichten der Qemiluth Chessed beleben. Aus dem Almosen-Geben muß wieder wahre Zedakah werden; echten Opfers bedarf es uberall. Die Haftarah am Sabbath-PeS8ach berichtet von den Weissagungen des Propheten Jechcskel über die „toten Knochen", die das Volk Israel verkörpern sollten. Wie nach der ersten Weissagung, so ist auch in uns ein Aufrütteln, ein Rauschen gefahren. Die Organisationen haben uns — die toten Knochen — mit neuen Sehnen überzogen. Aber noch ist der Geist nicht in uns. Es ist an uns, den neuen Bau mit Gottes Geist zu erfüllen, mit dem wahren Ruach Hakaudeseh. e. Jüdisches Lehrhaus Leipzig Sommerhalbjahr 1936. Im Sommerhalbjahr 1936 wird das Jüdische Lehrhaus abgesehen von den beiden jüdischen Kursen des Herrn Dr. Woskin, nur Sprachkurse und Handelskurse abhalten. Die Anmeldungen zu diesen Lehrgängen müssen bis spätestens 29. April 1936 an das Israelitische Gemeindeamt (Lehrhaus), Leipzig, Walter-Blümel-Str. 10, 1, erfolgen. Sie müssen genau und leserlich Namen und Anschrift des Hörers sowie den belegten Lehrgang enthalten. Der Bestich der Kurse!si nur.he: Var"-.-:!:!«« •'!ir. f!"- -- U:,t,<- möglich." Die Hörerk,?rte wird alibaid a-aci» FtnTafaJung ü«.». -am»"dem Lcifipkui crsichfticiicuiirüiw-gCiüc* durch die* tjost" uoersar.dt. Das Hörergeld isi entweder werKtägiich in der Zeit zwischen 9—13 Uhr an der Gemeindekasse, Walter-Blümel-Str. 10, I, zuzahlen oder auf das Postscbeckkonto der Gemeinde Leipzig Nr. 50533 zu überweisen. Mitglieder von Jugendbünden zahlen gegen Vorweisung ihres Jugendbundausweises nur das halbe Hörergeld. Erwerbslose gegen Vorlegung der Stempelkarte für jeden Kurs nur 1 RM. Lehrnhn. Sämtliche Lehrgänge beginnen in der ersten Maiwoche. I. Sprachlehrgänge: 1. Dr. Woskin-Nahartabi — Hebräisch. Kurs A: für Anfänger; Kurs B: für Hörer mit einigen Vorkenntnissen; Kurs C: für Fortgeschrittene. Jeder Kurs umfaßt 10 -12 Doppelstunden. Die genauen Tage und Stunden werden noch bekanntgegeben. Hörergeld für jeden Kurs RM. 10.—. Die Kurse finden in der hebräischen Sprachschule Techijja, Pfaffendorfer Straße 4, statt. 2. Dr. Rudolf Neumann — Englisch. Kurs A: Anfänger (ohne jede Vorkenntnisse) Montag von 20,15 bis 21.45 Uhr. Kurs B: Hörer mit einigen Vorkenntnissen (z. B. Hörer des Anfängerlehrganges im Winterhalbjahr), Donnerstag von 20,30 bis 22 Uhr, Kurs C. roitgeschrittene Mittwoch von 20,30 bis 22 Uhr.