Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 3 (17.1.1936)
- Date
- 1936-01-17
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 17. Januar 1936 temes Urteil; es fehlt ihm aber auch nicht an Wärme und Überzeugungskraft. Oleich ZU Anfang in dem Aufsatz: „Die Frage nach dem Sinn des Judentums" begründet er seinen eigenen Standpunkt, indem er dem historisch-nationalen Judentum vor jedem andern den Vorzug gibt. Den historischen faktor sieht er aber in einer Vereinigung aus weltlichem Volk und religiöser Gemeinschaft und Bestimmung. Damit ist für ihn die Verneinung der „Säkularisation des Judentums", also der drohenden Vcrwcitiichuug gegeben. Und diese Ablehnung wird für jeden Juden zur Notwendigkeit, der gleich Abr. Schlesinger die hohe Beris-Idee, d. h. die Verpflichtung zum Gottesbunde Israels anerkennt und. als unlöslich VOM Judentum beti achtet. Obwohl erst wenige führende Männer bis zur grundsätzlichen Leugnung solcher Idee vorgegangen sind, so erwächst der Gemeinschaft doch die Pflicht, durch Verbreitung quellenmäßiger Erkenntnis und zeitgemäße Übung des Kultus neue Liebe zur Religion besonders in der Jugend zu erwecken. Hohe Bewertung erfährt heim Verfasser besonders das Schrifttum Achad Haams (Ascher Ginsbergs), das bisher nur unvollkommen in« Deutsche übertragen ist. Ohne ihm in allem zu folgen, erkennt er ihm doch den ersten Rang unter den modernen, jüdischen Denkern zu. Jakob Klatzkin, Berdyczewski (Micha bin üorion) und selbst Simon Dubnow scheinen ihm den KernircHanben. des Judentums tu verfehlen, da sie sieh mit der national-politischen Idee begnügen. In seinen vorzüglichen Aufsätzen: „Zur Wesensbestimmung des Nationaljudentums" und „Was ist uns Zion" unterscheidet der Verfasser das nähere Ziel der Besiedlung Palästinas und der Wiederherstellung der hebräischen Sprache und Kultur von dem endgültigen messianischen, welches wir aus der Hand Gottes zu erwarten haben. Auch den schwierigen Weg zwischen jüdischer Erbwelt und nichtjüdischer Umwelt hilft der Verf. uns finden; überall kann er uns ein treuer Berater sein, wo es uns ernst ist um die „Wiedergeburt des Judentums". Dr. S. Samuel. Das Januarheft des „Morgen" warnt in seinem Leitartikel „Mikrokosmos der Weltgeschichte" davor, die heutige Lage nur in Analogie früherer Situationen der jüdischen Geschichte zu sehen; wo tatsächlich Hie Keime der Zukunft liegen, das kann erst die Zukunft selbst entscheiden. Grigori Landau arbeitet als schöpferisches Moment der jüdischen Diaspora die inneren Formen des Judentums heraus, die es, im Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Schichten ähnlicher Situation zu eigener Produktivität befähigt haben und stellt als ihr Kennzeichen die Gestaltung einer charakteristischen sozialen Ethik und einer „Erdgebundenheit" fest, die die Erlös u i: g im Leb e u selbst ergibt. Hans Bach verfolgt die Entwicklung jüdischer Memoircnwerke von der biblischen Zeit bis an die Schwelle der Gegenwart und läßt von der Bestandsaufnahme dieser eigenartigen Literatuigattung viele aufhellende Lichter auf ihre kulturgeschichtlichen Hintergründe fallen. — Das Feuilleton bringt eine prächtige Novelle „Der Gezeichnete" von Jacob Picard. In einer psychologisch feinen Studie faßt Johanna Michaelis die üolemsage als den Versuch auf, das Natürliche, die Materie nicht zu unterdrücken, sondern als Gestalt aus sich herauszustellen und «o zu beherrschen; sie stellt diese Konzeption prägnant der abendländischen gegenüber, die Fausts „Homunkulus" darstellt. Leo Hirsch setzt das Biid des jüdischen Dichters Mendele Mocher Sforim sehr liebevoll aus iauier feinen kleinen Strichen und Linien zusammen. Erwähnen wir nun noch einen reichhaltigen Aufsat/, von Lutz Weltmann über „Jüdische Übersetzer" neben einer Fülle von Glossen und Buchbesprechungen, so brauchen wir das Heft kaum besonders zu empfehlen: es empfiehlt mi'u seihst. „Monatsschrift." Wie steht das Judentum zu dem Wandel in der Religionsanschauung der Gegenwart? Heft 5 und Heft 6 — 1935. Bekanntlich hat sich in der christlichen Theologie neuerdings ein gewisser Wäudd Yoii/.oKt-tt. Man suent ttehgion nicht mehr auf Rcücammi oäeY.aut..rtas..G''fPh!.-der Abhängigkeit zu gründen, sondern (in der sog. dialektischen Theologie) auf das Hören des „Anspruchs" der Schrift. Wie diese Richtung zum Teil von Martin Buber bccinflum isi, so entsteht andererseits die Frage, was das Judentum von ihr lernen kann, wie insbesondere die altjüdische Ehrfurcht vor der Bibel von hier aus einer neuen Rechtfertigung fähig ist. Auf diese Frage antwortet unter voller Beherrschung der neuzeitlichen Diskussion und der jüdischen Quellen A. Altmann im neuesten Heft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. An gleicher Stelle findet sich eine «ehr interessante Untersuchung über die Frage, OD die Juden in dem Maße, wie man es neuerdings geglaubt hat, an der Entstehung und Entwicklung , des islamischen Bankwesens beteiligt sind. Der Münchner Professor der Volkswirtschaft i. R. A. Cohen, kommt in einer gründlichen, auch vom Orientalisten beratenen Studie zu einem, negativen Ergebnis. Sehr wertvoll ist die in dem gleichen Heft enthaltene Übersicht über neue Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutschland. Vom Alter jüd. Bildkunst. Mit Recht wendet sich neuerdings das allgemeine Interesse den Fragen der jüdischen Kunstgeschichte zu. Dabei ergibt sich, daß man sowohl den Umfang wie auch das Alter der künstlerischen Betätigung im Judentum erheblich unterschätzt hat. Einen wichtigen Beitrag zu diesen Fragen liefert die bekannte Kunsthistorikerin Dr. Ameisen (vom jüdischen Museum in Krakan). Sie weist auf einige Darstellungen in der berühmten Mailänder Bilderbibel hin, die seither jedem Erklärungsversuch getrotzt; haben. Sie bestimmt den Riesenvogel, den Fisch und den Stier dieser Abbildungen als die drei Tiere, aus welchen nach der Vorstellung jüdischer Apokalyptiker das messianische Mahl bereitet wird (der Fisch ist der Leviathan), und sie knüpft an diese überzeugende Entdeckung Betrachtungen über das Alter bildlicher Darstellungen zur Bibel, für welche sie auch die Ausgrabungen von 'Dura-Europas zu verwerten weiß. Man hat danach den Eindruck, daß apokalyptische Vorstellungen, die sich im ottiziellen jüdischen Schrifttum nur sehr schüchtern hervorwagen, das tatsächliche jüdische Denken im weiten Umfang beherrscht haben. Im gleichen Heft unterzieht der bekannte Kunsthistoriker Dr. Arthur Gaiüucr das Buch von Rahel Wischnitzer-Bernstcin, „Gestalten und Symbole der jüdischen Kunst"., einer im allgemeinen zustimmenden, aber stark vertiefender. Kritik. Auch der Aufsatz von Berthold Rosenthal über eine Wucherenquete in der Kurpfalz wird weite Kreise interessieren. Mit diesem Hefte schließt die MGWJ ihren 79. Jahrgang ab. Es ist ihr erneut gelungen, ihren Grundsätzen gemäß nicht"nur die strenge Wissenschaft zu pflegen, sondern auch dem Fernerstehenden reiche Belehrung auf allen Gebieten judischen Wissens zu spenden. Auch für den neuen Jahrgang liegen bereits Arbeiten von grundlegender Bedeutung vor. Man abonniert die „Monatsschrift", indem man MHgRfdflesoiicchaftzur-Förderung der Wissenschaft des Judentums"iu Berlin wird und den jährlichen Mindestbeitrag von RM. 10.— an die Gesellschaft (Postscheckkonto: Berlin Nr. 7030) sendet. Der Kedcm-Verlag und seine Neuerscheinungen. Zu Chauukka hat die insbesondere als Versandstelle hebräischer Literatur bekannte Verlagsbuchhandlung „Kedcm" in Berlin, die jetzt ihr 15jähriges Bestehen feiert, drei neue Jugendbücher in deutscher Sprache herausgebracht. Das dem Jugendbund „Habonim Noar Chalu/i" gewidmete Much „Die Vier von Kinnereth" enthält von Jaakow Simon aus dem Hebräischen übersetzte Erzählungen aus dem Leben der Kolouistenkinder im Emek; ferner ein „Lied an.Jarmuk und Kinnereth"'. in dem die Ausnutzung der Wasserkräfte zur Elektrifizierung Palästinas in kindtümiieher Form geschildert wiiü. Bernhard Qeln&rt, der dieses Buch mit zahlreichen Bildern geschmückt hat, ist auch der Verfasser und Illustrator der lustigen Erzählung „Die Jungen von ,Gusch'", die von dem Leben und Treiben im Ferienlager einer zionistischen Jugendgruppe und den Abenteuern eines der Jungen dieser Gruppe berichtet, der als Ausreißer aus dem Kinderheim, in das er gegen seinen Willen gesteckt wurde, den Weg zu seinen Kameraden im Ferienlager findet. Auf einen ganz anderen Ton ist die Erzählung von Leo Hirsch, „Das LichterTiaus im Walde", abgestimmt. Zwei Großstadtkinder erleben hier Sabbat und Chanukkafest in dem traditionserfüllten Haus einer jüdischen Familie auf dem Lande. Die Chanukkageschichte, die sie hier am festlichen Tisch hören, spielt, verwoben mit den Eindrücken der ländlichen Umgebung, auch noch in ihre Träume hinein. Neuersdiienene Bücher. Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser. Ausgabe Nr. 20! vom Dezember i935. Dt Manfred Sv.arscnsky. Das jüdische Jahr. Jüdische Religion - Gestern und heute. Berlin 1935. Verlag Ernst Köstenbaum. Jakob Wassermann. Josef Kerkhovcns dritte Existenz. 2. Band Berlin [1930]. ijudische Buch Vereinigung.) Max Samter, Das Erdbeben. Abenteuer einer Liebe. Eine Erzählung. Berlin 1936. (Vortrupp-Verlag.) Felix A. Theilhaber, Im Kampf um untt, Vcü; und Land. Geschichte der Juden in Erez Israel von 1300 v. Chr. bis 300 n. Chr. Berlin [193b]. (Verlag Kedem.) Egon Jacobsohn/ Leo Hirsch, Jüdische Mütter. Berlin [1936j. (Vortrupp-Verlag.) Sport vom Sonntag (Von unserem ständigen Berichterstatter Deka.) Im Leben ist nichts vollkommen, auch in unserem jüdischen Sportlehen nirht. Vorige Woche Vre: auf den beiden Pützen förmlich „Betrieh gros", der „Deka" zu einem hin und her reisenden und wahren „rasenden Reporter" werden ließ, und am letzten Sonntag mußten die Sportfelder dafür über Mangel an Beschäftigung klagen, denn „Bar Kochba" sowie „Schild" waren „auf Tour". Dem ersteren ist allerdings der Abstecher zum „J. S. K." nach Berlin nicht ganz gut bekommen, da sich von den drei Reisemannschaften nur der „Benjamin", die Ii. Ilandballelf, erfolgreich durchsetzen konnte, indem sie gegen die gleiche des Gastgebers mit 5:2 die Oberhand behielt. Die vor ihr rangierende I. Garnitur mußte wirklich das „Massel" und damit auch den Sieg den Berlinern überlassen. In den letzten 20 Spielminuten war sie derart überlegen, daß der Ausgleich förmlich in der Luft lag, aber es sollte nicht sein, „J.S.K." konnte mit 8:6 als glücklicher Sieger vom Platze gehen. Noch mehr Pech hatte die I. Fußballmannschaft, als beim Stande von 0:1 der Schiedsrichter ein von ihr einwandfrei erzieltes Tor wegen angeblichem Abseits nicht anerkannte, so daß sich die Hauptstädter mit diesem knappen Vorsprung auch die beiden Punkte sichern konnten. Ein alter Kämpe, Fritz Rotter, stand in Leipzigs Kasten, — wann zeigst du Jugend solchen Sportidealismus'«! „Schilds" I. Handballmannschaft warf dafür in Jena die nötigen Sonntagstore, mit 18:1 wurde die dortige „R. j. F."-Sportgruppe heimgesucht, es soll allerdings nicht verschwiegen werden, daß die unterlegene Maunschaft in ihrer Sportausrüstung tatsächlich noch in den