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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-07-14 · 28 (14.7.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
28 (14.7.1933)
Date
1933-07-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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22. 8.38. Auflage 4500 Stück (taeiuö cUatt DER ISRAELITISCHEN RELIGION SGEME/IN DE ZU I XII D7|^L AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I ■ Am I \7 DER GEMEINDEVERWALTUNOI Sehr if tl eitung : Gemeir.derabbiner Oustav Colin Leipzig. ,\ .iltcr Blümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Oenehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 28» Jahrgang 9 14. Juli 1933 Anzeigenannahme; U. Ooklfrtund, Leipzig O 5, Ckiiorius^traßc 2.1, Fernsprecher Nr. 60771. Druck: Druckerei iler Wfrkgtmeintch&ft, l.eip/ig Cl. Der „neue jüdische Mensch" Durch die Betrachtungen, mit denen sich der Jude in Deutschland gegenüber der neu entstandenen Situation Klarheit ZU schaffen iiuht, zieht sich überall die Erkenntnis hindurch, daB es gilt, einen Wandel zu schaffen, der in weitem Ausmaße eine völlige Abkehr von der früheren Haltung bedeutet. Die seelischen und die wirtschaftlichen Positionen, um die wir jahrzehntelang gerungen und die wir weitere Jahrzehnte eingenommen halten, sind erschüttert. Aufgabe des Tages ist es ZU verhüten, daß wir im Abgrund verkommen, eine neue, unsere Existenz sichernde Stellung zu beziehen. Iis wäre arge Selbsttäuschung, wollte man glauben, daß dies geschehen könne, ohne ein von Grund auf neues Fundament für diesen Neubau zu errichten. Eine ungeheure Fülle von Fragen bedarf der Lösung, wenn dieses Neue recht gefunden werden soll. Es liegt klar zutage, dal» dabei die Gestaltung der wirtschaftlichen Dinge fast noch mehr als die seelische Wiederaufrichtung erörtert wird: bei aller Hochwertung des Geistig-Seelischen im Judentum stand man immer fest auf dem Boden ,1er Wirklichkeit und wußte, daß, wie der alte Lehrer sagt, das Geistige nicht denkbar ist, wenn man hungert (im en kemach en tora). Auch der unerschütterte Optimist sieht, dal! es mit der Berufsschichtung, die eben ein Opfer des Ansturms geworden ist, bedingungslos ein Ende hat. Der weitblickende Jude weil! schon lange, daß es so kommen mußte. Schon vor Jahrzehnten ist auf die Gctahr der einseitigen Berufswahl immer wieder und mit immer verstärktem Nachdruck hingewiesen worden. Das ungesunde Drängen in die Großstadt, in die kaufmännischen und die akademischen Berufe mußte, von welchem Standpunkte aus man auch dazu Stellung nahm, als bedenklich erkannt werden; rein wirtschaftlich: es verleitete viele zu einer Berufswahl, lie verkehrt war und deshalb zur Prolctarisicrung führen mußte: polisch: es verhinderte die persönliche Fühlung mit weiten Schichten der chtjüdischen Umgebung und ermöglichte dadurch die lufizierung mit .irchaus falschen Vorstellungen über Juden und Judentum; und auch unter rein jüdischer Betrachtung: es lockerte, eben weil es in die iroßstadt führte, die engen Bindungen mit der jüdischen Gemeinschaft. So könnte man es last begrüßen, daß die Umschichtung, die freiwillig nicht durchzusetzen war, nun zwangsläufig erfolgen muß. Denn daß sie geschehen muß, vor allem für die nächste Generation unausweichliche Notwendigkeit geworden ist, stellt heute außer Zweifel. Doch mit welchem Ziele: das ist der weitere Komplex von Fragen. In der begreiflichen Erregung über den furchtbaren Angriff, dem das jüdische Leben ausgesetzt wurde, liegt es nahe, daß der Glaube an Lebensmöglichkcitcn für uns Juden in Deutschland schwere Einbuße erlitten hat; wird unsere Jugend ihre Zukunft noch auf deutschem Boden gestalten können? Wieder einmal, wie schon so oft in jüdi- ■ her Vergangenheit, müssen Tausende zum Wanderstabe greifen. Wohin? Aller Augen sind auf Palästina gerichtet, das Land, das aufnahmebercit und aufnahmefähig als Hoffnung winkt; nicht nur denen, die im Lande der Väter schon zuvor das Ideal erblickten, sondern such denen, die erst jetzt ein offenes Auge gewannen, und selbst denen, die nur eine Zuflucht suchen. Aber die Aufnahmefähigkeit Von Erez Israel ist, zumal dem ungestümen Drängen der nächsten Monate und Jahre gegenüber, begrenzt. Es müssen auch andere Möglichkeiten erwogen werden. Fragen über Fragen, die den Juden immer wieder beschäftigen. Es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn man bei alledem so oft mi dem „neuen jüdischen Menschen" spricht, der aus dieser Zeit hervorgehen muß. Das Gesamtbild jüdischen Lebens wird ein anderes sein; der Jude wird die handwerkliche Leistung anders einschätzen •ils im letzten Jahrhundert, wird ein neues Urteil über viele grundlegende jüdisch-politische Dinge vertreten; wird, aus seiner Sicherheit aufgescheucht, wachsam sein, wird eine Haltung gewinnen müssen, die jedem neuen Angriff gegenüber Stärke besitzt. Aber dieser „neue jüdische Mensch" wird, und das sollte in keinem Augenblick übersehen werden, nur dann bestehen, wenn er ■luch seelisch ein neuer sein wird. Er kann all den ungeheuren Anforderungen nur dann gerecht werden, wenn ihn eine innere judische Kraft befähigt, den Wandel zu vollziehen. Wie begreiflich es »st, daß der körperliche Bi-stand des Juden in den Sorgen des Tages in den Vordergrund gerückt wird: Voraussetzung für ihn ist und bleibt der der seelische Bestand. Neben die Fragen nach dem wirtschaftlichen tritt die nicht minder gewichtige nach dein seelischen Neubau. Mit ihr befaßt sich Martin Buber in einem „Unset Bildungsziel" überschriebenen Aufsatz in der „jüdischen Rundschau" (Nr.54vom7. Juli). In klarer Oedankenfolge entwickelt Buber den Begriff des Bildungszieles; davon ausgehend, daß Bildung eine Erziehung zu einem Bild bedeutet, das einem Volk oder mehreren Völkern in einem Zeitalter allgemeingültig als das des „rechten Menschen" vorschwebt, stellt er fest: „Das vom bewußten deutschen Volkswillen unserer Tage gesetzte BHdungsziel kann seinem Wesen nach nicht das ihre (der Juden) werden". Und zeigt nun, daß der Jude im Qrunde kein neues jüdisches Bildlingsziel i\\ suchen braucht, wenn er sich seelisch erneuern will. Es ist doch so, „daß wir ein Bildungsziel haben und es nur wahrzunehmen, es nur zu entdecken brauchen". Ober die Verfolgung dieses Bildlingszieles, das verwirklicht werden muß, wenn der seelische Bestand der Juden gewährleistet sein soll, und seine Bedeutung in unserer gegenwärtigen Lage führt Buher folgendes aus: I fiese Entdeckung kann nicht romantisch, sondern nur realistisch vollzogen werden, also vom heutigen Menschen und seiner Lage aus. Wir nehmen unser Bildungsziel wahr, wenn wir die gegenwartige Welt- Situation und uns in ihr wahrnehmen. Die Situation kann etwa dahin ausgesprochen werden, daß die Geschichte der Frdbcvölkcrung wieder „labil" geworden ist, und anscheinend labiler als je. Die „festen Verhältnisse", ilie vor zwei Jahrzehnten noch den einigermaßen gleichbleibenden Hintergrund all ihr wechselnden Ereignisse, Entwicklungen, Konflikte und Krisen abgaben, sind allesamt ins Gleiten geraten. Die „Sicherheit der Voraussetzungen", das Werk der von der französischen Revolution emporgetragenen bürgerlichen Gesellschaft, ist entschwunden. Der Mensch ist exponier t. Die exponierteste Menschensippe aber sind die Juden. Die bürgerliche (iesellschaft hatte ihnen um den Preis einer Selbstentäußerung, die zu Triumphen des individuellen QeistCS, aber auch ZU schweren typologischen Entartungen geführt hat, eine Sekuiität verliehen, die sich nun als eitel erweist. Am Juden entladen sich die Spannungen der Gegenwart, die äußeren und inneren, am Stärksten, sie drohen ihn zu zersprengen. Die Labiiitat geht ihm an den Kein des Wesens. Hier wird der Kampf des Menschen exemplarisch ausgefochten. Was wird daraus werden? Hier, wenn irgendwo, entdecken wir unser Bildungsziel, das Bild, das wir verwirklichen sollen. Es ist der der Situation an dem exponiertesten Punkt gewachsene Mensch. Ls ist der überwind e n d e Jude. Oberwinden aber können wir nur von einem Unüberwindlichen her, das der Labilität nicht Untertan ist, das von ihr nicht erfaßt werden kann, das ihr unbedingt überlegen bleibt. Einzig von den Urkräften seines jüdischen Daseins, von der Urvcrbundenhcit „Israels" hei untereinander und mit dem Ursprung, untereinander, weil mit dem Ursprung, wird der Jude auf bebendem Boden standhalten und sein hebendes Herz zur Ruhe bringen. Daß der jetzt heranwachsende Jude sich auf eleu Ui bestand seines geschichtlichen Wesens besinne und sich aus ihm neu aufbaue /u dein Menschen, der die Problematik der Gegenwart am exponiertesten Punkte bewältige, das ist das Ziel unseres Bildens, ihr jüdischen Erzieher auf deutscher Erde! Wir wollen ungespaltene, unbefangene, unabhängige Geschlechter erziehen. Wodurch sonst sollten sie es werden als durch die Wiedererweckung der Urkräfte in ihnen, durch die Wiederknüpfung der Urvcrbuiidenheit? Als dadurch, daß die Urkräfte ihnen normativ wurden und ihrem Lehen eine selbständige Ordnung spenden, daß die Urvcrhuiidenhcit ihnen fundamental wird und ihrem Leben einen unerschütterlichen Halt schenkt, eine Gewißheit, die nicht zerstört werden kann? Wir wollen ein neues Israel erziehen, das „mit Gottheit und mit Menschheit streitet und überwindet". Man frage nicht, iur welches Land wir erziehen wollen. Für Palästina, wem es das Land sein darf. Für irgendeine Fremde, wem sie das Land sein muß. Für Deutschland, wem es das Land sein kann. Es ist ein Bild, ein Ziel, eine Erziehung.

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