Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 25 (23.6.1933)
- Date
- 1933-06-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZV I 4"|D7|^L AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLIl Ll\7 DER GEMEINDEVERWALTUNG» Schriftleitung: Oemeinderabbiner Oustar Cohn Leipzig. Löhrstraße 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 25« Jahrgang 9 23. Juni 1933 Anzeigenannahme: E. Qoldfreund, Leipzig 0 5, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 607 71. Druck : Druckerei der Werkgemcinscluft, Leipzig C I Rabbiner Gustav Cohn. Dies über alles: sei dir selber treu Die Sonderstellung, die die Juden seit mehr als anderthalb Jahrtausenden einnehmen, hat da/u geführt, daß sich in ihrem kulturellen Leben, mehr als sonst geschah, die Einflüsse der Umwelt geltend machten. Bis auf wenige traten ja alle Völker in der gleichen Zeit in steigendem Malle in Beziehungen zueinander, so daß gegenseitiges Befruchten in geistiger und seelischer Hinsicht nicht ausbleiben konnte. Alle ernsten und vorurteilslosen Betrachter erkennen darin einen bedeutungsvollen Gewinn; denn Fortschritt und Bereicherung der kulturellen Güter wurden dadurch geschaffen. Weit inniger als unter den verschiedenen Völkern waren aber die Bindungen der Juden mit der Umwelt, in der sie lebten, und demgemäß auch die Einwirkungen, die den Juden immer wieder neue Werte nahebrachten. Wer den geistigen Besitzstand der Juden auf seine Elemente hin untersucht, begegnet auf Schritt und Tritt solchen Erscheinungen, die von dem uralten Geistesgut aufgenommen, verarbeitet und in den Bezirk jüdischer Anschauung so fest eingewiesen wurden, daß ihr fremder Ursprung oft genug nur schwer noch erkennbar wird. Darin liegt eine, vielleicht die wesentlichste Quelle für die ewige Jugend des Judentums. Wo immer die Berührung mit einer neuen Idee auftauchte, machten sich führende jüdische Geister daran, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie zu prüfen, ihre Übereinstimmung oder Abweichung gegenüber der jüdischen Betrachtungsweise zu erkennen; von ihr zu nehmen, was, unbeschadet dem jüdischen Denken, aufgenommen werden konnte, und umzuformen, was sich nicht ohne weiteres in das Lehrgebäude einfügte, aber doch mit ihm in Übereinstimmung ZU bringen war. Typische Beispiele dafür sind die jüdischen Religionsphilosophen des frühen Mittelalters, Saadja, Juda Halevi und besonders Maimonides. Ihre Schriften, zum Teil von einer eifernden Mitwelt nicht erfaßt, zeigen diese geistige Kraft, Gedanken, die Kheinbar mit altem Judentum nicht zu vereinen waren, eine solche Gestalt zu gehen, daß sie das Fremdartige einbüßten und nur noch als jüdische empfunden wurden und werden. Um Maimonides hat ein Jahrhundert lang ein Kampf getobt; schließlich aber wurde er eine der unbestrittenen Autoritäten innerhalb unseres Schrifttums. Dieser Prozeß der Einordnung neuer Geisteswerte reicht bis tief ins Altertum hinab (Philo) und hat sich bis in die Neuzeit hinein stets wiederholt. So blieb das Judentum lebendig, weil man es verstand, es mit jeder Zeit und den sie bewegenden Gedanken in Einklang zu halten. Wesentlich jedoch war immer, daß diese Auseinandersetzung Vom Judentum ausging, daß es ihr Selbstverständlichkeit war, die jüdischen Werte unangetastet zu lassen. Nie hätten sich die Männer, die sie durchführten, in den Sinn kommen lassen, auch nur einen wesentlichen Gedanken unserer Lehre preiszugeben. Und die gleiche l Inerschütterlichkeit der Stellung bewahrten die Juden auch, wenn das Ringen von außen aufgezwungen war. In jahrhundertelangem Kampfe hielten sie gegen die mit allen Mitteln, der Überredung nicht weniger wie des Zwanges, durchgeführten Bekehrungsversuche stand, weil es ihnen innere Unmöglichkeit war, tief verwurzelte Erkenntnisse zu lassen. Sie hatten ein klares Bewußtsein davon, daß die jüdische Lehre religiös und ethisch auf festem Boden steht, und waren von ihr so ehrlich durchdrungen und so tief erfüllt, daß sie jedem Angriff ihre tanze innere Festigkeit entgegenstellen und dadurch unbesiegbar bleiben konnten. Es ist ja wie ein weltgeschichtliches Wunder, daß die Avangsbekchrten Spaniens und Portugals, die Marannen, über Jahrhunderte hinweg ihre Zugehörigkeit zum Judentum bewahrten und heute in Scharen wieder offen bekennen. Diese tiefe Durchdrungenheit gab den Juden aber andererseits auch die Kraft, in allen Leiden der Jahrhunderte standzuhalten. Ja, diese Leiden haben immer wieder den jüdischen Willen angespornt und dem jüdischen Lehen neue Impulse gegeben. In Zeiten der Not sind die bedeutsamsten jüdischen Leistungen entstanden. Wie auf die Knechtschaft Israels in Ägypten der Zug zum Sinai, die Annahme der Lehre, folgte, wie die Niederschrift von Mischna und Talmud unmittelbar EHRFURCHT. Wenn in der Bibel Ehrfurcht gefordert wird, ist, da die Bibel diese Dinge aus unmittelbarem Erleben erkennt — stets Bezug auf Gott genommen. Wo Immer in der Bibel von Ehrfurcht die Rede ist, da wird gleichzeitig Gott genannt . . . Auch die Ehrfurcht vor dem, was um uns ist, wird im Judentum gefordert. Aus der Ehrfurcht vor Gott erwächst eist die Ehrfurcht vor dem Lehrer, dem Schüler, dem Genossen. Und welche Achtung genießt der Lehrer im Judentum! Er vermittelt den (ieist, und aller Cieist führt zu Gott. Es gibt ein köstliches Wort im Talmud. Rabbi Chanina sagt: „Vieles lernte ich von meinen Lehrern, mehr von meinen Genossen, am meisten aber von meinen Schülern." Wer selbst einmal lehrend tätig war in irgendeiner geistigen Arbeitsgemeinschaft, wer selbst einmal das Spiel von Frage und Antwort, das sich gegenseitige Steigern des Lernens erfahren hat, der wird den tiefen Sinn des Wortes begriffen haben. Die Weisheit, die hinführt zu Gott, adelt ihren Träger und macht ihn ehrfürchtig. Die Forderung der Ehrfurcht vor dem Geiste kann sich auch negativ ausdrücken: Ihi sollst Ehrfurcht haben vor dem, dem du Geist verdankst, ihn nicht verunglimpfen, nicht linehrbietig gegen ihn handeln! Du sollst auch Ehrfurcht haben vor anders gesinnten Menschen und vor dem, was du in fremdem Laude aufgenommen hast. Es hat dich emporgeleitet, so schmähe es nicht! Wieder sei hier ein Wort aus der Weisheitslehre der Alten erwähnt, ein Volkssprichwort: „In einen Brunnen, aus dem du Wasser getrunken hast, sollst du keinen Stein werfen." Prof. Julius Goldstein. durch die Unterdrückung seitens der Römer erfolgte, so geht in Spanien und in Deutschland das Aufblühen des jüdischen Geisteslebens mit den Zeiten aufgedrungener Selbstbehauptung einher; der Chassidisiiins entstellt als Folge eines durch äußere Verfolgung entstandenen Verfalls; und das schmachvolle Leben des Ghettos hat eine Steigerung der Intelligenz zur Folge, die, nach der Emanzipation, zu höchsten Leistungen auf allen Gebieten befähigt, in denen Juden sich betätigen können. Aber eines wird heute, unter dem ungeheuerlichen Wandel der letzten Monate, deutlich: den Juden — und das gilt nicht allein für Deutschland, sondern auch in manchem anderen Lande — ist im letzten Jahrhundert »1er Emanzipation in hohem Maße die Untermauerung ihrer Lebenseinstcllung mit jüdischem Wollen abhanden gekommen. Sie haben sich, wie in alten Zeiten und nun unter freieren Bedingungen erst recht mit einem wahren Heißhunger leidenschaftlich auf alles Neue gestürzt. Sie haben sich für Schopenhauer und Nietzsche und Haeckel begeistert, als deren Philosophie weitere Kreise gewann; sie haben sich begeistert für moderne Kunst und Literatur eingesetzt und haben den jungen politischen Bestrebungen mit aller Hingab« gedient. Aber sie haben, im Gegensatz zu alter Tradition, ihren jüdischen Ausgangspunkt, nicht bewahrt, sondern geglaubt diesen neuen Idealen ihr Judentum opfern zu dürfen, ja opfern zu sollen. Es war der große Irrtum dieses vergangenen Jahrhunderts, daß so viele meinten, durch Preisgabe des Eigenen am Judentum den letzten Rest von Vorurteil zu verjagen, das in früheren Zeiten die traurige Stellung der Juden bedingt hatte. Sie haben — gerade dies ist die so grausam erteilte Lehre dieser letzten Monate —, sie haben damit den Boden selbst unterhöhlt, auf dem sie hätten stehen müssen und auch jetzt IUI erschüttert stehen könnten. Und sie haben das Wesentlichste unterlassen, was die Stellung der Juden hätte festigen und sichern können: durch ein offen bekanntes und rückhaltlos gelebtes Judentum der Umwelt die wahren sittlichen Werte unserer Lehre zu zeigen. Die geistig führenden Juden früherer Zeiten haben sich auch in die geistigen Bewegungen ihrer Zeit ve-senkt, aber sie haben sich dadurch in ihrer jüdischen Überzeugung stärken lassen. Es war durchaus im Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!