Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 20 (19.5.1933)
- Date
- 1933-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELlülONSOEMEINDE ZU LEIPZIG 19. Mai 1933 Lehensgerechtigkeit Eine leidende Seele verletzt nicht und entzieh dich nicht einem, der zerschlagenen Gemütes ist. Errege nicht das Innere eines Zerknirschten und dem Bedürftigen versage nicht die Gabe. Sprüche Sirachs 42-3 Warum sollte Gort dir denn auch mehr geben, als dein nötiges Bedürfnis heischt, wenn Er damit dich nicht zum Verwalter Seines Segens für andere, zum Schatzmeister seiner Schätze setzen wollte? Jeder Pfennig, den du erübrigen kannst an deinen Bedürfnissen, gehört nicht dir, soll vielmehr dir Werkzeug werden, Segen zu spenden anderen, und du wolltest die Hand schließen, um das, was dein nicht ist? — Darum bezeichnen unsere Weisen gerne vorzugsweise diese Wirksamkeit des Wohltuns mit dem Vermögen, mit dem schönen Namen „Zedokoh". Es ist nämlich Zedokoh die Lebensgerechtigkeit, die jedem Wesen das spendet, was Gott für es in Anspruch nimmt. Samson Raphael Hirsch, Choreb. Das eigentümliche Ethos der jüdischen Zedakah, der Wohltätigkeit, die gar nicht als freiwillige Gabe, sondern als „Gerechtigkeit" empfunden wird, erklärt sich nur aus dem Gedanken, daß der reiche .Wann kein „Almosen" spende, sondern dem armen Bruder nur zu seinem Anteil an den Erdengütern verhelfe, der diesem von Rechts und von Gottes wegen zukommt. Isaak Heinemann, Zeitfragen. Das Sozialamt der Gemeinde. Die in den letzten Wochen, wie für die Juden in Deutschland ganz allgemein, so auch für zahlreiche Gemeindemitglieder eingetretenen Existenznöte haben Probleme aufgerollt, die nur noch durch planmäßige Bearbeitung gelöst werden können. Alle mit der Beratung von Glaubensgenossen befaßten Stellen: Fürsorgeamt, Gemeinderabbiner, Organisationen und viele ehrenamtlich tätigen Männer und Frauen haben sich in opferwilliger Weise der schier unübersehbaren Fülle der Einzelaufgaben unterzogen, uneigennützig bemüht, alle Ratsuchenden seelisch zu stützen und tatkräftig zu fördern. Die von Tag zu Tag wachsende Arbeit kann jedoch nur eine durchgebildete Organisation wahrhaft wirkungsvoll gestalten; sie ist vonnöten, um vor Zersplitterung zu bewahren und dadurch einer nutzlosen Verschwendung von Arbeitskraft vorzubeugen. Sie allein wird die Kraft erlangen, um in Jedem Falle das Zweckentsprechende und Sachgemäße durchzuführen. Daß sie erst jetzt errichtet wird, hat seinen inneren Grund: Ihr Aufbau hatte Erfahrungen zur Voraussetzung, die erst jetzt vorliegen; aus der bisher geleisteten Einzelarbeit konnten erst die Gesichtspunkte gewonnen werden, unter die die Einrichtung gestellt werden muß. Nun ist der Zeitpunkt gekommen. Wie sich die großen jüdischen Organisationen Deutschlands aller Richtungen und Parteien zum Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau zusammengeschlossen haben, so ist es gelungen, auch innerhalb unserer Gemeinde die Vereinigung aller Kräfte aus allen jüdischen Gruppen herbeizuführen und unter ihrer uneigennützigen Mitarbeit das Sozialamt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig zu errichten. Die Pläne, nach denen das neue Amt seine Arbeit gestalten wird, von Gemeinderabbiner Cohn ausgearbeitet, sehen Rat und Hilfe in allen den Fällen vor, in denen Juden durch die neu entstandene Lage plötzlich aus gesicherter Lebensbahn herausgerissen worden sind. Die Beratungsstunden des Sozialamtes werden im Gemeindeamt (Löhrstr. 10) völlig unabhängig vom Fürsorgeamt abgehalten. Der Landesverband Mitteldeutschland des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat seinen Syndikus, Herrn Sabatzky, die Zionistische Vereinigung Leipzig hat ihren Mitarbeiter, Herrn Dr. Fleiß, für die Abhaltung dieser Beratungsstunden in uneigennütziger Weise zur Verfügung gestellt. Die Beratungsstelle ist ab Montag, den 22. Mai geöffnet: Montag, Mittwoch und Freitag, 11—13 Uhr, für allgemeine Beratung, Dienstag und Donnerstag 15—18 Uhr für Beruftumschichtung und Auswanderung Das Sozialamt gliedert sich im besonderen in folgende Unterabteilungen : 1. Rechtsberatung: Arbeitgeber- und Arbeitnehmerfragen; Kündigungsschutz der Arbeitnehmer, Schiedsgerichte. Es wird auch Aufgabe dieser Abteilung sein, erforderlichenfalls Kollektivmaßnahmen bei Behörden, Verbänden und Firmen durchzuführen. 2. Berufsberatung: Die Abteilung steht zur Beratung in folgenden Untergruppen bereit: a) für freie Berufe, Künstler, Beamte; b) für kaufmännische Berufe: selbständige Kaufleute, Kleingewerbetreibende, Handwerker, Handelsvertreter; Angestellte; c) für Arbeiter (landwirtschaftliche, gewerbliche, Facharbeiter, Ungelernte, Hausangestellte: d) für Jugendliche, insbesondere Lernende. 3. Berufsumschichtung: Die Abteilung will überall da, wo ein Verbleiben in den bisher ausgeübten Berufen nicht durchzuführen ist, mit den Beteiligten die Möglichkeiten einer Berufsumschichtung herbeiführen und ihnen praktisch dabei die Wege ebnen. Auch die grundsätzlichen Maßnahmen der aus der Zeit gegebenen Berufsumschichtung sollen in Angriff genommen werden. 4. Auswanderung: Die Abteilung soll die für die Frage der Auswanderung in fremde Lander erforderlichen genauesten und zuverlässigsten Unterlagen beschaffen, um jeweils die Zweckmäßigkeit prüfen zu können. 5. Schul- und Hochschulfragen: Die Abteilung soll in Fragen der Unterbringung oder der Belassung von Schulern in den öffentlichen höheren Schulen, in Fragen, die die Volksschule betreffen. Rat erteilen; sie übernimmt gleichzeitig die Beratung von Studierenden betr. Fortsetzung und Abschluß ihrer Studien im In- und Auslande. 6. Hilfsfonds: Die Abteilung führt die Aufbringung der für die Arbeiten des Sozialamtes erforderlichen Mittel durch. Hierbei wird davon ausgegangen, da Ii Mittel des Gemeindehaushaltes nicht zur Verfügung gestellt werden können, da dieser durch die außerordentlich verstärkte Inanspruchnahme der Gemeindefürsorge eine weitere Anspannung nicht vertrügt. Es müssen demgemäß alle für die Zwecke des Sozialamtes erforderlichen Beträge durch Spenden aufgebracht werden. Es sei auf den an anderer Stelle des Gemeindeblattes veröffentlichten Aufruf verwiesen und auch hier nochmals die Bitte ausgesprochen: Tue jeder seine Pflicht, jeder nach seinem Vermögen: auch die bescheidene Gabe dessen, der nur sie zu geben vermag, wird nottun, um das Qanze gelingen zu lassen. Aus dem Gemeindeamt. Gottesdienste: Gemeindesynagoge. Sabbatgottesdienst: Freitag, den 19. Mai, Abendgebet 19 Uhr mit Predigt (Rabbiner Cohn); Sonnabend, 20. Mai, Morgengebet 9 Uhr, Nachmittagsgebet 20,25 Uhr, anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Cohn); Abendgebet 20,55 Uhr. Morgengottesdienst an Sonn- und bürgerlichen Feiertagen 7,30 Uhr, werktags 7 Uhr, Abendgottesdienst 19 Uhr. Gemeindesynagoge. Sabbatgottesdienst: Freitag,den26.Mai, Abendgebet 19 Uhr mit Predigt (Rabbiner Dr. Goldmann); Sonnabend, 27. Mai, Morgengebet 9 Uhr, Jugendgottesdienst 15,15 Uhr mit Predigt (Rabbiner Dr. Goldmann); Nachmittagsgebet 19,35 Uhr, anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Dr. Goldmann); Abendgebet 21,06 Uhr. Morgengottesdienst an Sonn- und bürgerlichen Feiertagen 7.30 Uhr, werktags 7 Uhr, Abendgottesdienst 19 Uhr. Ez-Chatm-Synagoge (Otto-Schillstr.) und Talmud Thora-Synagoge (Keilstr.): Freitag, den 19. Mai: Abendgebet 19,15 Uhr; Sabbat: Moreengebet 8,30 Uhr; Mincha 17 Uhr; Ausgang 20.55 Uhr. Wochentag: Morgengebet 7 Uhr; Abendgebet 19.15 Uhr. Personenstandsnachrichten. Oeburten: 27. April 1933 Moses Engel und Hinda geb. Führer, Nordstr. 36, einen Sohn. 6. Mai 1933 Jsrael Hasenlauf und Sophie geb. Kirschbaum, Kreuzstr.22, eine Tochter „Ruth". Barmizwa: Am Sonnabend, 27. Mai, Jack Weiser. Sohn des Herrn Siegmund Weiser und Frau Hanny geb. Kömer, Berliner Straße 60, in der Krakauer Schule (Berliner Straße). Todesfälle: 9. Mai 1933 Brande Spindel-Erdträchter, Elsbethstr. 10. Mai 1933 Mindel Isaak, Oerberstr. 5. 10. Mai 1933 Ferry Rolf Ardel, Lindenstr. 22. 10. Mai 1933 Max Joske, Ferdinand Rhodestr. 23. Vereinsnachrichten. Snif-Hechaluz, Leipzig: Berufsumschichtung für Jugendliche nach Palästina! Die Aufnahme in den Hechaluz findet am Sonnabend von 3—5 Uhr und Donnerstag zwischen 7— V,9 Uhr statt. Alle Auskünfte über Umschichtungsmöglichkeiten für Palästina werden während dieser Zeit bereitwilligst erteilt. An alle jüdischen Studierenden Leipzigs! Die Jüdisch-Akademische Gemeinschaft (JAO) zu Leipzig, die bisher vorwiegend als Wirtschaftsselbsthilfe-Organisation arbeitete und in dieser Eigenschaft, ohne Wert auf stärkeres Hervortreten in der Öffentlichkeit zu legen, einer ganzen Reihe von Studierenden an den hiesigen Hochschulen die Fortsetzung ihres Studiums ermöglichen konnte, sieht sich infolge der Ereignisse der letzten Monate vor neue Aufgaben gestellt. Insbesondere wird es in Zukunft ihr Bestreben sein, den jüdischen Studierenden mit beruflichem Rat und Auskünften über die Studienmöglichkeiten zur Seite zu stehen, um den Einzelnen tunlichst vor unzweckmäßigen Entscheidungen zu bewahren. Die JAG hält am Montag, den 22. Mai 1933, 20 Uhr s. t. (pünktlich!) im jüdischen Jugendheim, Elsterstr. 7, eine Mitgliederversammlung ab, zu der sie im Hinblick auf die große Wichtigkeit der zur Erörterung stehenden Fragen nicht nur das unbedingte Erscheinen jedes der JAG angehörigen Studierenden dringend erwartet, sondern zu der sie auch zugleich die geringe Zahl der ihr noch nicht angeschlossenen jüdischen Studierenden Leipzigs herzlichst als Gäste einlädt. Jüdische Mediziualpraktikanten, Referendare usw. sowie Alt-Akademiker sind ebenfalls gern willkommen. Es wird den einzelnen Mitgliedern der JAO zur selbstverständlichen Pflicht gemacht,jeden für die Teil - nähme in Betracht Kommenden eindringlichst auf den Besuch der Versammlung aufmerksam zu machen. Das Präsidium der JAG: Dr. Freudenthal. Mitteilungen des C.V.-Syndikats. Der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens empfiehlt dringendst, die Verbreitung unkontrollierbarer Gerüchte zu unterlassen, da sie außerordentlich gefährlich und schädlich ist. Die Verbreiter müssen damit rechnen, sich strafrechtlichen Verfolgungen auszusetzen. Gegenüber den in einer Reihe von Städten verbreiteten Gerüchten, daß die Arbeit des Centraivereins heute unterbleiben müsse, sei darauf hingewiesen, daß sowohl die Berliner Zentrale als auch die Leitung des Mitteldeutschen Landesverbandes und die Ortsgruppe Leipzig nach wie vor aufs stärkste bemüht sind, im Interesse der deutschen Judenheit zu wirken. Um die von der Krise Betroffenen zu beraten, wurde in einer großen Anzahl von Fällen Rat und Hilfe durch den Landesverbandsvorsitzenden und die übrigen Hauptvorstandsmitglieder, sowie die Syndici und die Vorsitzenden der größeren Ortsgruppen geleistet. Ohne Rücksicht auf die Vereinszugehörigkeit wurde allen denjenigen Rat erteilt, die sich an uns wandten, insbesondere wurde auf wirtschaftlichem Gebiet in den einzelnen Berufszweigen, eine sehr große Reihe von Auskünften erteilt. Die Geschäftsstelle des Syndikats des Centraivereins für Mitteldeutschland befindet sich König-Johann-Str. 17,1. Um die Situation in den einzelnen Orten festzustellen, wurden mit unseren Freunden Rücksprachen in 62 Ortsgruppen durch den Landet-