Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-03-24 · 12 (24.3.1933) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)

OCR text

9 entity mentions

27. 8.33. Auflage 4500 Stück foi^ \ ) > * DER ISRAELITISCH BN RELIGIONSGEMBINDE ZI/ I <|-|D7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I lLIV7 DER GEMEINDEVERWALTUN OB Schrlftlaltung: Gern ei nderabbl ner Gustav Cohn, Leipzig, i fihrstraBe 10 — Nachdruck nur mit Quallanangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Nummer 12 / Jahrgang 9 24. März 1933 Anzeigenannahme: E. Goldfreund, Leipzig 0 5, CIchorlusstraBe 3 a Fernsprecher Nr.80771 — Druck: Gebr. Gerhardt, Leipzig S3 Dr. BRUNO ALTMANN An der Quelle des Antisemitismus. Zu Lion Feuchtwanger's Roman: „Der Jüdische Krieg".*) In den Diskussionen zur Judenfrage, die Mommsen und Gustav Freytag mit antisemitischen Zeitgenossen führten, spielte das Problem eine Rolle, zu welcher Zeit eigentlich die „heutige Judenfrage" anhebe. Auf den Vorschlag Gustav Freytags einigte man sich auf die Antwort: Zur Zeit Neros. Also vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer. Lion Feuchtwangers Roman „Der jüdische Krieg" ist sozusagen die künstlerisch-philologische Rechtfertigung und spezifizierte Auseinandersetzung dieser Entscheidung. In dieser Zeit — das zeigt sich Zug für Zug im Werk — liegen eigentlich schon alle die Probleme vor, mit denen heute noch Völker zu ringen haben, die mit der Judenfrage nicht fertig geworden sind,. Die „Diaspora" im historisch festgelegten Sinn begann erst einige Jahre später, aber „zerstreut" in alle Ecken der Kulturwelt waren die Juden schon lango. Wo sie unter sich blieben, als Gemeinde, als ..Fremdstämmige" im freiwilligen oder auferlegten „Ghetto", entstand noch keine eigentliche Judenfrage. Es waren Ausländer, diese Juden, wie andere auch; der Einheimische beurteilte sie bei der vergleichsweison Abschätzung mit anderen günstiger oder ungünstiger, im übrigen wurde er mit ihnen nach den Methoden des Fremdenrechts fertig. Die Judenfrage entstand, in Rom wie überall, bei vorgeschrittener Assimilation, innerhalb von Rechtsverhältnissen, die den Juden gestatteten, Staatsbürger im Einwanderungslande zu werden. Das war in Rom vor und unter Nero durchaus möglich. Die von den Römerromanen, Römerfilmen und -Dramen nabegelegte Vorstellung: hier die Subura und die Katakomben als jüdisch-christliche Absiedlung, darüber hinaus die römische Bevölkerung, zwei abgegrenzte Menschengruppen, mißtrauisch und feindlich gegeneinander, ist auf die Zwecke der künstlerischen Milieuschilderung zugeschnitten, der historischen Wahrheit entspricht sie nicht. Das Staatsbürgerrecht zu erwerben, fiel den Juden nicht schwerer als den Angehörigen anderer unterworfener Völker und sie haben das Recht zu Anfang der cht istlichen Zeitrechnung bereits reichlich in Anspruch genommen. Sie sind in aiion Berufen erwerbstätig und überall ßtnll«n sie Prominente. Ein Name hat in Rom, nach dem Roman, besonderen Klang: der Name des Schauspielers Demetrius Liban. Man weiß, daß er Jude ist, aber niemanden ficht das viel an, er gilt als erster Künstler seines Fachs und am Hof hat er eine besonders gute Nummer. Sein Einfluß geht über das Künstlerische hinaus, auf seine Fürsprache bei der Kaiserin Poppäa werden sogar jüdische Sträflinge frei gelassen. Der jüdische Künstler als Favorit des Monarchen! Ein Kulturbild, das fast in allen Jahrhunderten deutscher Geschichte Wirklichkeit geworden ist. Die Herrscher mochten sonst vom antisemitischen Ressentiment stark erfaßt sein, vermochten sie es überhaupt, gegen ihre natürlichen Vorurteile anzukämpfen und hatten sie etwas für das Theater übrig, so pflegte ein künstlerisch begnadeter Jude ihr Lieblingsschauspieler oder Lieblingesänger zu sein. Friedrich der Große und der Mime Thalborg, Friedrich Wilhelm IV. und der Mime Stritzler, Ludwig II. und Joseph Kainz, ein seltsamer Freundschaftsbund, geschlossen vom König in „unbegrenzter Verehrung des Meisters", wie immer die Anerkennung von oben lautete. Liban, den hat es einmal wirklich gegeben, nicht den Demetrius Liban des Feuchtwangerschen Romans, wohl aber einen jüdischen Tenoristen an der Berliner Hofoper, Julius Liban, den berühmten Wagner-Sänger. Wilhelm I. und sein Sohn Friedrich III. hatten wenig für Wagner übrig, den Wagnerinterpreten Liban haben sie begeistert gefeiert, den Menschen Liban als „kaiserliche Freunde" hoch geschätzt Auch Wilhelm II. hatte seinen „Theaterjuden". Er hat ihn sogar entdeckt Bei einer Aufführung der „Meistersinger" in Karls ruhe fiel ihm der Interpret Walter v. Stolzings auf. In Berlin sprach er dann mit dem Intendanten der Königlichen Theater von diesem Jadlowker aus Karlsruhe, der wohl auch in Berlin gute Figur *) Der jüdische Krieg. Von Lion Feuohtwanger. Berlin 1932. Propylien-Verlag. 478 Seiten. Preis broeoh. 3,50 RM., geb. 5,— RM. machen würde. Jadlowker wurde telegraphisch engagiert, aber bald darauf — der Antisemitismus riß auf den Königlichen Bühnen ein — in unbedeutenden Rollen kaltgestellt. „Warum" fragto der Kaiser einmal, „singt eigentlich der Jadlowker so wenig?" Das genügte, um dem Tenoristen die große Karriere frei zu machen. Jadlowker war das Protektionskind Wilhelms und auch menschlich genoß er seine hohe Schätzung. Dem Demetrius Liban des Romans glichen die meisten dieser jüdischen Hoflieblingc darin, daß sie ihr Judentum im Glauben und Zusammengehörigkeits-Bewußtsein hoch hielten. Demetrius Liban, bereits als Römer geboren, ist schon sehr „westlich orientiert", aber Jerusalem bleibt seine Sehnsucht, eine Wallfahrt zum Tempel von Jerusalem das Bestreben, in dessen Erfüllung er den Gluckshönepunkt seines Lebens sieht. Von diesem Schlag waren Thalberg, Stritzler, Julius Liban, Jadlowker. Daß die Judengesetzgebung Friedrichs des Großen doch noch einen Aufstieg zur Toleranz nahm, allerdings einen recht geringen, ist dem Schauspieler Thalberg vielleicht in demselben Maße wie Moses Mendelssohn zu danken. Ein anderer Jude des Romans, freilich ein Ilalbjude, ist höher gestiegen als Demetrius Liban: Tiber Alexander. Er ist Generalgouverneur in Ägypten, ist Marschall des römischen Heeres, wird gerühmt als „erster Soldat" seiner Zeit. Die Beziehungen zum Judentum hat er innerlich und äußerlich ganz gelöst. Das Bewußtsein der jüdischen Abstammung ist ihm nicht gerade peinlich, aber es spornt ihn eher zur strengen Behandlung seiner Stammesgenossen an als zur milden. Er könnte für sie gegen die antijüdisch gesinnte Bevölkerung Ägyptens, die im „Bund der Weißbeschuhten" ihre Organisation hat, sehr viel tun. Er tut nichts für sio, bleibt vielmehr dem alten römischen Regierungsprinzip treu, unterworfene Völkerschaften möglichst unter Zwietracht zu halten, um sie so leichter beherrschen zu können. Er wirkt bei der Eroberung Jerusalems als Feldherr mit Den Tempel will er zwar schonen, aber das befürwortet er nur aus Gründen des römischen Kulturprcstiges, nicht etwa mit der Absicht, den Juden ihr höchstes Heiligtum, die sichtbare Stätte ihrer geschichtlichen Mission zu retten. Dio belagerten Juden Jerusalems selbst packt er desto grausamer an. Von ihm geht der Vorschlag aus, die Blockade zu verschärfen und die unter Hungcrqualen aus der Festung flüchtenden Juden ans Kreuz zu schlagen. Jerusalem fällt, der Tempel wird zorstört, die Stadt dem Erdboden gleich gemacht; er läßt alles gewähren und hilft als „erster Soldat" im Dienste Roms bei allen Aktionen mit. Auch er, dieser Tiber Alexander, ist eine Figur von geschichtlicher Wahrheit. Abtrünnige Juden, Männer von halbjüdischer Herkunft, als Bundesgenossen der Judenfeinde, sie sind geradezu ein Glanz- und Kernstück in der Geschichte des Antisemitismus. Es ist ihnen selten, vielleicht niemals, gegeben worden, mit Feuer und Schwert gegen ihre Stammesangehörigen zu wüten wie der Marschall Tiber Alexander, aber könnten sie es, sie hätten wahrscheinlich keine Bedenken gehabt, das Werk eines Tiber Alexander durchzuführen. Die problematischste Gestalt des Romans ist Joseph Matthias, die Hauptfigur des Werkes. Unter dem Namen Flavius Josephus unsterblich geworden, ist er vielleicht auch die problematischste Gestalt seines Zeitalters gewesen. Er ist als Romanheld von den Kritikern, als historische Persönlichkeit von den Geschichtsschreibern festgelegt worden auf die Formel: mit dem Herzen war er Jude, mit dem Kopf war er Römer, seine Tragödie war, daß er mit beiden nicht fertig wurde und ihn selbst niemand recht verstand. Diese Formel wird dem Sachverhalt nicht völlig gerecht. Jude ist er freilich ganz gewesen, dem Judentum bleibt er innerlich zugetan in alle Not und Gefahren hinein. Er hat sich als Theologe tief eingelebt in die historische Mission des Judentums und ist ein echter Priester der Verkündigung So worden: „Höre Israel, dein Herr ist ein einiger, einziger Gott", lies, was sich iu diesem Glauben bekennt, liegt ihm näher am Herzen al6 alles, was außerhalb steht Seinem Naturell ist der Fanatismus /.war fern, aber er stellt sich rücksichtslos in den Dienst der Fanatiker, die den Glauben an die religiöse Mission Israels fördern, auch derjenigen, die diesen Glauben mit der jüdisch-nationalen Idee verknüpfen. Drei Männer dieses Formats haben in Cäsarea gegen die römischen Gesetze gefrevelt und müssen das im Kerker von Rom lebenslänglich büßen. Joseph Ben Matthias, mit Amt und Titel eines „Priesters der ersten Reihe" in Jerusalem, fährt nach Rom, um ihre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.