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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-10-21 · 42 (21.10.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
42 (21.10.1938)
Date
1938-10-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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UND NMCHNCHTENBUOr DER6EMBNDEVERWAK LEIPZIG ABGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS PÜRVOIKSAUFKIÄRUNG UND PROPAGANDA BETR.ltBERWACHUMG PER GEISTIG UND KULTU REIL TÄTIGEN JUDEN IM DEUTSCHEM REICHSGEBIET 21. OKTOBER 1938 26.TISCHRI 5699 14. JAHRGANG NUMMER 42 Das Unverlierbare Die Auflösung dessen, was einmal jüdisches Gcmcindclebcn, jüdisches Kulturschaffen in Deutschland geheißen hat, gellt mit jedem läge weiter, und nach dem (ieset/. vom Fall um so schneller, je tiefer der Fall ist. Fs gibt heute keinen Juden mehr unter uns, der, wie es noch vor ein paar Monaten möglich schien, wenigstens noch für seinen eigenen Lebensumkreis, für sich selbst und seine engste Familie, für sein Geschäft und seine Tätigkeiten) eine Art Privatinsel geschaffen hatte, auf die er sich vor dem Zeitgeschehen und seineu Konsequenzen zurückzog, steh dorthin zurückziehen zu können glaubte wler doch vorgab, es zu können. Gerade diese Alt Menschen ist es aber, die heute unter dieser Auflösung ein Chaos verstehen; sie tun alles, was ihre Familie und sich selbst in einem anderen Lande in solche Lebensumstände bringen soll, die sie allein für wünschenswert halten, aber sie vergessen über dieser Sorge für sich selbst und die Ihren sehr oft völlig, daß das jüdische Schicksal kein Linzelsehicksal, sondern das einer Gemeinschaft ist. Von dieser Gemeinschaft her gesehen, gibt es in der Liquidation des Judentums in Deutschland srhr Vieles, was sich unter die Begriffe Auflösung und Liquidation nicht einordnen läßt. Man kann einen Haushalt auflösen, ein Geschäft verkaufen, ein Büro schließen, man kann von der Berufstätigkeit zu einer Art Rcntnertum kommen, wenn das gesparte, erworbene oder ererbte Vermögen oder die in langen Arbeitsjahrcn verdiente Pension dazu ausreicht. Jüdische Gemeinden können ihre Gebäude und Grundstücke verkaufen, Synagogen zumachen und die Torarollen einer anderen jüdischen Gemeinde schenken, Schulen, Versorgungshäuser schließen oder zusammenlegen. Das alles ist Liquidation. Das ist die anständige Lösung und Abgeltung von Verbindlichkeiten, bei denen kein Gläubiger auch nur einen roten Heller einbüßt. Aber darüber hinaus gibt es Werte im j ü d i s c h e n G e m c i n d e I c b e n , die wir nicht liquidieren können, weil sie nicht abzuschätzen, nicht einzutauschen, nicht zu ändern und darum auch nicht zu verlieren sind. Schon die Erinnerung an die Tatsache, daß die zusammengeschmolzenen jüdischen Gemeinden bei ihrer Auflösung ihre Torarollen einer Schwcstergcmeindc schenken, ist ein Gleichnis für dies Unverlierbare. Menschen können sterben, wegziehen, auswandern, der Name einer alten jüdischen Gemeinde kann erlöschen, aber ihre Torarollen leben in der Hut anderer Juden weiter, ein Sinnbild der Gesetzestreue und mit ihr aller jüdischen Lebenswerte. Wir, die den Gottesnamen nicht aussprechen dürfen, und selbst die erlaubten Bezeichnungen noch umschreiben, wir, in denen tief die Scheu davor wurzelt, uns für Geistiges ein körperliches Bild zu machen, wir haben unsere Vorstellungen von den Werten des Menschlichen im allgemeinen und des Judentums innerhalb dieser Werte zu der einzigen Sinnfälligkeit gesteigert, die wir uns erlauben, die wir von einander fordern: zur Tat. Wir Heimatlosen mitten zwischen den Völkern, die Heimat, Staat und Reich haben, wir haben uns den unerschütterlichen Halt geschaffen, an den uns die Toraroüen erinnern, den sie nicht etwa verkörpern: Heiligtum. Auf ihn weist alles, was wir in der Tora von Israel und seiner B<y rufung lesen. Auf ihn weist aber auch der walte Gruß „Sehalom", der viel mehr wünscht als nur den Frieden, der in sich die Forderung enthält, selbst wahrhaft „im Bilde Gottes" zu leben und die Einheit des eigenen Daseins mit dem Schöpfer und seiner geschaffenen Welt durch unser sittliches Verhalten zu erreichen, zum mindesten und zunächst einmal für uns selbst und unser Judentum, für das wir verantwortlich sind. Die Gegensätze in jedem einzelnen, der Streif zwischen dem Jez.cr hatow und dem Jezer hara, dem guten und dem bösen Trieb, vollzieht sich an jedem Tag neu in uns. Der Egoismus möchte uns dahin bringen, daß wir, wie die bekannten kleinen chinesischen Plastiken von den drei Affen, Augen. Ohren, und Mund zuhalten, nicht weil wir „nichts Böses sehen, nichts Böses hören und nichts Böses reden" möchten, sondern weil wir uns überhaupt vor allem zu verschließen trachten, was über unser persönliches Geschick und seine Lösung hinaus Kräfte von uns verlangt, zu gehen und zu leisten. Es ist ein schlimmes Zeugnis für das sinkende Verantwortungsgefühl unserer Mensehen — mag man auch noch so viele gute Entschuldigungen dafür anführen, wenn man Leute mit befriedigter Miene feststellen sieht, daß sie ihre Affidavit, ihr Zertifikat, ihr Pernüt in der Tasche haben; sie sehlagen sichtbar vor unser aller Augen die Türe hinter sich zu, und die Judenfrage existiert nicht mehr für ife. Dabei sind gerade sie es, an denen sieh die unverlierbaren Werte des jüdischen Weltbilds erprobt haben, gerade sie erfahren, wie die Bande der Familie noch weit entfernte Verwandte zusammenhalten und hilfsbereit machen, wie der SL'gcn dafür, daß wir Juden die Familie immer als solch ein Unverlierbares heilig gehalten haben, sich nun an ihnen neu auswirkt. Und die nicht mit Hilfe von Verwandten über See gehen, die nach Ercz Israel kommen, wird sich denen nicht bei jeder wohlgebauten Straße, bei jedem fragenden Feld und Garten der Beweis aufdrängen, daß hier Chawerut, das jüdische Gemeinschaftsgefühl, der jüdische Wille zur Verantwortung d.iN jetzt Bestehende geleistet haben, daß fortwährend der Jisclniw, um seiner Verantwortung gegenüber der Not unseres Volkes willen, die Türe für andere, die noch kommen sollen, offen hält? Was können wir also tun, damit unser Verhalten während der Liquidation nicht in Gegensatz zu der großartigen Haltung der anderen gerät, die für uns leisten und uns helfen? Wir können Juden sein, wie unsere Geschichte, unsere Lehre und Lehrer jüdisches i ebensollen darstellen und fordern. Wir hätten es leicht, wenn wir uns nur nicht von der Fülle der persönlichen Sorgen, den Verlockungen eines ungesunden Egoismus blenden ließen. Denn schon jeder Schritt im jüdischen Alltag ist von der Möglichkeit zu einer Mizwah gesegnet und hat davon sein Regulativ. Jedes jüdische Fest strafft die Bindungen in der Familie und in der Gemeinschaft, (ierade wir Juden in Deutschland erfahren die Notwendigkeit dafür, daß ein jüdisches Wir existiert, täglich in unseren Sorgen. Aber dieses Wir ist nicht nur dazu da, daß wir selbst es brauchen, sondern daß wi r uns von ihm brauchen lassen. Der wäre kein Jude, dem das Geben nicht immer vor dem Nehmen stünde, und je ärmer einer ist, um so mehr drängt es ihn zum Helfen — der jüdische Osten ist ein erschütterndes Beispiel dafür. Wir Kinder eines Volk*, das eine soziale Gesetzgebung schon erhielt, ehe es noch in dem Lande war, in dem sie sielt auswirken sollte, wir, die wir unter dem Leitwort „Wenn ihr in das Land kommt ..." in der Wüstenwanderung vom Egoismus weg erzogen wurden, wir dürfen beim Suchen nach Brot, Beruf, Arbeitsplatz in neuen Grenzen den Blick zu den Sternen nicht vergessen, nicht, daß es neben dem Schwankenden das Unverlierbare gibt, neben der Selbstsucht noch immer neu die Liebe. Martha Wertheimer. Unsere Gemeinde f ünf Jahre Handelsbank Iwria. In dieser Woche jährt sich zum fünften Mal der Tag, an dem die Handelsbank Iwria, e.G.m.b.H., ihre Schalter geöffnet hat. Aus kleinsten Anfängen heraus hat sich das Institut zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor im Leben unserer Gemeinde entwickelt. Der Umsatz des letzten Geschäftsjahres beläuft sich auf über RM. 100 Millionen. Dieser beachtliche Geschäftsumfang hat es der Bank gestattet, zahlreicher, jüdischen Gewerbetreibenden mit Krediten zur Verfügung zu stehen und manchem sogar die Fortführung seines Geschäftes zu ermöglichen. Auch noch jetzt, in diesen schweren Tagen, ist die Bank eine wertvolle Stütze des jüdischen Geschäftslebcns. Der heute noch vorhandene große Einlagenbestand ist ein Zeichen des Vertrauens, das die Bank bei allen Kreisen unserer Gemeinde genießt. Dem Aufsichtsrat gehören an: die Herren Dr. Conrad Goldschmidt, Dr. Lehrfreund, Dr. Brande, Martin Einschlag, Willy Hofstein, Kurt Jacoby, Erich Kaufmann, Edward Lewinsohn, Berthold Levy. Der Vorstand besteht aus den Herren Werner Lieberg, l>r. Zander, Werner Leschziner. — t

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