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Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1938-07-08 · 27 (8.7.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt und Nachrichtenblatt der Gemeindeverwaltung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
14 (1938)
Issue
27 (8.7.1938)
Date
1938-07-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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UND NACH WCHT ENBIATT DER 6EM EIN DEVERWAL^ UN6 DER ISRAELITISCH EN REUGIONSGEM El N PE ZU LEIPZIG ANGEMELDET BEIM SONDERBEAUFTRAGTEN DES REICHSMINISTERS 1KSAUFKIÄRUNG UND PROPAGANDA BETR.QBERWACHUN6 DER GEISTIG UND »REUIGEN JUDEN IM DEUTSCHEN REICHSGEBIET 8. JULI 1938 9. TAMUS 5698 14. JAHRGANG NUMMER 27 L Kreindler (Berlin): Judische Auswanderung In früheren Jahrhunderten und auch noch vor Jahrzehnten bereitete die Auswanderung, auch wenn es sich um eine größere Gruppe von Menschen handelte, keine besonderen Schwierigkeiten. Die Länder der Erde waren dünn bevölkert, und die meisten von ihnen waren über den Zustrom neuer Menschen höchst befriedigt. Man fragte nicht nach den Berufen der neuen Einwanderer, sie waren überall willkommen, wenn sie entschlossen waren, sich den Gesetzen der Länder anzupassen und ihren Unterhalt durch die Arbeit ihrer Hände zu verdienen. Erst in neuerer Zeit entstanden in den überseeischen Staaten die Beschränkungen der Einwanderung, und man fing an, sich gegen die Vermehrung der Bevölkerung durch Zuwanderung mit drakonischen Gesetzen zu schützen. Unter solchen Umständen mußte naturgemäß auch der stärkste Auswandcmngswille sich den Gegebenheiten angleichen. Die Schwierigkeiten der Einwanderung wurden nach dem Kriege noch wesentlich größer. Wenn es in den letzten Jahren den Juden in Deutschland gelungen ist, dennoch einen verhältnismäßig hohe n Prozentsatz der auswanderungsfähigen Menschen auch tatsächlich zur Auswanderung zu bringen, so ist dieses Ergebnis, wenn man es im Lichte der bestehenden Verhältnisse betrachtet, keineswegs zu unterschätzen. Daß es dennoch nicht voll zu befriedigen vermag, ist eine ebenso feststehende Tatsache. Bei den Juden besteht ein so starker Wille zur Auswanderung, diese Entschlossenheit erfaßt so weite Teile der jüdischen Bevölkerung, daß eine sehr erhebliche Diskrepanz zwischen Auswandcrungswille und E i n - w ander ungsmöglichkcitcn entstanden ist. Augenscheinlich ist mit der Zeit nicht nur die Bereitschaft auszuwandern bei den Juden in Deutschland gewachsen, sondern auch die Neigung, den Aufbau einer neuen Existenz in anderen Ländern so schnell wie möglich durchzuführen. Dabei muß dieser Wille in Widerstreit mit den Einwanderungsbestimmungen zahlreicher Länder geraten. Hat man in einem ganz konkreten Falle einen Juden zu beraten, so entdeckt man sehr bald, wie wenige Länder es gibt, die grundsätzlich für die Einwanderung in Frage kommen. Jedoch auch solche Staaten, die sich nicht im Prinzip gegen die Zuwanderung sperren, lassen den Einwanderer nur unter Bedingungen zu, die außerordentlich schwer und dann auch nur mit Opfern an Zeit erfüllbar sind. Mit anderen Worten bedeutet das, daß die Planung jeder lünzclwanderung eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, daß die Formalitäten nicht von einem Tage zum anderen erledigt werden können. Hierzu kommt für uns Juden noch eine ungünstige Bern fssc Ii ichtung, die einen Teil unserer Menschen vermehrten Schwierigkeiten bei der Durchführung ihrer Auswanderung aussetzt. Bestünden die meisten Juden in Deutschland, soweit sie noch nicht ausgewandert sind, aus Handwerkern, dann wäre eine Steigerung <ler Auswanderung unschwer zu erzielen. Wir müssen uns jedoch mit der Tatsache abfinden, daß ein großer Teil der Juden den freien Berufen angehört und daß für diese eine geringe Aufnahmebercitschaft in der Welt besteht. Hier greift nun die Berufsuni Schichtung ein, die ihrereits die Aufgabe hat, die Auswanderungsaussichten großer Kategorien von Menschen zu verbessern. Will man jedoch die berufliche Ausbildung so gestalten, daß die Auswanderer eine Chance mitnehmen, in ihrem neuen Berufe zu bestehen, dann dürfen die Kurse nicht uif wenige Monate beschränkt sein, es muß eine Berufsausbildung vermittelt werden, die den Einwanderer auch tatsächlich konkurrenzfähig macht. iK-n dabei entstehenden Zeitverlust müssen wir in Kauf nehmen, wenn wir das Resultat der ganzen Auswanderungsbewegung nicht gefährden wollen. Es gilt, unter allen Umständen die Erfahrung zu beachten, daß «•ine unvorbereitete sprunghafte Auswanderungsbewegung die Gefahr von Rückschlägen in einem so hohen Maße in sich schließt, daß dadurch die l>urclifuhrung des Gesamtproblems leiden müßte. Will »lan demnach die Auswanderungsbewegung in Fluß erhalten und das Problem einer endgültigen Lösung zuführen, dann muß man vor einer klaren Einsicht nicht zurückschrecken. Wir sagen das denjenigen Juden, die völlig berechtigt mit aller Energie eine Beschleunigung der Auswanderung verlangen. Im Grunde brauchten solche Forderungen an uns von den auswanderungsbereiten Juden nicht gestellt zu werden, weil wir selbst die gleiche Auffassung vertreten. Auch wir sind der Meinung, daß eine Beschleunigung und Intensivierung der Auswanderung außerordentlich notwendig ist. Wir haben es jetloch mit einer Frage zu tun, die mit dem Gefühl allein nicht gelöst werden kann. Es gilt auf diesem Gebiet sich an die Erfahrungen und an die Praxis zu hatten und sich dessen bewußt zu bleiben, daß der mühsame Weg, wenn er methodisch gegangen wird, die Sicherheit des Erfolges verbürgt. Es darf auch nicht vergessen werden, daß nicht mir die Einwanderung selbst schwierig ist, sondern daß schon der Auswanderer sehr verwickelte wirtschaftliche und Transferfragen zu beachten hat, die sich beschleunigend oder verzögernd auswirken können. In früheren Jahrhunderten gab es in der Welt viel weniger wirtschaftliche Probleme, während wir gegenwärtig bei allen mit der Auswanderung zusammenhängenden materiellen Fragen außerordentlich komplizierte Verhältnisse vorfinden. Diese spielen insbesondere bei der Auswanderung älterer Menschen eine große Rolle. Für unsere jüdische Bevölkerung, deren Altersstruktur ebenso ungünstig ist, wie ihre berufliche Schichtung, sind das Fragen, die nur unter genauester Beachtung der vorhandenen Gegebenheiten gelöst werden können. Man muß dem Juden dieser Tage die vorhandenen Bedingungen vor Augen führen, wenn man ihm verständlich zu machen hat, weshalb es den jüdischen Organisationen nicht gelingt, die Auswanderung in einem noch schnelleren Tempo durchzuführen, als dies bisher schon geschehen ist. Freilich ließe sichdas Ziel, die a u s w a n d e r u n g s - fähigen Teile der Juden in Deutschland in andere Länder zu verpflanzen, innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes reibungslos durchführen, wenn es gelänge, diejenigen Länder, die für die Aufnahme von Juden in Betracht kommen, zu einer wesentlichen Lockerung der Ein wand e r II n g s b e - Stimmungen zu veranlassen. In diesem Sinne haben wir unausgesetzt die Aufmerksamkeit auf die Möglichkeiten gelenkt, die uns tatsächlich eine Verbesserimg der Auswandcrungschancen zu bieten schienen. Wir haben nach der Planung gerufen, wir haben die Einbeziehung aller Formen der Auswanderung verlangt und wir haben mit unausgesetzter Energie zur Ausnutzung aller Einwandcrungsmöglichkeiten geraten. Wo sich nur eine offne Graue zu zeigen schien, haben wir den Juden die Chance gewiesen, und manchem wollte es schon scheinen, als seien wir geneigt gewesen, die Schwierigkeiten zu unterschätzen. Gegenüber dem starken Atiswanderungsbedürfnis der Juden erweist sich jedoch die Ausnutzung auch der bescheidensten Möglichkeiten als dringend geboten. Wir glauben aber, daß die Zeit jetzt gekommen ist, um u f s neue den Versuch zu wagen, eine Beschleunigung in der Durchführung der Auswanderung der Juden aus Deutschland zu erzielen. Mehrfach wurde in der jüdischen Öffentlichkeit auf die Konferenz von Evian hingewiesen, in der die wichtigsten Überseestaaten die organisatorischen und finanziellen Möglichkeiten des Wanderungsproblems prüfen wollen. Wir unterstreichen die Auffassung, daß eine Lösung der Frage ohne besondere Schwierigkeiten gelingen kann, wenn die überseeischen Staaten für eine gewisse Zeit ihre Einwanderungsbestimmungen so weit lockern, daß die Unterbringung der Juden, die noch in Deutschland vorhanden sind, in einem Zeitraum von wenigen Jahren sich abzuwickeln vermag. Die Länder, die für die Einwanderung in Frage kommen, sollten überlegen, daß die neuen Einwanderer ihre Arbeitskraft und Energie mitbringen und daß viele von ihnen ihrem neuen Wolmlande auch wirtschaftliche Vorteile zu bringen vermögen.

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