Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 45 (9.11.1928)
- Date
- 1928-11-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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lahrganl Nr. 45 9. November 1928 divii3j us laHHMioenoiouafl löMaüfnjaAHfti aaa I der Jsr&elitiscken Amtliches Htchrichiehbli V^r GettieiMcLeyerwtltHtf '. Ii I .Ii Äe J iglongqz fffc indz (CK 1/4 Kg \ *• Genioinceblatt erscheint wBchnntlich am Freitag. 41 aaltaiiadan der Religionsgemeinde wird ea unatgsltllih durch die Post zugestellt. Bezug ipreij (ür niehraiitglieder monatlich 60 Pfennige, i Anxeigenaonahme: N Telehar, Glockenatraoe 11, Telephon 14449. Schriltleitung: Gemeiaderabb. GwaUkt Qonn, Leipzig, LBhrstr 10. Telephon »641. :: Druck und Ve-lag; W. Teicher. Leipzig, Glockenstr. II, Telephon 14449. Anzeigenpreise; Die 4 gespaltene mm Zeile 20 Pfg. Familien- und kleine Anzeigen 10 Pfg. Umschlagseiten n.id'Teztinaerate nach beaond. Tarif. - Für den Inseratenteil : J, Kühne. BauhBfstr. 9 (Telephon 14449) Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Namen dea Verfaaaers erscheinenden Beilrage und die V« einsnachrichten nur die preBgesetzItclie Verantwortung. Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung des Verfsssers gestattet. Theodor Mommsens Stellung zum Judentum Die 25. Wiederkehl von Theodor Mommscn's Todestag (1. November) ruft die Erinnerung an einen Streit wach, um eine Aeulierujlg des großen Historkers, der ein Herold der HtllMtlität und der Freiheit war. Ein aus dem Zusammenhang gerissenes Wort Mommsens in seiner „Römischen Geschichte" (III. 549): „Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und ,1er nationalen I)ekomposilion", ein Wort, von dem es durchaus noch nicht feststeht, ob es Mommsen dam tls in tadelndem Sinne gebraucht hat, wurde seit Beginn der antisemitischen Bewegung von unseren Gegnern in gehässigster Weise gegen die Juden autgebeutet Da trat nun Mommsen in entschiedener Weise für die Juden ein. Schon im Sommer 1880 schrieb er seine kleine Broschüre: „F.in Wort über unser Judentum". Diese Schrift halte ein eigentumliches Schicksal: sie brachte die Antisemiten in helle Wut, denn Mommsen hatte den Kern der ganzen Frage getroffen; wenn er sagte: „Das ist der eigentliche Sit/ des Wahnes, der jetzt die Maaten erfallt hat Was heiß! das, wenn Trdttchke von unseren israelitischen Mitbürgern fordert, sie sollen Deutsche werden? Sie nd es ja so gut wie er und ich." Sie vermochte aber trotzdem auch die Juden nicht ganz ZU befriedigen, denn zum Schlüsse machte ihnen Mommseen einfach den Vorschlag, den tausendjährigen Kampf dadurch zu beendigen) dafl sie ihn- Sondersrl aufgeben und die Taufe annehmen sollen, da das Wort ,.' In istenheit" immer loch das ein/ige sei, welches den ( haraktcr der heutigen internationalen Zivilisation zusammenfaßt und in den Millionen und Millionen sieh angefunden als Zusammenstehende auf dem völkerreichen Erdball." Die treffendste Antwort auf diesen Rat hat damals unser unvergeßlicher Moritz I azarut in seiner keile »Unser Standpunkt" gegeben. Die berühmte Notablcn-Frklärung vom 12. November 1SSII hat, Theodor Mommsen verfallt. Und auch in den folgenden Jahren hat er jede sich darbietende Gelegenheit benutzt, um seinen Abscheu vor dem Antisemitismus freimütig auszusprechen. Fr war eines der ersten Mitglieder des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" und bat stets Juden zu seinen IJebUngtschQlern gezahlt Als Hermann Hahr im Jahre IS'II auf die Idee kam ,die führenden Geister der Zeit über ihre Stellung zum Antisemitismus ZU interviewen, kam er auch zu Mommsen, und die Erklärung, die der große Historiker ihm damals gab, ist so charakteristisch und bedeutungsvoll, daß sie im vollen Wortlaut hier wiedergegeben werden muß. Mommsen sagte wortlich: „Sic täuschen sich, wenn Sie glauben, daß ich da was ausrichten kann. Sic tauschen sich, wenn Sie glauben, daß man da überhaupt mit Vernunft etwas machen kann. Ich habe das früher auch gemeint, und immer und immer wieder gegen die ungeheure Schmach protestiert, welche Antisemitismus heißt. Aber es nützt nichts. Es ist alles umsonst. Was ich Ihnen sagen könnte, was man überhaupt in dieser Sache sagen kann, das sind doch immer nur Gründe, lo, gisclle und sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen I laß und den eigenen Neid, auf die schändlichsten Instinkte. Alles andere ist ihnen gleich. Gegen Vernunft, Recht und Sitte sind sie taub. Man kann nicht auf sie wirken. Was soll man auch lauem sagen, der dem „Rektor aller Deutschen" folgt? Der ist nicht mehr zu retten. Gegen den Pöbel gibt es keinen Schutz — ob es nun der Pöbel auf der Straße oder der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Linterschied: Kanaille bleibt Kanaille, und der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille. Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wie die ( holera — mau kann ihn weder erklären noch heilen. Man muß geduldig warten, bis sich das tiift von seiher austobt und seine Kraft verliert. Und das kann doch jetzt nicht mehr so tern sein. Endlich muß sieh die Pest ja doch einmal erschöpfen, uml über Ahlwardi hinaus, noch weiler. kann sie doch nicht mehr steigen. Vielleicht kommt jetzt langsam die Wendung zur allmählichen Besserung. Befreiung und Gesundung. Vielleicht verschwindet der Wahn, der so viele Gemüter bet&rt und unsere ganze Kultur um hundert Jahre zurückgeworfen hat Aber alle Gründe und die betten Argumente lu llen da nichts. Wer Gründen und Argumenten zugänglich ist. der kann ja Überhaupt gandchl Antisemit sein. Wer aber nur seinein wilden HassC gegen Bildung, Freiheit und Menschlichkeit folgt, den werden lieweise nicht bekehren. Der Antisemitismus ist nicht zu widerlegen, wie keine Krankheit zu widerlegen ist Man mufl geduldig warten, bis die im Onindc doch gesunde Natur des Volkes sich von selber aufrafft und den faulen Stoff aus sich wirft. Freilieh kann man dietiesunduiig vielleicht beschleunigen und fördern, wenn mau ihr die Unterstützung moralischer Kräfte gewährt. Und da habe ich schon lange einen Gedanken, der mir wirksamer als llirc Enquete erscheint. Was soll man Ihnen Neues gegen den Antisemitismus sagen? Und wenn man etwas fände, was würde es nützen? Alle Mittel der Vernunft wirken da nicht, aber das Gewicht großer Namen, die Autorität würde vielleicht wirken. Den einzelnen bort man garuicht an, aber eine internationale Frklärung könnte sich doch Achtung erzwingen. Wenn man einen kurzen Protest gegen den Antisemitismus verfassen würde, der in ein paar Sätzen die bekannten Gründe wiederholte und von allen irgendwie bedeutenden Männern Furapos unterschrieben wäre, ob sie nun zur Wissenschaft oder zur Kunst oder zu Politik gehören, von den geistigen Edelleuten aller Linder und Völker — das, denke ich, könnte seine Wirkung nicht verfehlen. Da wäre ich voller Begeisterung dabei... Das brächte am Ende viel-