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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1928-04-01 · 14 (1.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
4 (1928)
Issue
14 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Mit GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSOEMEINDE, LEIPZIG t%t miw Ii .% Ii? it? Pianistin und DIplom.Musikpadagogln AI AI 1 «ll l\ iS' LivlaalraDe 9 - Pernspreeh-Nr. 21412 Ausbildung im M'!LAYllKiHSPl!K!L bis zur höchsten Vollendung (Methode: Pwf. T«l*mftllti Einzelunter licht — Ensemhlespiel — Vorbereitung für Konservatorium und Konzertsaal l\ L ASS I \L!\Ti;Hlil( II I . Sprechsiuiiüe lür hla\hTstudh i t i.tlr: täglich 2—3 Uhr *m Feuilleton |->»ffi*v!v| Bilder vom jüdischen Leben aus einer kleinen Stadt in Polen I. Der Cherem „Warum laufst Du denn so außer Atem?" fragte eine I ran mit einem großen Fisch unterm Arm ein junges Mädchen. „Ach, Resele, um Himmels Willen halten Sie mich nicht auf, ich will noch zur Hochzeit." „Deswegen jagst Du so? Den Fisch, den ich da trage, mÜB man noch kochen. Es sind noch gut einige Stunden Zeit." „Nein, Resele, die drei Töchter von Reb Joske sitzen schon fein geputzt auf der Veranda und leuchten durch die ganze Straße." Und fort war sie. In dem Stadtchen war ungewöhnliches Leben. Bürger gingen, der Hochzeit beizuwohnen, und das Volk lief, die Trauung zu sehen. Unter den Gestalten ragten zwei Männer besonders hervor: Reb Salmen, ein hoher breiter Jude, ein tüchtiger Jünger der judischen Wissenschaft und angesehen bei seinen Mitbürgern, und Reb Leb, der Feldscher, der ein/ige Doktor des Städtchens, auch geschätzt und angesehen. Seine zwei Söhne waren Chaluzim und waren in einer nahen kleinen Stadt mit Feldarbeit beschäftigt. — Es war eine sehr schöne Hochzeit. Der Rabbiner erfüllte die religiösen Forderungen und traute das Paar. Dann ging er heim, und die Gesellschaft setzte sich zu Tisch. Es traf sich so, dall Reb Leb und Reb Salmen neben einander zu sitzen kamen Reb Salmen war ein heißer Jude. Als man ihm überbrachte, dall die Söhne von Reb Leb den Sabhath entweihten, tat ihm das sehr weh, und er freute sich über eine Gelegenheit, et offen Mitzusprechen. Reb Leb. das hörend, geriet außer sich. Er sprang auf und rief: „Sie sind ein Lügner." Auch Reb Salmen erhob sich und wiederholte fest : „Es ist wahr." Jetzt konnte der Feldscher sich nicht mehr halten und Btiefl nach dem Herzen des hohen, breiten Mannes und dieser (vielleicht weniger infolge der Stärke des Stoßes, als weil es so plötzlich und ungeahnt kam) fiel nieder und blieb wie tot liegen. Alle erhoben sich und umringten den Liegenden. Der Wirt schrie: „Morder! Wie konnten Sie unsere Freude stören." Man brachte den < »inmächtigen zu sich und trug ihn nach Haus, aber die Gesellst halt konnte sich nicht beruhigen Die ganze Nacht durchwachte man in der Stadt und die Straßen waren voll Menschen; so unerhört war allen eine solche Tat. Reb Leb selber war es trauriger zumute-als seinem Gegner; mit gewaltig schwerem Herzen ging er nach Hause. — — Was hat ein Stoß so Großes zu bedeuten? In einer Welt, wo jeder von allen Seiten gewaltige Stöße bekommt, ist das eigentlich garnichts. Aber Vogel, die Kundige, hat zu ihrem Enkelkind gesagt: „Mein Kind hüte Dich vor jedem noch so kleinen Unrecht, denn mit etwas Rechtem rechnet man sich gewaltig auch für das Geringste, fiewiß ist der Stoß eine Kleinigkeit gewesen, aber gewaltig ist dafür abgerechnet worden." Am anderen Morgen, als der Raw in das Bethaus kam, fand er es gedrängt voll. Alle waren in höchster Aufregung und verlangten von ihm, daß er über den Schläger den Cherem ausspreche Er konnte «ich kaum erwehren und sagte endlich: „Ich bitte Euch, quält mich nicht; ich habe das niemals getan und werde es niemals tun. Ich mache solche Sachen nicht." Als sie sahen, daß nichts zu machen war. sagten sie: „Wenn so, dann gehen Sie in Gottes Namen nach Hause, beten, denn, wie Sie sehen, wird heute hier nicht gebetet." Der Raw ging nach Hause, und die Leute hielten nun ein ganzes Kriegsgericht ab. Sie wählten drei Männer aus und verlangten von ihnen, daß sie den Cherem aussprechen gegen den Juden, der die Hand gegen seinen Nächsten aufgehoben hat und ihn hätte erschlagen können. Die drei Männer bestiegen die Bimah. Sie [ragten die (.lenieinde, wer gegen das Verhängen des Chcremt sei. da aber keiner sich rührte, riefen sie den ('.herein aus. Die Stadt glich an diesem Tage einem Bienenstock. Kein menschliches Wesen betrat dieWohming der unglücklichen Familie. Kein Krämer kein Bäcker, kein Fleischer verkaufte ihnen etwas oder beantwortete ihre Fragen. Der Zustand war unerträglich. Reb Leb, der gehört hatte, daß der Raw gegen den Cherem war. ging am Abend zu ihm, seinen Rat zu erbitten. Der Raw aber sagte: „Ich stelle auch unter demselben Zwang, wie alle und darf eigentlich mit ihnen nicht reden." (Er sprach mit ihm abgewandt, von unter der vorgehaltenen Hand). „Aber ich meine", fuhr der Raw fort, „daß das Ihre Strafe ist, weil Sie keinen Doktor hier zulatten. Man muß gestehen, daß Sie selbst ein guter Doktor sind. Wenn aber eine Wöchnerin krank wird, wissen Sie nicht immer, was zu tun, und man muß einen Arzt von weit holen. Das kann aber nicht jeder, und manchmal ist keine Zeit dazu da. Wenn es bei Armen trifft, muß man oft die Kranke /um Doktor fuhren, und das ist doch lebensgefährlich. Darum nehmen Sie sich vor, daß das nicht mehr sei« soll. Den Cherem Ihnen abnehmen kann ich nicht, weil ich ihn nicht verhängt habe, aber wenn Ihr ihnen sagen lasst, daß Ihr tun werdet, was sie von Euch verlangen, kann ein Mittel gefunden werden." Wieder versammelten sich alle in der Synagoge. Man ließ zwei Rabbiner von anderen Städtchen kommen und das Urteil fiel folgendermaßen aus: „Der Feldscher soll alle Kosten für die Heilung des (ieschlagenen zahlen; 20(1 Sloties soll er für Arme geben und soll auch die Auslagen für die Rabbiner erstatten." Reb Leb willigte ein, und der Cherem wurde widerrufen. „Was sagen Sie, Reb Mosche?" fragte ein Mann, zwar auch im langen Rock, aber doch schon von etwas modischem Aussehen. Es war der Danziger Kaufmann, der den größten Teil des Jahres im Auslande zubrachte. „Sie sind doch auch ein Talmudgelehrter vom alten Schnitt, aber das müssen Sie doch gestehen, daß solche asiatischen Sitten nicht mehr passend sind für unsere Zeit." „Vor allem biete ich Ihnen Scholaum Mechern, sagte Reb Mosche, sind Sie denn dabei gewesen?" '„Nein, ich komme jet/t gefahren." Reb Mosche war einer der größten (ielehrten der Stadt. Er war in Königsberg gewesen und hatte dort ein ganzes Jahr studiert. Plötzlich war er zurückgekommen, hatte wieder den langen Rock angezogen und hat sich mit ganzer Kraft auf das Studium der Thora geworfen. Dabei war es geblieben. „Ich kann mit Ihnen nicht übereinstimmen", sagte er. „Ich finde nicht, daß das asiatisch ist. Ich sehe in der Sache den Ausdruck eines starken moralischen Volkswillens, der bei sich kein Unrecht leiden will und daß er durchgesetzt werden kann im fremden Land, wo wir keine Gendarmen haben und nicht die geringste politische Macht, ist ein großer Beweis für die Kraft dieses Willens. Und wieder, daß ein rechtlicher Mann, wenn er hört, daß seine Kinder der Sabbathentweihung beschuldigt werden, sich so vergessen Vann, eine* Schlag zu geben, ist ein Beweis, daß der Glauben stark ist in seinem Herzen. Und darum sage ich Euch, der liehe Herrgott kann zufriedea sein mit seinem Volk, Er hat gewußt, wen Er zum Gottesvolke bestimmte." — — Einige Monate später war ich in dem Städtchen. Es war ein Festtag und Reh Salmen, frisch und gesund, hat vorgebetet. Reb Leb ist aber doch zum Beten gekommen, ganz wie früher. Am Ahend ist Reb Salmen zum Raw gekommen und dieser sagte: „Es ist einer Größe von Reb Leb, daß er zu uns in die Synagoge kam, trotzdem Sie am Vorhetertische standen." „Bin ich ihm denn Feind", rief Reh Salmen; „möge es mir sein, was ich ihm wünsche." Damit war die Sache abgeschlossen und war wieder Frieden im Städtchen. —

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