Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 5 (2.2.1928)
- Date
- 1928-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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4. 3abrgana, l)r. 5 3. Tebruar 1928 «ttteitWat dzr Jer&elitischen Ani4-UcKe$ HtchrichieHhildt 'hJtr CeMetHcleyerw^lfuff Hz l iqiongqziffzincle $U Ätl^tq CixtAiar fcf OM Gern-, .'etlatt »scheint wöchentlich am Freitag Den Mltgliefern der Religionsgemeinde wird es un- >n gt'tilch diich die Post zugestellt. Bezugspreis Hb Nirhlmitglieder monatlich 60 Pfennige. An7finen«nnahme V. rech«*, ülockenstrafle 11. Telephon 14449 Schnftleituriq: Gemeinderabb. Gustav Cohn. Leipzig. Lohrs;:, 10. Telephon 29641. :: Druck und Verlag; W Teicher, Leiprig, Glockenstr. 11, Telephon 14449. Anzeigenpreise. Die 4 gespaltene mm-Zeile 20 Pfg. Familien- und kleine Anzeigen 10 Plg. Umschlagselten und Teztinserate nach beaond. Tarif. - Für den Inseratenteil: J. Kühne Bauhof:»; 9 fTelenhon 14449V Die Schriftleitung übernimmt für die unter dem Nauen des Verfassers erscheinenden Beitrage und die Ver einsnschrichten nui die preBgesetzhche Verantwortung Nachdruck nur mit Quellenangabe und Genehmigung des Verfassers gestattet. Martin Buber Eine Erinnerung zu Von H er tu ii n J a c obso it. seinem SO. Geburstage CO. Februar) 'm leuchten Qrau eines Leipziger Novembermorgens hatte mir die Freundin auf dein Wege zur Bibliothek erzählt, sie habe auf dem literarischen Abend von Frau Dr. Porges einen „Menschen" kennengelernt, keinen „Tetem" etwa, nein einen A. F. Diese Ausdrücke aus Visehers Auch Finer waren unser Schiboleth. — Fr sei ein Student, käme von Wien, wo er im Qriensteidl mit Bahr, Schnitzler, Beer verkehrt habe, ja er kenne sogar den Verfasser der unter dem Namen Morren erschienenen Gedichte, es sei ein gewisser 1 lotmannsthal. Der liebe Kömmllng heilte Buber. sie brächten ihn zum Sonntagspaziergang mit, und wir wurden und mussten Freunde werden. Eifrig hatte sie gesprochen und Wärme in den grauen Fag gebracht. Nun sali ich schon lange über meiner Arbeit in der Bibliothek, ermüdet von all den staatsrechtlichen Streitigkeiten, holte ich mir wie gewöhnlich zur Erfrischung den bestellten Band des I leiligcnlebens von Voragine. Als ich den schweren, übergroßen Folianten auf meinen Platz legte, traf mich ein Atlgenbütz des Gegenübers. In der Versunkenheit des Lesens hatte ich seiner nicht geachtet, jetzt gewahrte ich, dall er im gleichen Werk wie ich las, einem der vielen Bände dieser reichsten aller christlichen Legendensammlungen, Seltsam, hier Sailen sich zwei Juden einander völlig fremd gegenüber, in einer ganz, von Naturalismus und Materialismus erfüllten Zeit, in einer schon damals vor lauter Hast des Verkehrs kaum noch erträglichen, mechanisierten Welt. Wir waren beide jung, der Körper meines Gegenübers erschien geradezu noch knabenhaft zart Studenten und Legenden, es ist kaum ein guter Keim. Das war meine erste noch anonyme Begegnung mit Martin Buber; schon am nächsten Sonntag erfuhr ich, wie viel Gemeinsames wir hatten. Denn er kam und nur wenige Worte von ihm, ruhige, sanfte unter uns Aufgeregte und er war ein Freund im Freundeskreis. Wir waren vier, fünf Menschen schon seit einigen Jahren verbunden, mit einander verwachsen; das neue Reis, etwas schnell und vielleicht zunächst nur oberflächlich aufgepropft, gedieh. Die meisten von uns waren deutsch-jüdischer Herkunft, einer war lutherisch, und wandte sich im Maunesalter zur Urkirthe zurück. Gerade ihm blieb Buber ununterbrochen und innig nahe. Keiner von uns hat ihn je immer und ganz verloren. Er war der jüngste von uns, aber ich darf wohl sagen, er hat jedem von uns gegeben. Niehl von dem Reichtum seiner Reife, die eine Welt genoß - ich spreche von dem köstlichen Zusammensein im Frühling. Ich sehe sein Studentenzimmer vor mir, das hohe Bücherregal mit seinem bunten Reichtum: gewichtige, ernste Philosophen, vor allen Dingen die damals modernen Psychologen Bein. Wundt, die Soziologen Will und Spencer. Qedichte, Dramen des Naturalismus, Gehirnanatomien und Märchenbucher. IM* alles Stand wohl auch bei uns, vielleicht nicht in so reicher Auswahl, aber ein jeder von uns hatte) dergleichen Neigungen, wohl las auch jeder von uns nach Nietzsche oder Karl Mar\, Ostwald, Windscheid oder Wundt oft noch irgend eine Bibelstelle. Daß ich es offen gestehe, nicht aus I i im i [keil und auch nicht mit fromm hingegebenem Gefühl. Wir lasen die Bibel, wie wir Goethe lasen, aber Goethe war uns naher. Nur bei Buber lag noch ein Foliant, wie keiner von uns in seiner Art ein Buch kannte: ein Midrasch. Seltsam wieder: Zwei zwanzigjährige Juden um die Jahrhundertwende, beide i nkel von Midraschgelehrten, die beide ihren Oroßvätern die ersten Kenntnisse und vielleicht die letzten Erkenntnisse dankten, die zum ersten Mal bei katholischen Heiligenlegenden geistige FQhhffig genommen hatten, hier konnten wir uns nicht finden, hier folgte ich ihm nicht. Und Martin Buber überredete mich nicht. Lr wußte wohl, was später Qustat Landauei schrieb: „Weitaus mehr aber sofern es da ein Mehr gibt als ('hamisso der FranSEOSe ein deutscher Dichter war. bin ich, der ich ein Jude bin. ein Deutscher". Ich ei innere mich nächtelanger Unterredungen, abei nicht eines Bekehrungsversuchs. Lh wußte, daß schon da mal; eine Liebe dem ChassidismiU galt, dali er vor e uer deutschen Fakultät mit einer Arbeit übet ihn zu promovieren gedachte. Aber seine Liebe hat Wärme, keinen Eifer. Im Freundeskreise und unter vier Augen gal es häufig Debatten: wir waren jung und ich personlich wenigv..... im Augenblick leicht lützig, von ihm kann ich mich eines scharfen Wortes nicht entsinnen. Er hat mir wohl als der erste Sigwarts Logik empfohlen, aber er selbst weist ka.iui eine Spur von Dialektik auf. Fr kann streng, abgeschlossen sein, aber nie -pitz. nie höhnisch. Er ist beredt und sprachgewaltig wie selten einer, aber kaum witzig. Seine Satze sind MeUxlien, diäe aus dem Herzen oekmmn. und von der Intuition gezeugt wurden, und seine Gedanken sind von der Anschauung geboren; Buber haftet ebensowenig an Erfahrung .statte heu, es seien denn die des Innenlebens, wie er aus der verdünnten Luft einer transcendenten Begriffswelt auf der steilen Treppe logischer Schlußfolgerungen in die Wirklichkeitswelt herabsteigt. Er redet gern