Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 45 (11.11.1927)
- Date
- 1927-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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HIIIINIIIIIHHIHinillHinillHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIllllllllllllltlllllllllllllllllllll inHHHinilHUIIUItllllllllllUIIHIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIItllllllll iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiliiuiiiiiiiii iiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiinini= Feuilleton IIIIIIIIIIIIHHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII lAIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIItllllllllllllllllllllllllltllUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIli Di» geduttlte Seel« Von Nad Mizwoh ... und Josef kommt in das fremde Land unter fremde Menschen. Und dennoch: erleichtert atmet er auf: hier darf er sich freier fühlen als dort — doft in dem Lande, das er verließ, das andere ihr Vaterland nennen dürfen... Aber er wira jäh aus seinem Frohgefühl gerissen. Feste Hände pakken ihn und geleiten ihn zurück, dorthin, von wo er fliehen mußte: Führen ihn durch Felder und Wiesen, vorbei an Ochöften und Wirtschaften. Dort ist ja auch der alte jüdische Friedhof, der soviel unglücklichen Menschen einen ersten Frieden, eine bleibende Ruhe gegeben hat. Ein bohrender Schmerz peinigt ihn: Soll auch mir Friede und Ruhe erst werden, wenn man mich dorthin tragen wird? — Er ficht seilte Begleiter an: Führt mich nicht in diese irdische Hölle zurück. Ich will lieber hier sterben als dort weiter leben! — Seine Augen fangen an zu brennen, kalter Schweiß bedeckt sein Gesicht, seine Füße zittern, er taumelt, weift nicht mehr, wo er steht, sein Körper bricht zusammen--- Als er erwacht, redet einer seiner Begleiter freundliche Worte zu ihm, indem er ihm Stärkendes und Erfrischendes darreicht. Schließlich lassen sie ihn allein: er möge gehen, wohin er wolle... Er kehrt nicht in das Land zurück, das sein Menschentum nicht achtete. — ■*■ Im neuen Lande, in der neuen Stadt geht er zum Gotteshause. In der Macht dir in ihm wogenden Gefühle möchte er zu seinem Gotte beten. Unter fremden Menschen weiß et sich heimisch in diesem Einen; es sind die gleichen Gebete, die gleichen Töne, in denen sie und er ihre Not und ihren Jubel, Ihr Hoffen und ihr Zweifeln in Worte klei. den. — Das Gebet Ut beendet. Langsam entfernen sich die Beter. — Sie sind wohl fremd liier, fragt einer der Männer Josef, der noch zögert — Ja, antwortet er kurz. — Und gedenken Sie länger hier ztl bleiben? Josef ist verlegen: fühlt denn der Mann nicht, was ihn bedrückt! Was kann er ihm antworten! Weift er denn selbst, wie sein Schicksal sich weiter gestalten wird? — Doch die Verständnislosigkeit des Mannes peitscht ihn weiter: Haben Sie Verwandte hier am Orte? Haben Sie schon Wohnung? haben Sie schon ... Nein? Dann seien Sie heute mein Sabbathgast! — Wie eine Erlösung klingt ihm die Einladung: es schlägt doch ein jüdisch fühlendes Herz iu dieser Brust.--' Sie treten in das Haus. In ihn zieht eine beglückende Ruhe ein: Sabbathkerzen! Ein jüdisches Haus! — Doch ein Wort schrillt an sein Ohr, das ihm fast das Herz zerspringen macht; der Mann spricht zu seiner Frau: ein Flüchtling, ein Mizwoh. Wie eine Nadel sticht das Wort In sein Ohr. Mizwoh!? — Mehr empfindet fler Mann nicht als den Oedanken: eine Mizwoh!? — Weiß nichts von seinen seelische» Leiden? Hat kein Verlangen, kein Bedürfen, ihm in diesen seelischen Nöten mitfühlender Freund zu sein? Sind es denn seine persönlichen ^eiden--leidet er nicht als Jude, um seiner Glaubensgenossen willen — — und muß sich als Flüchtling, Mizwoh bezeichnen hören.-- Wir sind ja im Grunde, so sagt ihm eine innere Stimme, alle Flüchtlinge; hetfte — Ich! und morgen: wjr weiß.... Wer hafs ihm fesagt? Es war im Sommer neunzehnhundertvierzehn. Die Menschen waren matt von der brennenden Hitze. Nur die Kinder waren frisch; spielend lärmten sie auf den Straßen... Am Horizont zog eine Wolke herauf; anfangs kaum bemerkbar, verdunkelte sie mehr und mehr die Eide... »Mi j»r. strsft»« «tehen die Mens heu im erregten Gespräch: Rußland" mobilisiert, es ruft sein Volk auf, um das Vaterland zu verteidigen... Rot schreien die Bekanntmachungen von den Häusern. Das eine Wort beherrscht die Oemüter: Mobilisation! Die Gesichter werden ernst: ob es wirklich zum Kriege kommen wird?... ' Auch Chajim den Choßid packt die Sorge. Der Rebbe ist noch nicht aus dem Bade heimgekehrt: wenn wirklich Krieg werden sollte! ob er noch rechtzeitig zu den Seinen ko inen würde?... Zwei Tage darauf hört Chajim der Choßid, als er ins Beß hamidrasch (Lehrhaus) geht, Soldatenlieder singen; oh, sagt er: wirklich Krieg! Und der Rebbe noch immer nicht da! Wer weiß, wie lange er nicht wird zu seiner Gemeinde kommen können! Er ist tief bedrückt. Ihm geht die Sorge des Rebbe durch den Kopf, der zu seinen Freunden mö:hte, aber außer Landes gehalten wird; es bereitet ihm Qual, daß die Freunde ohne den verehrten Meister beten, daß sie nicht das Wort der Lehre aus seinem Munde vernehmen sollen. Plötzlich geht ein Leuchten über seine Züge: in Radom wohnt des Rebben Sohn; bei diesem wird er weilen! Die Sorge ist von ihm gewichen; Tag für Tag erwartet er die Botschaft, daß der Rebbe in der Nähe ist und morgen, heute eintreffen wird... Auch diese Erwartung, die ihm soviel Beruhigung gegeben hat, bricht eines Tages zusammen. Als er aus dem Beß hamidrasch nach Hause geht, begegnet er einer Gruppe von Fremden in erregtem Gespräch. Was er hört, bricht ihm das Herz; er muß die Augen schließen, als könnte er den furchtbaren Anblick von sich weisen, der sich ihm aufdrängt. In Radom klopfte es mitten in der Nacht an die Türe des Hauses, wo der fünfunddreißigjährige Sohn des Rebben wohnte; beim dürftigen Schein einer kleinen Kerze saß er über einen Talmudband gebeugt. Gerade las er jene Stelle von R. Akiba, der einem seiner Leidensgenossen antwortete: Wenn wir unseres Lebens nicht sicher sind, solange wir uns in unserem Elemente aufhalten, d. h. uns mit unserer Thora beschäftigen, wie erst ohne unsere Thora? In diesem Augenblicke schreckte ihn der rauhe Ruf des Soldaten aus seinem Sinnen: „Offne, Jude!" Er öffnete, eiu Wirrwarr von Kosaken fiel über ihn her; ehe er erfassen konnte, was sich abspielte, war er ergriffen, aus dem Hause geführt und wurde mit noch zwei Juden nach dem Walde geschleppt Frauen und Kinder schlichen dem Zuge nach: sie ahnten Unheil. Jammerschreie drangen durch die Finsternis, als immer klarer die Gewißheit wurde; man rief um Gnade, man flehte um Erbarmen, das Bitten wurde zum rasenden Toben, wie das Toben des Wahnsinns. Dann wurde es einen Augenblick stille: alle waren wie gelähmt, denn sie fühlten, daß nun doch das Grausige geschah: und von drei Bäumen hörte man in die dunkle Nacht hinein das „Schma Jisroel"... und bei „Echod" ward es ganz stille... Drei unschuldige Opfer hatten ihren letzten Atem ausgehaucht... Der Wind zauste an ihren Barten und Schläfenlocken... Am nächsten Tage waren die Kosaken aus der Stadt gezogen... Schwarze Trauer und drei heilige Gräber hatten sie den Juden zurückgelassen... Chajim der Choßid kann sich kaum fassen. Wo ist der Rebbe!? Wer kann ihm das Furchtbare bekannt geben!? — Wenige Tage vergehen. Da kommt die Kunde, solange ersehnt und nun gefürchtet: der Rebbe ist nahe; nachdem die Heere sich zurückgezogen haben, durfte er heimkommen. Chajim der Choßid wagt nicht, den Rebben zu begrüßen, wie sehr er auch seine Rückkehr herbeigewünscht hatte. Früher ab man erwartet hatte, vollzieht sich die Ankunft des Rebbe. Seine Verehrer stehen, zum Empfange bereit, auf den Straßen. Sie bilden eine Gasse, um ihn hindurchzulassen. Kein Wort wird gesprochen, kein froher Zuruf ertönt. Schweigend geht der Rebbe durch die Reihe. Plötzlich bleibt er einen Moment stehen: da entringt sich ihm, halb erstickt, und doch nicht ohne Stärke, der Segensspruch: Boruch dajan emeß („Gelobt sei der gerechte Richter"; diesen Segensspruch sagt der gläubige Jude, wenn er eine Todesnachricht erhält)... Leise geht der Rebbe in sein Zimmer, um mit der schweren Prüfung Gottes allein zu sein... Chajim der Choßid und seine Freunde sind tief ergriffen; sie würden gerne erfahren: wer hat's ihm gesagt?...