Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 32 (12.8.1927)
- Date
- 1927-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 32 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG Seite 3 ituir Nachahmung der prominenten!), in dieser Oberschicht ist der Anteil der Juden sehr viel kleiner als man im allgemeinen annimmt. Da der Begriff des „Prominenten" ja nicht schart abzugrenzen ist, und man auch nicht das Recht hat, in zweifelhaften Fällen nach dem Stammbaum ZU fragen, ist es natürlich schwer, hier genaue Zahlen EU geben. Aber nach ziemlich gründlicher l'eberlegung glaube ich lagen zu können, dali unter den führenden deutsehen Schauspielern kaum ein Drittel (unter den Schauspielerinnen vielleicht^ etwas mehr) jüdischer Herkunft ist. Wenn also die zahlenmäßigen Vorstellungen des Anteils der judischen Schauspieler au den deutschen Bühnen sehr eingeschränkt werden müssen, so bleibt dennoch unleugbar, daß an der Entwicklung der deutschen Schauspielkunst seit drei Generationen jüdische Kunstler einen sehr wesentlichen Anteil haben. Vom Standpunkt der deutschen Kultur aus aber kann in keinem Falle behauptet werden, daß von diesen Künstlern jemals spezifisch „judische" Entwicklungen inauguriert worden sind. Sie standen immer in einer Bewegung, die als Ausdruck des Zeitbedürfnisses vom Leben der ganzen Nation gefordert wird, und die von Juden und Nichtjllden gleichmäßig getragen wurde. Als das Wiener Burgtheater durch seine letzte grolie Zeil vorbildlicher Schauspielkunst die Abschiedshöhe des noch unproblematischen Bürgertums verklärte, standen neben den luden Sonnenthal und 'I ewinsky „urgermanische Künstler, wie Baumeister und Krastel. Als mit dem Beginn der inneren Revolution der Naturalismus auch in der Schauspielkunst aufkam, war der Jude I manneI .Reicher Bahnbrecher und Verkünder, aber ^,111/ unjüdische Schauspieler, wie Kittner und die Llsc Lehmann. Vollender der neuen Kunst. Und noch am Ende brachte diese schauspielerische I poche nebeneinander zwei schauspielerische Phänomene stärk- ,ter Art hervor: den Elementarjuden Schildkraut und den Deutschen reinsten Hintes Albert Bassermann. Und an der gegenwärtigen Entwicklung haben neben so typisch „germanischen" Schauspielern, wie Kaysslei, Steinrück, Klopfer. Jannings, Werner Kraus, Juden wie Kortner, Trust Deutsch und der geniale Pallenberg, Anteil. Gleiche Volksschickaale in gleicher Zeit lassen hier Juden und Nichtjuden um neue Ausdrucksmöglichkeiten deutscher Schauspielknst V impfen. c Nur vom jüdischen Standpunkt aus liegt ja ein wirklich luffallendes Phänomen vor: denn auf dem Oebiet der Schauspielkunst haben es tatsachlich viel mehr Juden zu erstklassigen Leistungen gebracht, als im Bereich irgendeiner anderen Kunst, wo sie sich zwar mit gleichem Eifer einsetzen, aber sehr viel seltener zji wirklich schöpferischen, führenden Werken aufsteigen. Ls gibt allerdings ein ganz besonderes Verhältnis des Judentums zur Schauspielkunst. Das hat gar nichts mit der bei dieser Gelegenheit immer zitierten Kunst jüdischer „Anpassung", „Verstellung"; Beweglichkeit zu tun; denn Schauspielkunst ist ja, im Gegensatz zum Verwandlungskunststück des Varietemenschen, keine Verstellung, sondern durchscheinende Wahrheit, immer neue A u s p r ä g u n g s m ö g I i c hkeit eines reichen Ichs. Aber mit der urtümlichen Art dieser Kunst, die noch den ganzen Menschen mit allen Organen ugeteilt ergreift und unmittelbar in ihren Dienst zwingt, dürfte es zusammenhangen, daß künstlerisch befähigte Juden eher in der Schauspielkunst als in einer anderen zum höchsten Ziele kommen! In dieser Kunst ist die Gefahr viel (geringer, der ihre intellektuell Überstark entwickelte Art sonst so leicht erliegt: die Ucfahr im Virtuo- Sischen, im Spezialistentum eines einzelnen Organs zu erstarren. Der Schauspieler, der mit seiner ganzen Existenz arbeiten muH und dessen Rolle ein anderer, stärkerer, der Dramatiker immer, wieder in ein Oanzes zwingt, der Schauspielei kann sich glücklicherweise sehr viel schwerer als ein anderer Kunstler von jenem dumpfen (iesamtgefuhl entfernen, aus dem allein künstlerische Leistungen jeder Art wachsen. Anders, und wohl mehr mit den rein geschichtlichen Bedingungen Zusammenhängend, unter denen die Juden erst vor kurzer /Vit in die europäische Kulturgcmcinsi haft eingetreten sind, anders steht es um die (inmde, die die Juden im besonderen Malte zum Mittlertum in den Künsten befähigen. Dazu gehört im Bereich' des Theaters ebenso wie der Theaterkritiker auch der Organisator des Theaterwesens, der Direktor. Aul diesem Weinet ist die luden feindliche Legende besonders stark und besonders unsinnig. Dali so gut wie alle Theater Deutsehlands in jüdischen Ilanden ~lld. heißt da eine „ganz bekannte" Tatsache. Dabei steht fest, daß bis zur Revolution neun Zehntel der künstlerisch wichtigen deutschen Bühnen als Stadttheatcr und Hoftheater grundsätzlich für jüdische Leiter gesperrt waren, und an diesem bösen Prinzip hat sich trotz einiger sichtbarer Ausnahmen bisher keineswegs sehr viel geändert. Natürlich wurden die jüdischen Talente, die es auf diesem Oebiet gab, zur sammeugedrängt auf die verhältnismäßig kleine Zahl von Privattheatern, die es in Berlin und Wien und einigen anderen deutsche* Großstädten gab. Diese waren und sind allerdings i\x einem sehr erheblichen I eil in jüdischen Händen. Dali aber die Ocschichte des deutsehen Theaters im letzten Menschenalter wirklich sehr stark von jüdischen Bühnenleitern geformt worden ist, das hat nichts damit zu tun, dali den oft viel besser ausgestatteten, viel sorgloser arbeitenden grollen Bühnen der Städte und Staaten diese viel kleinere Zahl der Privattheater gegenüberstand. Das kommt beinJthe aussehlicßlich daher, dali die Führung im deutschen Theaterwesen seit 1885 an eine einzige Berliner Privatbiihne überging, dali das „Deutsche Theater" in Berlin dreimal, unter L'Arronge, unter Otto Brahm, unter Max Reinhardt, den Stil deutschen Buhllenwesens bestimmt hat. Diese drei Männei waieü Juden, und mau konnte als vierten in der Reihe Leopold J e Ii n e r nennen, der, jetzt allerdings an der Spitze der preußischen Staatstheater, /um viertenmal einem gewandelten Zeitempfinden den geforderten Bühnenausdriiclc gibt. Dabei aber stellt Jellner so wenig wie seine Vorgänger allein, er steht inmitten einer Zahl von Vorläufern, Mitarbeitern und Nachahmern, die größtenteils durchaus nicht Juden sind, und es erhellt, daß diese deutsehen Juden als Theaterleiter keineswegs eine spezifisch jüdische Sache durchgesetzt haben, sondern dali sie mit einer besonderen Begabung (zu der auch ihre jüdische Herkunft einen Beitrag geliefert haben mag) einen Ausdruck geschaffen haben, der vom Oeist und Wesen der Zeit dringend gefordert war. So haben sie mit den Theaterformen, die sie entwickelten, zugleich dem notwendigen geistigen Wachstum der Nation Luft geschaffen und sind wohlverdient um die ungeteilt einheitlichen Interessen der deutschem: Kultur. Als ungemein wertvolle Begründung der vorstellenden Ausführungen dürfen an dieser Stelle zwei Werke von Julius Bab erwähnt werden, in denen seine Darlegung im einzelnen belegt wird: Julius Bab, S e h a USpi eIer und Schauspielkunst (mit 32 ganzseitigen Schauspielerporträts. Oesterheld U. Co., Verlag Berlin) und Julius Bab, Die Chronik des deutschen Dramas. Fünfter Teil: Deutschlands dramatische Produktion 1919—1926 (Oesterheld u. Co. Verlag. Berlin). Die Stellung der deutschen Juden als schaffende und nachschaffende Künstler zeigen sie um so deutlicher, als sie die Dinge nicht vom Standpunkt des Juden, sondern dem des Deutscheu aus betrachten. Dadurch weiden die tatsächlichen Verhältnisse aufs klarste beleuchtet. Mehr als drei Dutzend literarischer Porträtzeichnungen vereinigt das Buch, das die wesentlichsten Vertreter der gegenwärtigen Schauspielkunst zeichnet; aber nur zwei (Schildkraut und Granach) zeigen in ihrer Kunst das Elementarjüdische. Wie stark auch die anderen bedeutenden jüdi- •TAGLICH ÜBER 100000 AUFLAGE* CS «t o c"ä fteueJfot'pjiger Jeitun& BEZUGSPRe.'S 2.10 MOSATUCH IM POSTBEZUG 3.42 EiASÜiL. BESTELLGELD CO CD O täglich Ober 100000 auflage<