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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1927-08-03 · 31 (3.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
3 (1927)
Issue
31 (3.8.1927)
Date
1927-08-03
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 3. Jahrgang Gedanken über jüdische Seelsorge Von üemeinderahbiucr Dr. Kein hold Lewin, Königsberg i. Pr., :..........icheint festzustehen, icheint grundsätzlich ausgemacht zu j : sein, dal! eine jüdische Seelsorge undenkbar ist. Ihr strengj I ' : genommener Begriff stellt einen Widerspruch in sich selbst : ■ : dar. Zur Ermöglichung nämlich wären zwei Vorbedingungen t..........: notwendig, an welch beiden es mangelt. I inmal hätte im Mittelpunkt unseres Glaubens die Seele zu stehen, sie und nichts weiter, wobei sie nicht so sehr als Kern unseres Wesens, als Prägstcmpel unserer Persönlichkeit, sondern mit einer gewissen mystischen Gegenständlichkeit zu setzen wäre. Auf ihre Pflege Bedacht zu nehmen, an ihrer Unbeflecktheit und Vervollkommnung zu arbeiten, hätte als unser oberstes, wenn nicht ausschließliches Anliegen vor Gott zu gelten. Unter Hintansetzung anderer Pflichten müßte die Erringung ihres ewigen Heiles unser Erstes wie unser Letztes -ein Dali von alledem in dieser Einseitigkeit und Zuspitzung da< Judentum wenig kennt, braucht nicht ausführlich belegt werden. Es genügt, ein paar Streiflichter fallen zu lassen. Man darf etwa an die Diesseitseinstellung unseres Glaubens erinnern, der von je die Seinen stärker daran gewohnte, mit beiden Füllen auf dieser Erde zu stehen als in die Wolken des Himmels zu starren. Mau mag des ferneren den Grundzug unserer Sittlichkeit berücksichtigen, die unbeschadet der Ansprüche, die uns gebühren. Recht und Wohlfahrt des Nebenmenschen auf unsere Schultern bürdet. Wie hieraus die geschichtliche Folgerung erwuchs, dall verhältnismäßig spät eine klare, bewußte Vorstellung von der Unsterblichkeit aufkam, dürfte vollends verständlich machen, dal! für uns ausgeprägte Sorge um die Seele nicht im Vordergrund steht. Ebensowenig ist die zweite Voraussetzung geliefert, ohne die es schwerlich gehen wird. Zur Seelsorge gehört gemeinhin eine besondre Menschengruppe, die, weil der grolle Durchschnitt in Sorge oder Taumel Alltag seine ernste Aufgabe vergißt, es ihrerseits als gottgewollte Bestimmung ansieht, die anderen zu überwachen und anzuspornen. Solch Eindringen in das fremde Gewissen, das aufgesucht, erweckt um! durchforscht wird, steht auf die Dauer nur jemand frei, der sich als den Vertreter eines Höheren weil!, von ihm mit eigener Weihe versehen, irgendwie aus der Menge herausgerissen und vor ihr begnadet. Dal', auch hiervon das Judentum nichts Ständiges annahm, ist unbestritten bekannt und geläufig. Die Bedeutung des Priesters, den es dereinst in seinem Tempel benötigte, beschränkte sich auf die fachminnische Wahrnehmung des Opferbetriebes. Sie wurde niemals zum überlegenen Mittlertun ausgeweitet. Um keinerlei Mißverständnil zuerlauben, wurde der Höchste des ganzen Standes im heiligen Augenblick sein« - Wirkens, der ihn allem Volk sichtbar preisgab, dazu veranlaßt, bevor er an die Sühne der Gesamtheit herantrat, seine Sündhaftigkeit zu bekennen, l ud als ihn gar der Schriftgelehrte, der Rabbi, verdrängte, blüh dessen Befugnis, in Fragen des gläubigen Wandels zu entscheiden, innerhalb eingeschränkter sachlicher Grenzen. Wer über rein und unrein, über erlaubt und verboten befand, durchsuchte nicht die Oesinnung des anderen. Sie war dem, der sie hegte, anheimge-trllt. Aus eigenem Drange, von Anleitung und Bevormundung frei, hielt er -ie wach, wies er sich über sie vor dem Richters tu hl dessen aus, der keinen Unterschied des Menschlichen kennt, jedem Geschöpf dal leiche Wollen und Können, das gleiche Irren und Streben zuerkennt. So machen die Dinge wirklich den Eindruck, geht man von dem!:•.:•).• •mmlielten Begriffe aus, als sei «ine jüdische Seelsorge unvorstellbar. Man muli sich schon entschließen, will man Aehnliches auf uns Übertragen, den gebräuchlichen Sinn, der an sich damit verknüpft wird, stark umzubiegen oder zu erweitern. Aus dem Klange, der da sonst angeschlagen ZU werden pflegt, muß ein erheblich anderer Ton sich heraushören und festhalten lassen. Dal! er in unserer Mitte irgendwelchen Nachhall finden kann, darf ohne weiteres erwartet werden, wenn man bedenkt: die allgemeine Anschauung, die gefühls- und willensmäßig aller Seelsorge zugrunde liegt, zählt zu den ursprünglichsten Trieben, den wertvollsten Kräften des Judentums. Auf die Anteilnahme am Nebenmenschen, der aus dem Fernsten zum Nächsten werden soll, restlos als unseresgleichen empfunden nach Anlage, Bedürfnis und Lebensrecht, ist bereits kurz verwiesen worden. Es hat nicht ausbleiben können, daf! seine Entwicklung, auch wo er sie von sieh aus gestaltete ohne unser Zutun, unabhängig von jenem Eingriff der Umwelt, uns nicht unberührt ieß. Seelische Verantwortlichkeit des einen für den andern muHte im weitesten verpflichtendsten Umfang sich als sittliche Forderung aufdrängen. Gleich die Anfangsblätter der Heiligen Schrift schrieben denn die Mahnung nieder, das eigentlich Böse sei in die Menschenwelt eingebrochen, als man sich dawider verwahrte, seines Bruders Hüter za sein. Entsprechend schärfte Mose, als er im einzelnen entfaltete, wie man sich Gottes Heiligkeit annähern könne, mit Nachdruck ein, man habe den Nächsten zurechtzuweisen, wolle man nicht ihn oder sich selbst mit Schuld beladen (so zwiefacher Auslegung ist der begründende Zusatz fähig, der mitunter auch dahin verstanden wird: die Rüge, die jenem ins Gewissen rede, habe sich einer Form zu befleißigen, die, nicht verletzend und beschämend, um uns einen Vorwurf zurückwerfe). Jn einprägsamer Anschaulichkeit formte der Prophet der Verbannung das Bild vom Wächter, der auf hohen Turm gestellt ist, um die Bewohner seiner Stadt zu warnen. So fühlt er sich, ein Vorbild des Gläubigen schlechthin, durch Gott vermahnt, das Haus Israel zu berufen. Der Frevler, der unverwaint stirbt, ohne dal! er zu ihm geredet hätte, er möge von seinem Wege umkehren, geht zwar durch eigene Schuld dahin; dennoch wird sein Blut von jenem gefordert. Der Mann, der Diener Gottes, rettet allein seine Seele, wenn er, unbekümmert um Gehör und Erfolg, die warnende Stimme erhebt. Diese wenigen Beispiele unseres Schrifttums mögen hinreichend sein, um die Erkenntnis und die Forderung aus jüdischem Geiste heraus zu vermitteln: die Entscheidung, die der andere in seinem Innern fällt, die Wahl, die er trifft, für rechts oder links, gut oder böse, die Gestaltung und Ausreifung seiner Sittlichkeit, darf nicht gleichgültig sein. Ein starker Teil seiner Verantwortung fällt auf uns, die mit Zuspruch, Mahnung und Rat bereitstehen sollen. Wie bitterernst es gerade das Judentum hiermit nimmt, erweist in späterer Zeit die Vorschrift seiner Gerichtsbarkeit, die einen Verbrecher erst dann der äußersten Strafe überlieferte, falls ihn Zeugen in der Stunde der Tat zutreffend und übereinstimmend verwarnten. Gleichsam nur zur Hälfte steht einer für sich ein; der Rest der Sorge, die er sich um seinetwillen zu machen hat, wird von uns allen mitgetragen. Jn derart erweitertem, vertieftem Verständnis, jener Einengung abhold, die Anschauungen und Gewohnheiten eines anderen Glaubens einbürgerten, würde also jüdische Seels«>rge angemessen, ja erforderlich sein. Gleichwohl soll man nicht die Schwierigkeiten unterschätzen, die sich von vornherein, wird ihre Verwirklichung begonnen, in den Weg stellen werden. Es sind unvermeidlich — gleichviel, wer sich nun immer berufen fühlt, in seinem Kreise den nfang zu wagen (denn nach dem, was bislang aufgezeigt wurde, unterliegt die Verpflichtung dazu, demzufolge auch die Möglichkeit, die davon jeweils Gebrauch macht, keiner Begrenztheit), es ist unvermeidlich, daß ein solcher Versuch in der nüchternen Wirklichkeit auf Bedenken und Mißverständnisse stößt. Er muß einem unangenehmen Verdacht bei jedem Betroffenen begegnen, der sich mit stoizer <nler demutsvoller Bewußtheit als Glied in eine Gemeinschaft eingereiht, die seit alters nur die gemeinsame Beichte aller vor ihrem Gottes kennt, mit lauter Stimme in gleichmäßigem Wortlaut abgelegt: keiner schließt sich aus, und jedem ist Gott, wird er in Wahrheit angerufen, so nah wie dem andern. Wie kommt einer dazu, sich etwas herauszunehmen? Verdient er nicht die Abwehr, fordert er Uc nich,« heraus, auf die er sich, mehr oder minder ungezogen, gefaßt machen muß? Aus derlei Gedankengängen, vielleicht sogar aus triebhaften, unterbewußten Regungen, denen immerhin, mögen sie auch in Ueberhebung und Unart sich entladen, nicht jegliche Berechtigung zi bestreiten ist, dürfte sich einigermallen erklären, weshalb jüdische Seelsorge nach fast allen Richtungen hin nein ein frommer Wunsch geblieben ist. Wo sie Anläufe nahm, steckte sie bald in Äußerlichkeiten fest, die sie ihres Besten und Tiefsten beraubten. Ihr widerfuhr noch ein erträgliches Schicksal, wurde sie mit Fürsorge überhaupt verwechselt, obgleich die Nöte des Leibes, die dann von ihr behohen wurden, nur höchst mittelbar Nöten der Seele abhalfen. Wohin sie aber nicht selten sich weiter und weiter verirrte (nicht zuleztt oder gerade bei denen, die sich von Amts wegen damit befaßten), beleuchtet mit besonderer Kraßheit jenes dickaufgetragene Kapitel in Gronemanns satirischen Roman, das die Sprechstunde eines gesett/estreuen Rabbiners vorführt. Alle Entstellung und Vergröberung zugute gehalten, die ganze Verzerrung des grausamen Spottes abgerechnet, wenn als Gipfel sogenannter Seelsorge «Iii- Ausprobierung des Sabbatpatentes erscheint, das an eigens konstruiertem, Gürtel das Tragen des Hausschlüssels nach Recht und Satzung vorsieht — trotz alledem bleibt der triftiges] Wahrheit genug zurück, um nicht bloß den ostjüdischen Betrachter verwundert den Kopf schütteln zu lassen. Harmloser, aber deshalb nicht minder bezeichnend (man könnte auch sagen: eben darum noch bezeichnender) prangerte kürzlich der Wohlfahrtsausweis einer mitteldeutschen Großgemeinde den üblichen Begriff und den üblichen Betrieb jüdischer Seelsorge an. Mit echt sächsischer Unschuld wurde da

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